Psychische Krise nach Geburt – Fachleute fordern mehr Wachsamkeit bei postpartalen Depressionen

Anhaltende Traurigkeit, Erschöpfung, Schuldgefühle, Gefühle von Inkompetenz oder Lustlosigkeit: Es gibt viele Anzeichen einer postpartalen Depression. Und manchmal sind sie schwer von den Umwälzungen zu unterscheiden, die mit der Geburt eines Kindes einhergehen.
Zu den wichtigsten Risikofaktoren gehören eine depressive Vorerkrankung, soziale Isolation sowie eine schwierige oder sogar traumatische Geburt, sagt Camille Bérard, freiberufliche Hebamme und Psychologin, gegenüber dem Westschweizer Radio und Fernsehen (RTS).
Hebamme Camille Bérard: «Wir haben Mühe, darüber zu sprechen»
Die ersten Tage nach einer Geburt sind oft von grosser emotionaler Verletzlichkeit geprägt. Diese Phase erhöhter Sensibilität ist an sich nicht pathologisch. Sie ist auch Teil des Bindungsprozesses: Der Elternteil wird besonders empfänglich für die Signale des Neugeborenen.
Während dieser Zeit werden bis zu 80 Prozent der Frauen vom sogenannten Babyblues erfasst. Dieser wird unter anderem verursacht durch hormonelle Veränderungen, Müdigkeit und die Anpassung an das neue Leben. Aber diese Verletzlichkeit sollte eine Mutter nicht daran hindern, den Alltag zu bewältigen.
Anhand der Dauer und der Intensität der Symptome kann dieser vorübergehende Zustand von einer Depression unterschieden werden. Wenn Traurigkeit, Erschöpfung, Schuldgefühle oder das Gefühl, nicht mehr zurechtzukommen, länger als zwei Wochen andauern, einen grossen Raum im Alltag einnehmen und die Beziehungen oder die Lust beeinträchtigen, sich um das Kind zu kümmern, müsse man sich Sorgen machen, betont Bérard.
Mit Fragebogen Depressionsrisiko erkennen
In einem kürzlich publizierten Dokument empfiehlt die Eidgenössische Kommission für Familienfragen ein systematisches und frühzeitiges Screening der postpartalen Depression. Dieses könnte bereits während der Schwangerschaft beginnen, zum Beispiel durch die Identifizierung allfälliger psychischer Vorerkrankungen oder anderer Risikofaktoren, und dann nach der Geburt fortgesetzt werden.
Es gibt Instrumente dafür, etwa den Edinburgh Postnatal Depression Scale, einen Fragebogen mit zehn Fragen, mit dem das Gesundheitspersonal das Depressionsrisiko einer Patientin einschätzen und sie bei Bedarf an eine professionelle Betreuung überweisen kann.
In der Praxis wird dieses Screening jedoch nicht überall durchgeführt. Die Konsultationen seien oft sehr auf die Gesundheit des Babys, das Stillen oder medizinische Untersuchungen ausgerichtet, manchmal auf Kosten einer einfachen Frage: «Wie geht es Ihnen?», stellt die Hebamme Camille Bérard fest.
Die Schlüsselrolle des Umfelds
Die soziale Unterstützung gehört zu den wichtigsten Schutzfaktoren. Eine stabile Beziehung zum Partner oder zur Partnerin, die Anwesenheit von Angehörigen, aber auch der Zugang zu Hebammen, Kinderärzten, Ärztinnen oder Sozialarbeiterinnen können jungen Müttern helfen, diese Phase zu durchleben.
Bérard empfiehlt besonders, im Umfeld des Elternteils die Personen und Fachleute zu identifizieren, an die man sich bei Schwierigkeiten wenden kann. Es gehe darum, sich umsorgt zu fühlen und über Orte zu verfügen, wo man seine Ängste äussern oder Fragen stellen kann.
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