Ihre Anfragen im Faktencheck – «Wächst» das Eis in der Antarktis?

Ihre Anfragen im Faktencheck «Wächst» das Eis in der Antarktis?
Der Eiszuwachs in der Antarktis breche neue Rekorde. Stimmt das – und wie passt das mit dem Klimawandel zusammen?
26.09.2026, 10:03
Worum geht es? Rekordhitze im Sommer und Temperaturen von bis zu 30 Grad Ende September – und gleichzeitig wächst die Eismasse in der Antarktis? Diese Behauptung wird in sozialen Medien vielfach geteilt. Demnach gäbe es am Südpol den grössten Eiszuwachs innerhalb von 22 Monaten seit Beginn der Messungen. Die Beiträge erwecken den Eindruck, Klimaforscher stünden vor einem Rätsel und die Klimakrise passe nicht zu den Beobachtungen. Ein SRF-User fragt, ob das stimmt.
Woher kommen die Zahlen? Die Beiträge der sozialen Medien nennen keine Quelle. Eine Recherche zeigt jedoch, dass verschiedene Medien über eine neue Studie berichten. Diese wurde Ende August im Fachmagazin Nature veröffentlicht. Darin untersucht ein Forscherteam die Entwicklung der Eismassen in der Antarktis.
Was sagt die Studie? Tatsächlich verzeichnete die Antarktis zwischen 2021 und 2023 einen Zuwachs von rund 695 Milliarden Tonnen Eis. Grundlage sind Satellitendaten der GRACE-Mission. Der Zuwachs fiel regional sehr unterschiedlich aus: Vor allem in der Ostantarktis nahm die Eismasse deutlich zu. Gleichzeitig setzte sich der Eisverlust in Teilen der Westantarktis fort. Die Messdaten zeigen zudem, dass die Eismasse nach 2023 erneut zurückging.
Wieso ist das Eis gewachsen? Die Ursache für den Eiszuwachs liegt nicht direkt in der Antarktis, sondern in einem Meeresgebiet zwischen dem Pazifischen und dem Indischen Ozean, dem «Warmwasserpool». Veränderungen der Meerestemperaturen beeinflussen die Atmosphäre und damit die Wetterverhältnisse. Zwischen 2021 und 2023 erwärmte sich der Warmwasserpool besonders stark. Als Folge wurde ein dynamischer Effekt in Richtung Südpol gelenkt. Es kam zu einer Hochdrucklage über der Ostantarktis mit intensiven Schneefällen.
Ist das ein neues Phänomen? Der Glaziologe Ingo Sasgen erklärt, dass ein solcher Zusammenhang zwischen Wetterlagen und Schneefällen grundsätzlich bekannt sei. «In seiner Ausprägung und Intensität war dieses Ereignis jedoch ungewöhnlich», sagt der Experte vom Alfred-Wegener-Institut. Für die Entwicklung der Eismassen in den Polarregionen seien zahlreiche Prozesse verantwortlich. «Mehr Schneefall kann regional und zeitweise zu einer Zunahme der Eismasse führen.»
Wächst die Antarktis also langfristig? Für Ingo Sasgen ist die Studie wissenschaftlich bedeutsam. Die Untersuchung liefere eine schlüssige Erklärung für das Phänomen der Eiszuwächse: «So wie die Autoren es in der Studie zum Ausdruck bringen, ist der Zuwachs eher kurzfristig», meint Ingo Sasgen. «Langfristig überwiegen jedoch die Verluste durch das Abschmelzen der Gletscher.» Sasgen gibt zu bedenken: «Gute Daten für die Antarktis haben wir erst seit 1979. Viele Dynamiken – speziell beim Klima – zeigen sich erst mit langen Messreihen und Untersuchungen.»
Was ist das Fazit? Die Recherche zeigt: Zwischen 2021 und 2023 hat die Eismasse in der Antarktis tatsächlich zugenommen. Der Anstieg war jedoch vorübergehend und lässt sich durch aussergewöhnliche Wetterbedingungen erklären. Er bedeutet keine Trendumkehr beim Schmelzen des Antarktiseises. Die in den sozialen Medien genannten Zahlen gehen auf eine aktuelle wissenschaftliche Studie zurück. Anders als dort suggeriert, stehen die Forschenden dem Phänomen nicht ratlos gegenüber. Die Studie liefert vielmehr plausible Erklärungen für den zeitweiligen Eiszuwachs in Teilen der Antarktis.
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