«Europa ist das Ventil für den Druck im Kessel der USA»

- USA-Experte Tobias Endler erklärt: Europa ist zum Ventil für den innenpolitischen Druck der Trump-Regierung geworden.
- Weil Trump seine Wirtschaftsversprechen nicht einhalten kann, wächst der Druck auf Europa – mit China und Russland sei eine ähnliche Aggression nicht möglich.
- Endler warnt davor, bei einem Sieg der Demokraten an den Midterms vom 3. November eine Kurskorrektur gegenüber Europa zu erwarten.
Am 3. November kommt es in den USA zu den Zwischenwahlen – und Donald Trump braucht dringend einen Stimmungswechsel. Die Umfragewerte sind historisch schlecht, sogar seine Basis ist teils verärgert. Politikwissenschaftler Tobias Endler erklärt, warum er keinen Kurswechsel erwartet – und weshalb Europa auch über Trumps Amtszeit hinausdenken muss.
Tobias Endler, Trump sagt bei seinem ersten Wahlkampfauftritt in Texas, seine Regierung leiste «phänomenale Arbeit», verkaufe diese aber schlecht. Wird er plötzlich selbstkritisch?
Das sind tatsächlich neue Töne. Natürlich bemerkt er die schlechten Umfragen, auch wenn sie nicht zu seinem Selbstbild passen. Er empfindet die Notwendigkeit, sich und seine Politik zu erklären. Das ist schon ein Wachwerden. Bemerkenswert ist auch, wo er auftritt: Zuerst Texas, danach geht es weiter nach Oklahoma – einen republikanischeren Bundesstaat gibt es kaum. Früher hätte man gesagt: Er holt sich dort Rückenwind, wo er sowieso gewinnt. Jetzt bekommt man den Eindruck, er muss Schadensbegrenzung betreiben. Das passt überhaupt nicht zu seinem Dauergewinner-Image.
Macht dieser Druck Trump jetzt kompromissbereiter?
Ich sehe kein Einlenken. Im Gegenteil: Ich erwarte mehr Härte und Aggression. Eine Kurskorrektur wäre ein Eingeständnis, dass er seine zentralen wirtschaftlichen Versprechen nicht eingehalten hat. Lebensmittel, Energie, Benzin, Kreditkartenzinsen: Die Preise sind nach wie vor viel zu hoch. Das tut den Menschen weh. Aber Trump sagt immer wieder: «I never lose.» Diesen Mythos der Unbesiegbarkeit kann er nicht einfach aufgeben.
Was bedeutet dieser innenpolitische Frust für seine Aussenpolitik?
Europa ist zum Ventil für den Druck im Kessel der USA geworden. Heisst: Trump hält seine wirtschaftlichen Versprechen nicht ein, die Menschen sind unzufrieden, Europa büsst. Denn mit China kann Trump das wegen der wirtschaftlichen Verflechtungen und der Grössenverhältnisse nicht machen. Mit Russland will er es nicht, denn da ist unter anderem diese bizarre Faszination für Putin.
Über den Experten
Tobias Endler studierte Politikwissenschaft, Amerikanistik und Germanistik an der Universität Heidelberg. Dort promovierte er zum aussenpolitischen Diskurs der USA nach 9/11. Zwischen 2007 und 2008 absolvierte er einen Forschungs- und Lehraufenthalt an der Yale-Universität. Endler veröffentlichte mehrere Bücher zu den USA, den transatlantischen Beziehungen und zum Westen sowie zu Fragen der Demokratie. Seine aktuellen Forschungsschwerpunkte sind Demokratie und Diskurs, Populismus und Polarisierung in westlichen Gesellschaften, der Zustand und die Zukunft des «Westens» sowie die USA und die transatlantischen Beziehungen.
Ihr neues Buch heisst «USA – Der neue Feind». Ist das eine Kampfansage?
Das werde ich oft gefragt. Aber nein. Die US-Regierung hat Europa diese Kampfansage längst gemacht. Sie fährt eine offen aggressive Linie auf drei Ebenen: Ideologie, Handel sowie Sicherheit. Das Ausmass dieser Aggression ist enorm, weil die USA nach wie vor die bedeutendste Macht im Westen sind und über Jahrzehnte Abhängigkeiten entstanden sind. Gerade gegenüber der Schweiz besteht ein enormes Kräfteungleichgewicht.
Die USA haben schon immer ihre eigenen Interessen verfolgt. Was ist jetzt anders?
Neu ist die direkte Verknüpfung von Handel und Sicherheit. Die Trump-Regierung hat zum Beispiel ein Preisschild an die Nato geklebt: Wenn die anderen nicht genug bezahlen, wird die Sicherheitsgarantie infrage gestellt. Umgekehrt muss Europa sicherheitspolitisch auf Linie sein, damit es Handel geben kann. Dazu kommt ein ideologischer Kampf. Die Botschaft lautet nicht einfach: Macht ihr euer Ding. Sondern: Ihr seid auf dem falschen Weg, und wir korrigieren euch, notfalls mit Gewalt.
Kanada sucht jetzt eine engere Partnerschaft mit der EU. Ist das der richtige Weg, um unabhängiger zu werden?
Ich kann die Kanadier verstehen, dass sie sich nach einer Alternative umschauen. Schon der Streit, den die US-Regierung mit Kanada vom Zaun gebrochen hat, ist völlig widersinnig. Kanada ist ein zentraler Handelspartner, liefert Rohstoffe und Energie. Gleichzeitig zeigt die aggressive Reaktion aus Washington auf eine engere EU-Partnerschaft, wie aufgeladen das Verhältnis inzwischen ist. Ursula von der Leyen hatte die Idee kaum formuliert, da drohte Trump bereits mit harschen Konsequenzen. Dass der Westen so auseinanderdriftet, kann nicht der Weg sein, den wir gehen wollen oder sollten. Aber es ist der Weg, den die mächtigste Nation in der westlichen Hemisphäre eingeschlagen hat.
Könnte sich das ändern, wenn die Demokraten bei den Midterms am 3. November gewinnen?
Ich glaube, dass wir davon ausgehen können, dass die Demokraten das Repräsentantenhaus gewinnen werden. Das würde die nächsten zwei Jahre für Trump unangenehm machen. Aber ich warne davor, daraus eine Kurskorrektur gegenüber Europa abzuleiten. Der Präsident hat weitreichende Befugnisse. Er kann verdammt viel entscheiden. Und auch die Demokraten sind erst einmal mit ihrem eigenen Land beschäftigt. Sie kämpfen um die Richtung ihrer Partei und um innenpolitische Fragen. Das Verhältnis zu Europa steht nicht an erster Stelle.
Wie viel Hoffnung darf Europa in die Zeit nach Trump setzen?
Die USA schwankten schon immer zwischen zwei Polen: die Welt nach ihren Vorstellungen zu gestalten und sich aus ihr zurückzuziehen. Trump trat zunächst für den Rückzug an: keine neuen Kriege, Amerika zuerst. Das ist gekippt. Heute geht es darum, sich auf Kosten anderer durchzusetzen. Trump macht immerhin noch jeden Deal, der ihm nützt. 2
Die Leute um ihn herum, die nachfolgen, sind ein ganz anderes Kaliber. J. D. Vance oder Stephen Miller sind Hardcore-Ideologen. Ihre Grundhaltung: Die Starken tun, was sie können, und die Schwachen erleiden, was sie müssen. Dieses Thukydides-Zitat aus der griechischen Antike wird ausgerechnet bei den führenden Köpfen im MAGA-Lager wieder sehr populär. Deshalb fürchte ich, dass die Politik gegenüber Europa noch eine ganz andere ideologische Härte bekommt. Trump ist erst der Anfang.
Carolin Teufelberger (cat) arbeitet seit 2024 für 20 Minuten als Redaktorin beim Ressort News, Wirtschaft & Videoreportagen.
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