Diese drei Feuerwehrleute sassen am 11. September 2001 im selben Löschfahrzeug: 45 Sekunden retteten ihnen das Leben
Der kräftige Mann mit dem weissen Schnauz wartet vor seinem Haus, als die Reporter eintreffen. «Meine Frau hat Kaffee gekocht und Kuchen gebacken», sagt Patrick O’Keefe (68) zur Begrüssung. «Und ich habe zwei Freunde mitgebracht.»
Er trägt ein dunkelblaues T-Shirt mit dem Malteserkreuz der New Yorker Feuerwehr. Darunter die Zahl 343. Dieselbe Zahl steht auf seiner schwarzen Baseballmütze.
343.
So viele Feuerwehrleute starben am 11. September 2001 bei den Anschlägen auf New York. Keine Feuerwehr der Welt verlor je an einem Tag mehr Menschen. O’Keefe und seine beiden Freunde hatten Glück im Unglück. Eine schicksalhafte Verzögerung von 45 Sekunden rettete ihnen das Leben.
Ein Vierteljahrhundert später bittet O’Keefe in sein Haus in Throgs Neck, einem ruhigen Quartier im Osten des New Yorker Stadtteils Bronx. Am Esstisch sitzt Dominic Carone (52) in einem hellblauen Hemd. Auf seinem Unterarm ist eine farbige Tätowierung zu sehen. Wenig später stösst Jimmy Guidice (62) dazu. An seiner Halskette hängt ein goldenes Kreuz. Auf den Unterarmen stehen die Namen seiner Kinder und ein Lebensmotto.
Die pensionierten Feuerwehrmänner verbindet mehr als der Beruf. Sie sassen an jenem klaren Dienstagmorgen im selben Löschfahrzeug. Gemeinsam fuhren sie zum brennenden World Trade Center, standen auf der Strasse, als der Nordturm einstürzte, und wurden vom Staub verschluckt. In den Tagen und Wochen danach suchten sie in den Trümmern nach den sterblichen Überresten ihrer Kollegen.
Ursprünglich hatte sich nur O’Keefe mit Blick zum Gespräch verabredet. Dann merkte er, dass er diesen Termin nicht allein wahrnehmen konnte. Er rief Carone und Guidice an. «Ich dachte, ihr würdet zögern», sagt er und schaut die beiden an. «Aber ihr habt sofort Ja gesagt.»
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Kurz nach Viertel vor neun
Früh am Morgen des 11. September waren sie in ihrer Feuerwache in der Bronx. Kurz nach Viertel vor neun kam über Funk die Meldung, ein Flugzeug sei ins World Trade Center geflogen. Zunächst dachten sie an eine kleine Propellermaschine. Dann sah O’Keefe im Fernsehen das zweite Flugzeug. «Es sah aus wie ein Käfer, der über den Bildschirm fliegt. Und dann: Boom.»
O’Keefe, an diesem Tag als Fahrer eingeteilt, tankte den Wagen. Er wusste: Sie würden nach Downtown geschickt.
Auf den Strassen herrschte Chaos. Überall standen Autos. Die Menschen wollten weg. Die Feuerwehr bahnte sich einen Weg in die entgegengesetzte Richtung.
Im Löschfahrzeug entbrannte ein Streit. Guidice wollte geradeaus, O’Keefe über die West Side. O’Keefe, der Älteste im Team, setzte sich durch. 45 Sekunden, schätzt Guidice, verloren sie damit. Als sie den Wagen auf der West Side stehen liessen und zu Fuss weitergingen, war der Südturm bereits eingestürzt.
Sie näherten sich dem Nordturm. Doch bevor sie ihn erreichten, begann er einzustürzen. Die 45 Sekunden, die der Streit gekostet hatte, retteten ihnen das Leben. Davon sind sie überzeugt.
Auf Augenhöhe mit der Antenne
Was macht ein Feuerwehrmann in einem solchen Moment, wenn er weiss, dass Kollegen im Gebäude sind? «Wir rannten», sagt Carone.
«Du kannst nichts mehr tun», sagt O’Keefe. «An diesem Punkt musst du dein eigenes Leben retten.» Er erinnert sich, dass er zunächst stehen blieb, «wie ein Reh im Scheinwerferlicht». Er starrte auf das einstürzende Gebäude, bis die Antenne fast auf Augenhöhe zu sein schien. «Da wusste ich: Ich muss hier weg.»
Carone stand einige Häuserblocks entfernt, bei einer Fussgängerbrücke. Auch er erstarrte. Jemand schlug ihm auf die Schulter und schrie: «Dreh dich um. Lauf!» Die Welt wurde schwarz. Er hörte Stahl, der um ihn herum aufschlug. «Ich dachte: Das war’s. Ich ersticke jetzt.» Er prallte gegen das Heck eines Feuerwehrwagens, verlor den Helm und spürte, wie die Atemmaske gegen sein Bein schlug. Er setzte sie auf und ging auf die Knie. In diesem Moment packte ihn ein Polizist, warf ihn auf den Rücksitz seines Streifenwagens und fuhr ihn aus der Staubwolke.
Als Carone ausstieg, erbrach er, was er eingeatmet und geschluckt hatte. Dann lief er zurück, um seine Freunde zu suchen. Er fand O’Keefe und Guidice. Beide waren wie er vom Staub des World Trade Centers bedeckt.
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«Just a bad day»
Einfach ein schlechter Tag sei das gewesen, so fasst es Guidice bis heute zusammen. «Die Leute fragen: Hattest du am 11. September Dienst? Ich sage: Ja. – Du warst dort? – Ja. – Was ist passiert?» Er macht eine Pause. «Just a bad day.»
Mit diesem Satz kippt die Stimmung am Esstisch. Guidice wischt sich Tränen aus den Augen. O’Keefe legt die Hände vor sich hin und ringt um Fassung. «Ich dachte nicht, dass mich das so hart trifft», sagt er. «Ich habe Hühnerhaut. Ich zittere innerlich, während ich mit Ihnen rede.» Seine Nervenenden fühlen sich an, «als bekämen sie Stromschläge».
Guidice sagt, allein die Zusage zu diesem Gespräch habe ihn Überwindung gekostet. «Es ist schwer, darüber zu reden. Es holt die Angst und die schlechten Gefühle zurück.» Er sei nur gekommen, weil sein Freund ihn gebeten habe. «Wir unterstützen uns.» Auf einem Unterarm trägt Guidice drei Zeilen: «Time is precious. Life is short. Hug your loved ones.» Die Zeit ist kostbar. Das Leben ist kurz. Umarme deine Liebsten.
Was bedeutet der 11. September heute, 25 Jahre später? «Ein Jahrestag von Tod und Zerstörung, den du nicht abschütteln kannst», sagt O’Keefe. Welche Spuren der Tag in seinem Leben hinterlassen hat, zeigt eine Vitrine in einem engen Raum. Darin stehen ein Kreuz aus dem Stahl des World Trade Centers, Feuerwehrfiguren und zwei Kerzen in Form der Twin Towers. Eine Plakette trägt die Worte «Never forget».
An der Wand hängt ein Plakat mit den Namen der 343 getöteten Feuerwehrleute: «Thank you for the lives you saved.»
Für Guidice beginnt die Erinnerung nicht erst am Jahrestag. Sie kommt, wenn das Wetter wechselt. Wenn in New York die Schwüle des Sommers weicht und die erste klare, kühle Herbstluft durch die Strassen zieht, wächst in ihm die Unruhe. Der Himmel an jenem Morgen war blau, die Luft frisch. Am Abend zuvor hatte ein heftiges Gewitter die schwüle Luft aus der Region vertrieben. «Wenn es klar wird, bauen sich bei mir Stress, Angst und Trauer auf.»
O’Keefe ergänzt: «Und Dankbarkeit.»
«Ja», sagt Guidice. «Dankbarkeit. Und das Bewusstsein, dass wir leben und ein gutes Leben führen müssen, um jene zu ehren, die gestorben sind.»
Scheidung und vorzeitiger Ruhestand
Carone zog aus diesem Gedanken schon früh eine radikale Konsequenz. Er war damals 27 Jahre alt. Zwei enge Freunde aus seiner Jugend starben im World Trade Center. Einer von ihnen hatte ihn dazu gebracht, Feuerwehrmann zu werden. Zwei Wochen nach den Anschlägen trennte sich Carone von seiner Frau. «Ich dachte: Ich bin beinahe gestorben, ich lebe in einer unglücklichen Ehe. Da muss ich was ändern.»
Mit seiner zweiten Frau hat er drei Kinder. Seine 15-jährige Tochter fragt ihn oft nach dem 11. September. Sie will wissen, was er tat, was er sah. Manchmal kommt sie zu ihm, wenn im Fernsehen Bilder von damals zu sehen oder Stimmen zu hören sind. «Daddy, ich will das mit dir anschauen», sagt sie. Carone erzählt ihr einiges, aber nicht alles. «Mir fällt es noch immer schwer, darüber zu reden.»
O’Keefe verliess die Feuerwehr 2003, Jahre vor dem geplanten Ruhestand. «Ich sagte zu meiner Frau: Wir haben diesen Angriff überlebt. Wie gross ist die Chance, auch den nächsten zu überleben? Die werden es wieder versuchen.» Seine Frau sagte: «Hör auf.»
Guidice ist bis heute in therapeutischer Behandlung. Das 9/11-Museum hat er noch nie besucht. Die Vorstellung, dort den schlimmsten Tag seines Lebens «in einer Endlosschleife» noch einmal zu erleben, hält ihn davon ab. Zugleich hat er ein schlechtes Gewissen, weil er nicht hingeht.
Nach den Anschlägen kehrten die drei Männer immer wieder nach Ground Zero zurück. Sie suchten nach Leichen und Leichenteilen ihrer Kollegen. O’Keefe stand jeden zweiten Tag auf dem Trümmerberg, Carone so oft wie möglich. «Ich musste dort sein», sagt er. «Es war therapeutisch. Wir konnten viele Männer zu ihren Familien zurückbringen.»
Würden Sie es wieder tun?
Jahr für Jahr füllen die drei Fragebögen des Gesundheitsprogramms für die Helfer von Ground Zero aus. Eine Frage ärgert O’Keefe jedes Mal: Würden Sie es mit allem, was Sie heute wissen, wieder tun? «Absolut, ja», sagt er. Guidice stimmt ihm zu. Er kenne keinen Feuerwehrmann, der anders antworte.
Dabei hatten sie nach den Anschlägen monatelang Luft eingeatmet, die womöglich krank machte. Die Behörden ordneten an, eingestaubte Autos zu entsorgen. Die Luft aber erklärten sie für unbedenklich. Auch ihr unbeschädigtes Löschfahrzeug nahm die Feuerwehr wegen der Schadstoffbelastung aus dem Dienst. «Unser Fahrzeug ist kontaminiert? Aber wir können die Luft atmen?», fragt O’Keefe und rollt die Augen.
Guidice sagt, er habe bis heute körperliche Beschwerden. Carone glaubte lange, er werde keine zehn Jahre mehr leben. «Ich bin erstaunt, dass ich noch hier bin.»
Die Anschläge haben bei den Männern nicht nur Trauer hinterlassen, sondern auch Wut. Auf die Täter angesprochen, sagt O’Keefe, er wünschte, er hätte sie selbst töten können.
«Nur wir vergessen nie»
Was ist aus New York geworden? «9/11 hat alle zusammengebracht», sagt O’Keefe. «Wir waren alle auf derselben Seite.» Carone erinnert sich an Menschen, die abends applaudierten, wenn die Feuerwehrleute Ground Zero verliessen. «Es fühlte sich vereint an.»
Heute sei diese Einheit verschwunden, sagt O’Keefe. «Dieses ‹Never forget› ist weg. Nur wir vergessen nie.»
Guidice formuliert es vorsichtiger. Es gebe das «Never forget» schon noch. «Und dann gibt es Momente, in denen du versuchst, dich nicht zu erinnern.» Vielleicht hätten Menschen, die nicht dort gewesen seien, das Recht, zwischendurch zu vergessen. «Vielleicht müssen jene, die dort waren, dasselbe versuchen.»
Am 11. September dieses Jahres fahren die drei gemeinsam mit der Fähre von der Bronx an die Südspitze von Manhattan. Sie werden ihre Uniformen tragen und früh an Ground Zero stehen. «Wenn wir heute die Uniform anziehen», sagt Guidice, «ist es fast nie für etwas Freudiges. Meistens ist es eine Beerdigung oder eine Gedenkfeier.»
Sie bleiben, bis die letzten Glockenschläge an den Einsturz des Nordturms erinnern. Die drei Männer werden nebeneinanderstehen. Wie damals. Nur 25 Jahre älter. Aber immer noch am Leben.
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