Fünffache Weltmeisterin: «Das, was drinsteht, macht mir Angst»

- Linh Tran (31) ist fünffache Weltmeisterin im Töggelen und lebt als Vollprofi von ihrem Sport.
- In ihrem Buch «Aus dem Handgelenk» erzählt die Deutsche offen von Leistungsdruck, gefälschten Zeugnissen und jahrelangen Selbstzweifeln.
- Mit 20 Minuten hat Tran ganz offen gesprochen.
Wenn Linh Tran (31) am Tisch steht, gibt es kaum Raum für Ausreden. Der Ball liegt bereit, der Gegner beugt sich auf der anderen Seite über die Stangen, jede Bewegung kann entscheiden. Tischfussball sei für sie «wie dauerndes Penaltyschiessen», sagt Tran zu 20 Minuten. Eine Sportart, die so einfach aussieht und in der doch Technik, Taktik, Reaktionsvermögen und vor allem Nervenstärke entscheiden.
Fünfmal wurde sie Weltmeisterin. Sie gewann internationale Turniere, schlug Nationalspieler und schaffte etwas, das im Tischfussball noch immer aussergewöhnlich ist: Sie kann als Vollprofi von ihrem Sport leben. «Dieser Satz ist für mich so unglaublich», sagt Tran. «Auf meinem Weg gab es viele Menschen, die daran zweifelten und sagten: Das geht nicht, das schaffst du nicht.»

«Wann bin ich als Mensch gut genug?»
Jetzt veröffentlicht Tran ihr Buch «Aus dem Handgelenk: Warum ich Weltmeisterin im Tischkickern werden musste». Darin erzählt sie offen von ihrer Kindheit, ihren Eltern, der Fluchtgeschichte aus Vietnam und dem Druck, der sie lange begleitete. Es ist ein Buch über Erfolge, aber vor allem über die Frage, die sie selbst über Jahre nicht losliess: «Wann bin ich als Mensch gut genug?»

«Das, was drinsteht», mache ihr manchmal Angst, sagt Tran. Menschen, die sie sehr gut, wenig oder gar nicht kennen, könnten nun ihre Geschichte lesen. Gerade die verletzlichen Stellen seien zunächst schwer auszuhalten gewesen. Tran, die viele als unerschütterliche Gewinnerin wahrnehmen, wollte Passagen über Tränen und Unsicherheit anfangs abschwächen. Ihre Co-Autorin Mara Pfeiffer überzeugte sie davon, dass gerade diese Seiten ihre Geschichte vollständig machten.
Als Jugendliche fälschte sie Zeugnisse
Besonders schwierig sind die Kapitel über ihre Eltern. «Das Verhältnis ist bis heute kompliziert», sagt Tran. Die Eltern wissen, dass das Buch entsteht, aber noch nicht, dass es erschienen ist. Das liege nicht nur an einer sprachlichen Barriere. Ihre Eltern nahmen Vietnam mit nach Deutschland, sie selbst wuchs zwischen vietnamesischer und deutscher Kultur auf. Über Gefühle werde in ihrer Familie kaum gesprochen. Das Buch konfrontiere ihre Eltern nun genau mit diesen Emotionen.

Tran beschreibt im Buch nicht nur den hohen Druck zu Hause, sondern auch Bestrafungen. Schon eine schlechte Note konnte zum grossen Konflikt werden, eine Zwei war nicht immer gut genug. Sie fälschte deshalb als Jugendliche Zeugnisse. Nicht aus Leichtsinn, sondern aus Angst. Nach einer Drei im Halbjahreszeugnis habe sie gewusst, dass sie unmöglich ihre ganze Schulzeit nur Einsen und Zweien liefern könne. Also suchte sie nach einer Lösung.
Den Eltern macht sie dennoch keinen Vorwurf. Sie seien unter schwierigen Bedingungen aufgewachsen und als Geflüchtete aus Vietnam nach Deutschland gekommen. «Sie kennen nichts anderes, ausser dass Leistung gleich Überleben bedeutet», sagt Tran. Für sie sei Leistungsdruck der Weg zu einem sicheren Leben gewesen. «Ich würde meinen Eltern auch nie irgendwas vorwerfen, diesbezüglich.»
Tran will sich nicht nur über Leistung definieren
Man merkt im Gespräch: Jetzt geht es Tran sehr gut. Sie lacht viel, ihre Augen blitzen vor Freude. Doch das war nicht immer so. Noch als dreifache Weltmeisterin habe sie sich nicht gut genug gefühlt. Was ihr einst Freude bereitete, sei plötzlich mit Schwere und Traurigkeit verbunden gewesen. Tran holte sich Hilfe bei einem Mental Coach und begann, die Glaubenssätze aus ihrer Kindheit aufzubrechen.
Mittlerweile gehe es ihr deutlich besser. Die Gedanken seien nicht einfach verschwunden, sagt sie. Aber: «Ich glaube, es geht vielmehr darum, einen Umgang damit zu finden, als das jetzt irgendwie rauszulöschen.» Und das Wichtigste: Sie wolle sich nicht mehr ausschliesslich über ihre Leistung definieren.

Tran bestreitet nicht, dass sie ihre Prägung stark gemacht hat. Aber sie widerspricht der Vorstellung, dass Druck die Voraussetzung für Erfolg sei. «Ich bin der festen Überzeugung, dass man das, was ich geschafft habe, auch ohne die Erziehung, die ich hatte, schaffen kann und sogar vielleicht noch erfolgreicher sein kann.» Ambition sei nicht das Problem, solange sie nicht über den Wert eines Menschen entscheide.
Gibt es Sexismus im Tischfussball?
Tischfussball faszinierte sie, weil der Sport ihr ein Gefühl von Kontrolle gibt. Wer den Ball hat, trifft die Entscheidung. Dazu kommt der mentale Kampf. Tran analysiert ihre Gegnerinnen und Gegner wie eine Schachspielerin. Auf dem Handy führt sie eine passwortgeschützte Notizen-App mit Stärken, Schwächen und Mustern ihrer wichtigsten Konkurrenten. Selbst Geld sei ihr schon angeboten worden, damit sie diese Daten weitergebe.
Dass sie als Frau im offenen Feld gegen Männer spielt, ist für Tran zugleich Chance und Kampf. Körperliche Unterschiede gebe es auch am Tisch, etwa bei Schnellkraft und Kraftausdauer. Doch auf hohem Niveau könne man vieles über Analyse, Technik und mentale Stärke ausgleichen. Respekt müsse sie sich dennoch immer wieder erarbeiten.

Und was ist mit Sexismus? Diesen erlebt sie nur ausserhalb der Profiszene. An einer Messe trat ein Mann gegen sie an, obwohl klar war, dass sie Weltmeisterin ist. Nach einem Gegentor sagte er: «Muss ich heute auch noch gegen eine Frau verlieren?» Tran gewann haushoch. Die Szene beschäftigt sie bis heute. «Das Schlimme daran ist, die haben zum Teil Töchter. Oder sie haben zum Teil eine Partnerin, eine Ehefrau.»
Das Ende naht – und dann?
Nun steht für Tran das letzte Jahr als Wettkampfspielerin an. Sie wird weiter töggelen, aber sich von der Profi-Tour zurückziehen. Lange sei damit die Frage verbunden gewesen, wer sie ohne den Sport überhaupt sei. Inzwischen fühlt sich der Schritt richtig an. Sie will mehr Raum für ihr Leben ausserhalb des Sports, für ihre Ehe mit Tobi, der zugleich ihr Coach ist, und für den Wunsch nach einer Familie.
Auch mit ihren künftigen Kindern will sie töggelen. Sie müssten ihren Weg nicht gehen, sagt Tran. «Aber ich werde sicherlich mit denen kickern.» Aufhören bedeutet für sie also nicht, dem Tisch den Rücken zu kehren. Es bedeutet, Platz für ein anderes Leben zu schaffen.
Nils Hänggi (nih) ist seit 2019 bei 20 Minuten. Er ist Sportredakteur und Teil des Social Responsibility Boards. Er schreibt oft übers Thema Fussball.
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