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Monday, October 12, 2026

«Ich will noch ein Kind, aber ich würde daran zerbrechen»

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  • Ella (35) hat einen achtjährigen Sohn und wünschte sich zwischenzeitlich eine grössere Familie.
  • Wegen fehlender Entlastung und ihrer persönlichen Grenzen entschied sie sich gegen ein weiteres Kind.
  • Obwohl sie hinter ihrer Entscheidung steht, trauert sie um ihren unerfüllten Kinderwunsch.

Wenn Ella (35) an ein zweites Kind denkt, kommen zwei Gefühle hoch: Sehnsucht und Trauer. Denn obwohl sie sich eine grössere Familie gewünscht hat, steht für die Mutter eines achtjährigen Sohnes fest: Ein weiteres Kind wird es nicht geben. Nicht, weil sie keine Kinder mag oder ihre Familie nicht vergrössern möchte. Sondern weil sie Angst hat, sich dabei selbst zu verlieren.

Dabei hatte die 35-Jährige ursprünglich gar keinen Kinderwunsch. «Ich habe mich oft gefragt, ob das Muttersein überhaupt zu mir passt und ob ich die Kraft dafür hätte.» Dazu kam ihre Emetophobie, eine starke Angst vor dem Erbrechen. Schon der Gedanke an Schwangerschaftsübelkeit oder einen Magen-Darm-Infekt beim eigenen Kind machte ihr Angst.

2018 wurde sie ungeplant schwanger. Und plötzlich änderte sich alles. «Mit dieser Schwangerschaft veränderte sich auch meine Vorstellung von Familie. Plötzlich konnte ich mir eine grössere Familie wünschen und vorstellen.»

«Manchmal ziehe ich mich ins Badezimmer zurück und weine»

Doch der Alltag als Mutter brachte Ella an ihre Grenzen. Ihr Mann arbeitete Vollzeit, sie selbst war ebenfalls berufstätig. Die Grosseltern konnten wegen ihrer Arbeit nicht regelmässig bei der Betreuung helfen. «Das erste Jahr war wunderschön, aber es hat mir auch unglaublich viel abverlangt.»

Schlafmangel, fehlende Erholung und kaum Zeit für sich selbst: Rund ein Jahr nach der Geburt kamen die ersten Zweifel. «Ich wünsche mir vielleicht noch ein Kind, aber ich weiss nicht, woher ich die Kraft dafür nehmen soll.»

Besonders belastend sei es, wenn vieles gleichzeitig passiere. Durch ihr ADHS koste sie die Organisation des Alltags ohnehin viel Energie. Trotzdem versuche sie, ihrem Sohn stets eine geduldige und präsente Mutter zu sein.

«Ich schlucke meine Überforderung runter, versuche weiterzumachen und alles gut hinzubekommen.» Wie viel Kraft sie das koste, merke sie oft erst hinterher. «Wenn ich mich ins Badezimmer zurückziehe und weine, weil ich vorher so lange funktioniert habe.»

Woran scheitert ein zweites oder weiteres Kind aus deiner Sicht am ehesten?

«Klar bedeutet nicht schmerzlos»

Auch die Beziehung zu ihrem Mann soll nicht zu kurz kommen. In acht Jahren waren die beiden nie länger als zwei Nächte ohne ihren Sohn unterwegs. «Ich wünsche mir Raum, um mich zu erholen, meine Arbeit zu machen und auch meinem Mann als Partnerin zu begegnen.»

Ihr Mann hätte sich ebenfalls ein weiteres Kind vorstellen können, respektiere ihre Entscheidung aber vollständig. Für Ella steht deshalb fest, dass ihr Sohn kein jüngeres Geschwisterchen bekommen wird. Einen erwachsenen Halbbruder hat er bereits.

«Die Entscheidung selbst war für mich relativ klar», sagt sie. Doch das bedeute nicht, dass sie damit glücklich sei. «Ich kann wissen, dass diese Entscheidung richtig ist, und trotzdem wahnsinnig traurig darüber sein.»

Auch in der Schweiz klaffen Wunsch und Realität auseinander

Dass Kinderwunsch und Familienrealität nicht immer übereinstimmen, zeigen Zahlen des Bundesamts für Statistik. Gemäss der Erhebung zu Familien und Generationen 2023 wünschen sich 53 Prozent der 20- bis 29-Jährigen zwei Kinder. Bei den 50- bis 59-Jährigen haben hingegen 38 Prozent tatsächlich zwei Kinder.

Mutter eines Sohnes, aber nicht einer grösseren Familie: Ella steht hinter ihrer Entscheidung und trauert ihr gleichzeitig nach.

Mutter eines Sohnes, aber nicht einer grösseren Familie: Ella steht hinter ihrer Entscheidung und trauert ihr gleichzeitig nach.Privat

Auch die Betreuung spielt eine Rolle. Eine wissenschaftliche Übersichtsarbeit von 2024, die 26 Studien untersuchte, identifizierte unter anderem fehlende soziale Unterstützung, hohe elterliche Ansprüche und die Anzahl Kinder als Faktoren, die mit elterlicher Erschöpfung zusammenhängen. Daraus lässt sich allerdings nicht ableiten, dass mehrere Kinder zwangsläufig zu Überlastung führen.

«Ihr dürft um diesen Wunsch trauern»

Rückblickend hätte Ella vor allem eines gebraucht: verlässliche Unterstützung. «Hilfe muss eben auch tatsächlich verfügbar sein. Der Wunsch danach allein schafft noch keine Pause.»

Heute gehe es ihr mental gut. Die Entscheidung würde sie wieder genauso treffen. Anderen Müttern rät sie, ihre Grenzen ernst zu nehmen und sich Unterstützung zu holen, bevor die Belastung zu gross wird.

«Ihr dürft um diesen Wunsch trauern. Auch dann, wenn ihr selbst die Entscheidung getroffen habt», sagt Ella. Und fügt hinzu: «Eine Entscheidung kann richtig sein und trotzdem sehr wehtun.»

Hast du dir auch (weitere) Kinder gewünscht, dich aber bewusst dagegen entschieden? Was waren deine Gründe? War es die fehlende Unterstützung, die finanzielle Situation oder die Angst, (mehreren) Kindern nicht gerecht zu werden? Und wie geht es dir heute mit dieser Entscheidung? Erzähl uns deine Geschichte unten im Formular.

Deborah Gonzalez

Deborah Gonzalez (dgo) arbeitet seit 2021 bei 20 Minuten. Sie ist Stellvertretende Ressortleiterin Gesellschaft & Community.

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