Preisgekrönt und gebrandmarkt – Warum der Film «Naza» die israelische Regierung erzürnt

Am Filmfestival in Venedig gab es nach der Premiere des israelischen Dokumentarfilms «Naza» vom Publikum eine 25-minütige Standing Ovation. Jetzt hat die israelische Regierung damit gedroht, den Filmemachern das Bürgerrecht zu entziehen. Auslandredaktorin Susanne Brunner beantwortet die drängendsten Fragen.
Susanne Brunner
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Worum geht es im Dokumentarfilm «Naza»?
In «Naza» werfen die beiden Israeli Yuval Abraham und Rachel Szor (die 2025 für «No other Land» über Siedlergewalt den Oscar für den besten Dokumentarfilm gewannen) einen Blick auf das mutmassliche System hinter der Kriegsführung des israelischen Militärs im Gazastreifen. Der bekannte israelische Journalist Yuval Abraham interviewte dafür zwei Dutzend Mitglieder des israelischen Geheimdienstes – ihre Stimmen digital verzerrt, ihre Gesichter im Schatten. Sie schildern, wie Ziele im Gazastreifen ausgewählt werden und welche Zahl ziviler Opfer dabei als akzeptabel gilt. Der israelische Kulturminister Miki Zohar droht den Filmemachern mit dem Entzug der Staatsbürgerschaft wegen angeblichen Landesverrats.
Wofür steht der Filmtitel «Naza»?
Der Begriff bezeichnet einen Wert, mit dem das Militär zivile Opfer berechnet. Bekannter ist die US-amerikanische Abkürzung NCCV («non combatant casualty value»). Das System funktioniert so: Das Militär will ein mutmasslich feindliches Ziel in einem Wohnviertel bombardieren. Der Geheimdienst weiss, wie viele Menschen sich gerade in der Umgebung befinden. Je wichtiger das Ziel ist, desto mehr zivile Opfer gelten als akzeptabel. Im Irakkrieg 2003 nahmen die US-Streitkräfte je nach Ziel rund 30 tote Zivilisten in Kauf, bei der israelischen Armee sind es schon mal Hundert für einen hochrangigen Hamas-Führer.
Sind die Interviews mit Geheimdienst-Mitarbeitenden echt?
Das israelische Militär sagt, die angeblichen Geheimdienstmitglieder seien nicht überprüfbar. Dieses Problem stellt sich bei allen anonymen Interviewten. Bei «Naza» haben investigative Recherche-Teams von der britischen Tageszeitung «The Guardian» und von der israelischen «Plattform+972» mitgearbeitet. Mit Journalistinnen und Journalisten dieser Plattform und einem anderen Investigativkollektiv habe ich letztes Jahr auch zusammengearbeitet. Und da wird jede Aussage, die jemand macht, unter anderem auch digital überprüft: Stand da wirklich ein Haus? Wie viele Menschen wurden getötet? Stimmen Zeit- und Ortsangaben? Decken sich die Aussagen mit denen anderer Quellen? Der jüdisch-israelische Journalist Yuval Abraham ist zudem sehr renommiert für seine Arbeit.
Wie reagiert die israelische Bevölkerung?
Ebenfalls heftig – wie die Regierung. Was mir in Israel auffällt: Im Land selbst ist kaum ein Thema tabu. Da sagen Menschen offen, dass das Töten von Kindern im Gazastreifen legitim sei, weil diese ohnehin zu Terroristinnen und Terroristen erzogen würden. Genauso heftig wird entgegnet, dass so eine Haltung nicht im Sinne des jüdischen Glaubens sei. Ein absolutes Tabu ist es jedoch, wenn ein Einheimischer Israels Kriegsführung für ein ausländisches Publikum kritisiert. Dann gilt er als Nestbeschmutzer und Landesverräter.
Droht den Filmemachern nun wirklich die Ausbürgerung?
In Israel werden bei einer solchen Forderung wie jener des Kulturministers die Gerichte das letzte Wort haben. Ein demokratischer Staat wie Israel bürgert seine Bürgerinnen und Bürger in der Regel nicht einfach so aus. Zur Zeit ist Wahlkampf in Israel: Die Drohung ist wohl vor allem politische Rhetorik.
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