Wahlverlierer in den USA – Vieles bleibt nach der Flucht Bolsonaros ungewiss

Nach seiner Wahlniederlage ist der brasilianische Präsidentschaftskandidat Flávio Bolsonaro auf der Flucht, seine Familie und er sind inzwischen in den USA angekommen. Am Dienstag war bekannt geworden, dass er das Land verlassen hatte. Die Hintergründe erläutert der Lateinamerika-Experte Wolf Grabendorff.
Wolf Grabendorff
Politologe
Der deutsche Politikwissenschafter lebte jahrzehntelang in Lateinamerika und war unter anderem in Ecuadors Hauptstadt Quito als Gastprofessor für internationale Beziehungen tätig. Grabendorff hat mehrere Bücher verfasst.
SRF News: Flávio Bolsonaro hat sich aus dem Staub gemacht?
Wolf Grabendorff: Genau. Inzwischen ist bestätigt, dass er auch einen italienischen Pass hat. Vermutlich ist er mit diesem auf dem Landweg nach Argentinien geflohen und von dort mit einem Privatflugzeug weiter Richtung Ecuador. Von dort ist er dann in die USA nach Miami weitergeflogen.
Was wird ihm in Brasilien denn vorgeworfen?
Er soll zusammen mit einer inzwischen bankrotten Bank rund 680 Millionen Dollar gewaschen haben. Weil er bisher als Senator aber juristisch immun war, konnte er nicht belangt werden. Nach seiner Wahlniederlage im Präsidentschaftsrennen machte der Oberste Gerichtshof umgehend klar, dass sich Bolsonaro den Vorwürfen stellen muss. Seine Pässe wurden einkassiert.
Viel deutet darauf hin, dass es genügend Beweise gegen Flávio Bolsonaro gibt.
Wahlsieger Lula da Silva bedauert die Flucht seines Widersachers und sagt, das sei eine Schande. Bolsonaro hätte bleiben können und seine Unschuld beweisen. Wie sieht es mit der Beweislage gegen Bolsonaro aus?
Das ist sehr schwierig zu sagen. Doch die Tatsache, dass das Verfahren schon vor den Bundesgerichtshof kam, bevor er seine Präsidentschaftskandidatur ankündigte, deutet darauf hin, dass es genügend Beweise gibt.
Flávio Bolsonaro gilt als etwas gemässigter als sein Vater Jair Bolsonaro. War er für einen Teil dieser Wählerschaft zu gemässigt?
Das kann man sicher so sagen. Vor den Wahlen sagte Flávio Bolsonaro, er sei nur angetreten, weil die Familie das so wollte. Auch seine Mutter Michelle Bolsonaro galt als mögliche Präsidentschaftskandidatin. Womöglich übernimmt sie nun also das politische Erbe ihrer Söhne. Denn der andere Sohn, Eduardo, ist bereits in Texas.
Es ist unklar, ob Mutter Michelle Bolsonaro in der Lage sein wird, die Stimmen ihres Sohnes weiter zu verwerten.
Lula hat zurecht gesagt, die erste Heimat der Familie Bolsonaro liege in den USA, bloss die zweite in Brasilien. Darum ist unklar, ob Mutter Michelle Bolsonaro in der Lage sein wird, die Stimmen ihres Sohnes weiter zu verwerten. Andererseits muss man sehen: In den Gouverneurswahlen sowie im Senat und Kongress hat die Bolsonaro-Partei die meisten ihrer Kandidaten durchgebracht.
Man muss damit rechnen, dass aus den USA jetzt eine weitere Kampagne gegen Lula gemacht wird.
Lula da Silva steht vor einer schwierigen Amtszeit – in beiden Kammern stellt die politische Rechte die Mehrheit. Welche Folgen hat das?
Eine Prognose ist schwierig, weil alles, was in den letzten Wochen in Brasilien passiert ist, nicht vorhersehbar war: Kaum jemand hatte erwartet, dass Lula die Wahl mit nur 3.5 Prozentpunkten Vorsprung gewinnen würde. Sicher wird die US-Regierung von Donald Trump jetzt versuchen, die Schwierigkeiten, die Lula ohnehin hat, zu verstärken. Man muss damit rechnen, dass aus den USA jetzt eine weitere Kampagne gegen Lula gemacht wird – in welcher Form, ist jedoch unklar.
Was sagt die brasilianische Bevölkerung zu Bolsonaros Flucht?
Von seinen Mitläufern heisst es, diese sei notwendig gewesen, weil er sonst im Gefängnis gelandet wäre. Von der Gegenseite heisst es, die Flucht sei eine Bankrotterklärung Flávio Bolsonaros, der eben noch beinahe Staatspräsident geworden wäre.
KioskNews shows a cleaned-up reading view extracted from the publisher’s page — the original always lives on their site, not ours.