Neuer Thriller von Dave Zeltserman: Vom Jedermann zum Auftragsmörder

In Dave Zeltsermans „Alles endet hier“ beendet die Hauptfigur eine Freundschaft auf vertrackte Weise.
Foto: LightFieldStudios/getty images
Dave Zeltsermans „Alles endet hier“ ist ein reichlich schwarzer Thriller aus dem Subgenre „Wie eine einzige Grenzüberschreitung dazu führen kann, dass du zum skrupellosen Mehrfachmörder wirst“ und auf jeden Fall rasant genug geschrieben, dass mensch nicht zwischendurch verleitet wäre, die Lektüre abzubrechen, weil einfach alles zu unerfreulich wird.
Mehr als nur ein bisschen perfide ist allerdings die Ich-Perspektive, in der Zeltserman erzählt; denn durch sie sind wir gezwungen, uns auf Gedeih und Verderb mit der Hauptfigur zu identifizieren.
Das fällt auch zunächst gar nicht schwer. Denn wer könnte Dans Problem nicht verstehen? Der Ich-Erzähler ist Softwareentwickler und hat zusammen mit seinem (ehemals) guten Kumpel Warren eine Firma gegründet. Auch Dans Frau Rachel arbeitet für das Unternehmen und ist unverzichtbar als Marketing- und Vertriebsspezialistin.
Das Buch
Dave Zeltserman: „Alles endet hier“. Aus dem Englischen von Michael Grimm und Angelika Müller. Pulp Master, Berlin 2026, 282 S., 16 Euro
Doch nun hat Warren die Website der Firma lahmgelegt und es Dan und Rachel somit unmöglich gemacht, das Business weiterzubetreiben. Dans Lebenswerk droht wertlos zu werden. Welcher Art die Konflikte sind, die dieser Eskalation vorausgegangen sind, bleibt vage.
Der Mordauftrag
Aus Gesprächen, die Dan mit Bekannten führt, geht hervor, dass Warren wohl allgemein als unberechenbares Arschloch gilt. In die Enge getrieben, entschließt Dan sich zu einer extremen Maßnahme: Er gibt – ohne seine Frau davon in Kenntnis zu setzen – Warrens Ermordung in Auftrag.
Damit gerät er in einen Teufelskreis. Denn keineswegs ist der über einen sinistren, angeblich russischen Mittelsmann (ein Klischee, das der Autor am Ende gegen ein anderes eintauscht) gedungene Mörder ein eingereister Russe, der nach der Tat sofort wieder außer Landes ist. Das erfährt Dan allerdings erst hinterher.
Statt sich günstig eine fremde Bluttat erkauft zu haben, ist er tatsächlich selbst zum Teil eines Mördersklavennetzwerks geworden: Für einen erfolgreich erledigten Mord muss der Auftraggeber selbst einen Mord begehen, den jemand anders bestellt hat. Alles in Dan sperrt sich gegen diese Zumutung; doch sein Versuch, den teuflischen Auftrag von sich abzuwenden, geht natürlich nach hinten los …
Spannungsfaden straff gespannt
Die Geschichte von einem, der sich durch eine unmoralische Tat aus einer unerträglichen Situation befreien will und dadurch vom Regen in die Traufe gerät, ist an sich alles andere als neu; aber Zeltserman sorgt mit gutem Timing dafür, dass der Spannungsfaden der Handlung straff gespannt bleibt.
Und dann ist unterschwellig permanent dieses leise Gefühl von Irritation präsent, weil die Haltung des Ich-Erzählers zum immer unerhörter werdenden Geschehen lange unklar bleibt, sich aber bald in (vielleicht auch nicht gänzlich) unerwarteter Weise zu entwickeln beginnt.
In gefährliche Zwangslagen geratend, beweist Dan, der zu Beginn noch so verzweifelt und mutlos schien, nicht nur große Geistesgegenwart und körperliche Durchsetzungskraft, sondern auch erstaunliche mentale Resistenz, Kaltblütigkeit und, ja, tatsächlich kriminelle Energie und Skrupellosigkeit.
Das ist unheimlich; denn wenn all das in einem steckt, der doch zunächst ein harmloser Jedermann zu sein schien, dann ist ja wohl jedem und jeder anderen auch alles zuzutrauen? Als Einschlaflektüre eher nicht zu empfehlen.
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