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Tuesday, September 15, 2026

«Ich will die Mörder meines Bruders vor Gericht bringen»

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  • Mehr als zehn Millionen Menschen wurden durch den Sudankrieg vertrieben – der Konflikt tobt seit April 2023.
  • Mohammed Bera, dessen Bruder in den ersten Kriegswochen getötet wurde, kämpft aus Uganda für juristische Aufarbeitung.
  • Bera fordert ein unabhängiges Gericht und verlangt, dass die EU den Waffenfluss an die Konfliktparteien stoppt.

«An wen soll ich mich für Gerechtigkeit bei einem Mord wenden? Es herrscht Krieg.» Wer Unrecht tut, muss vor Gericht dafür geradestehen – so weit zumindest die Theorie in einem Rechtsstaat wie der Schweiz. Dafür da sind Polizei, Staatsanwaltschaft und Gerichte. Menschen wie Mohammed Bera bleiben diese Möglichkeiten verwehrt. Im Krieg im Sudan, der sich mittlerweile im vierten Jahr befindet, hat Bera Freunde und Familie verloren. «Doch die Gerechtigkeit bleibt aus», sagt der im Exil in Uganda lebende Menschenrechtsaktivist. 20 Minuten hat ihn in Bern getroffen und über seine Geschichte, die Gefahren seiner Arbeit und seinen Kampf, die Verantwortlichen zur Rechenschaft zu ziehen, gesprochen.

Sie haben das Leid im Sudan aus nächster Nähe miterlebt. Was ist passiert?

Mein Bruder Al-Hafiz wurde in den ersten Wochen des neuesten Krieges (siehe Steckbrief) getötet. Er hat eine Familie mit fünf Kindern hinterlassen. Wir haben ihn vor seinem Haus tot aufgefunden. Bis heute wissen wir nicht, wer genau auf ihn geschossen hat, aber klar ist, dass er mitten in den ausbrechenden Gefechten war. Es gab keinen Ort, an dem wir dies melden oder eine Untersuchung einleiten konnten, da es sich um eine Kriegssituation handelte.

Meine erweiterte Familie wurde bereits während des Darfur-Konflikts 2003 aus unserem Heimatort Zalingei vertrieben. Auf ihrer Flucht wurden sie Opfer von Gewalt und ausgeraubt. Als der aktuelle Krieg ausbrach, wurde auch ich von Kriegsparteien bedroht. Wegen der vergangenen Erfahrungen bin ich nach Uganda ins Exil geflohen. Von dort aus arbeite ich nun auch.

Steckbrief Sudankrieg

In Ihrer Arbeit geht es um Rechenschaft. Wie haben diese Erlebnisse Sie geprägt?

Was ich sah, war Straflosigkeit, ein Mangel an Rechenschaftspflicht und Täter, die auf freiem Fuss blieben. Seit fast zwei Jahrzehnten fordern die Menschen im Land Gerechtigkeit, ohne dass etwas geschieht. Wenn man die Geschichte des Sudans anschaut, sieht man viele Konflikte und Verstösse, die von bekannten Tätern begangen wurden. Dennoch gibt es keine Verantwortlichkeit, weil sie von den Machthabern geschützt werden.

Die Geschichte meines Bruders ist ein Teil davon, aber es geht nicht nur um ihn. Ich habe auch einen Freund und viele andere Menschen, die ich kannte, verloren. Meine Leidenschaft für diese Arbeit wird durch diese fehlende Gerechtigkeit angetrieben. Ich möchte der Straflosigkeit ein Ende setzen.

«Das nationale Rechtssystem unterliegt demselben politischen System, das am Krieg beteiligt ist. Das System ist nicht in der Lage, sich selbst zur Rechenschaft zu ziehen.»

Mohammed Bera, Menschenrechtsaktivist

Was tut Ihre Organisation konkret?

Im Mittelpunkt unserer Arbeit steht die Dokumentation von Menschenrechtsverletzungen. Wir stellen Mechanismen wie dem Internationalen Strafgerichtshof Beweismittel zur Verfügung, um deren Untersuchungen zu unterstützen. Insbesondere, da viele Untersuchungskommissionen vor Ort keinen Zugang haben, sind zivilgesellschaftliche Organisationen eine der wichtigsten Quellen, um an Beweismittel gelangen zu können.

Wir haben Mitarbeitende in vielen Teilen des Landes, die enge Kontakte in die lokalen Gemeinschaften haben. Findet unser Open-Source-Intelligence-Team etwa in Videos im Netz Hinweise auf ein Ereignis, ermittelt es den genauen Ort und gibt diesen an die Mitarbeitenden im Land weiter. Diese klären dann vor Ort die Details ab. Zusätzlich arbeiten wir mit anderen zivilen Akteuren zusammen und geben ihnen die Fähigkeiten, Teil der Beweissammlung zu sein. Verstösse können in abgelegenen Gebieten vorkommen, von denen wir ohne diese Zusammenarbeit nie erfahren würden – auch diese Verstösse müssen berücksichtigt werden.

Welche Gefahren birgt diese Arbeit?

Die Sicherheit unserer Teams vor Ort ist die grösste Herausforderung. Die Konfliktparteien wissen, dass bestimmte Organisationen Verstösse dokumentieren und dass diese Dokumentation Entscheidungen ausserhalb des Sudans beeinflussen kann. Möglicherweise glauben sie, dass sie mehr Spielraum für Verstösse haben, wenn sie die Dokumentierenden daran hindern.

Bei aller Vorsicht kommt es leider immer wieder dazu, dass wir angegangen oder gar angegriffen werden. Zum Beispiel, wenn wir eine Netzwerkverbindung aufbauen, um Beweismittel zu übermitteln. In einem Land, in dem in grossen Teilen ein Blackout herrscht, sorgt etwa eine Starlink-Antenne schnell für Aufmerksamkeit. Auch vor der Publikation unserer Erkenntnisse prüfen wir, ob die Veröffentlichung Risiken für unser Team oder andere Personen an diesem Standort mit sich bringen könnte, und erstellen Notfallpläne.

In welcher Rolle sehen Sie die internationale Gemeinschaft bei der Beendigung und Aufarbeitung des Kriegs im Sudan?

Die internationale Gemeinschaft muss ihren Verpflichtungen nachkommen, den Waffenfluss zu stoppen und das Waffenembargo durchzusetzen beziehungsweise zu verlängern und auszuweiten. Der politische Wille, auf die Krise im Sudan zu reagieren, hat sich nur zögerlich gezeigt. Die Bevölkerung des Sudans, insbesondere die Opfer und Überlebenden, kann aber nicht warten, während die Konfliktparteien weiterhin täglich Gräueltaten begehen. Jedes weitere Abwarten bedeutet mehr Zerstörung. Es bedeutet, dass noch mehr Menschen sterben. Es muss etwas geschehen.

Wir fordern unabhängige Untersuchungen und ein unabhängiges Gericht, das die Täter zur Rechenschaft ziehen kann, und versuchen, dieses mit Beweismitteln zu unterstützen. Das nationale Rechtssystem unterliegt demselben politischen System, das am Krieg beteiligt ist. Das System ist nicht in der Lage, sich selbst zur Rechenschaft zu ziehen.

«Sie wollen nicht, dass der Krieg bald endet, weil sie sonst diese Rohstoffe verlieren würden.»

Mohammed Bera, Menschenrechtsaktivist

Woran liegt es aus Ihrer Sicht, dass kaum gegen den Krieg im Sudan vorgegangen wird?

Die Staaten, die die Konfliktparteien unterstützen, profitieren von diesem Krieg, da es dabei auch um Ressourcen geht. Der Schmuggel von Gold und anderen Rohstoffen gehört zu den Interessen dieser Staaten. Das sehen wir, wenn wir den Konflikt aus der Perspektive der Kriegswirtschaft betrachten. Sie wollen nicht, dass der Krieg bald endet, weil sie sonst diese Rohstoffe verlieren würden. Wir fordern die EU und andere Akteure auf, Druck auf die Staaten auszuüben, die die Konfliktparteien unterstützen – darunter die VAE –, damit sie die Lieferung von Waffen, militärischer Ausrüstung und allem anderen, was den Konflikt im Sudan anheizt, einstellen.

Was gibt Ihnen die Hoffnung, weiterzumachen?

Das Leid der Überlebenden, die Straflosigkeit und die fehlende Rechenschaftspflicht geben mir die Motivation, weiterzumachen. Ich stelle mir einen Sudan vor, in dem Rechenschaftspflicht herrscht, die Täter zur Verantwortung gezogen werden, die Überlebenden Entschädigungen erhalten und die Menschenrechte uneingeschränkt geachtet werden – ein Ende der Straflosigkeit, ein friedlicher Sudan.

Mohammed Bera und AWAFY

Mohammed Bera ist sudanesischer Menschenrechtsaktivist.

Mohammed Bera ist sudanesischer Menschenrechtsaktivist.20min/Jan Janssen

Bera ist Mitgründer und Programmdirektor der AWAFY Sudanese Organization. Neben der Dokumentation von Verbrechen im Sudan unterstützt die Organisation auch Opfer von Gewalt mit besonderem Fokus auf Opfer konfliktspezifischer sexueller Gewalt. Zudem unterstützt die Organisation lokale Initiativen zur Friedensbildung, Befähigung junger Menschen und zum Wiederaufbau.

Bist du oder ist jemand, den du kennst, von sexualisierter, häuslicher, psychischer oder anderer Gewalt betroffen?

Hier findest du Hilfe:

Lilli.ch, Onlineberatung für Jugendliche

Pro Juventute, Beratung für Kinder und Jugendliche, Tel. 147

Jan Janssen

Jan Janssen (jjn) arbeitet seit 2023 für 20 Minuten. Zuerst im Ressort Zürich und seit 2025 im Ressort News.

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