Tabubruch in der Schule: Lehrer dürfen körperlich einschreiten

- Dänemark will Lehrpersonen ab August 2027 erlauben, bei erheblichen Unterrichtsstörungen körperlich einzugreifen.
- Die Mitte-links-Regierung würde damit erstmals seit fast 60 Jahren die entsprechenden Regeln lockern.
- Hintergrund ist ein starker Anstieg von Gewalt: 2025 berichteten 18 Prozent der befragten Lehrpersonen von körperlichen Übergriffen – 2021 waren es noch 9,7 Prozent gewesen.
In Dänemarks Klassenzimmern kommt es immer häufiger zu Gewalt und Drohungen. Nun will die Regierung darauf mit einem Tabubruch reagieren. Sie will Lehrpersonen erlauben, bei erheblichen Störungen des Unterrichts auch körperlich einzugreifen. Ab August 2027 sollen dafür neue Regeln gelten.
Wie es in dänischen Medienberichten heisst, hat die Mitte-links-Regierung eine entsprechende Gesetzesreform vorgestellt. Damit würden die Regeln erstmals seit fast 60 Jahren deutlich gelockert.
Lehrer dürfen Schüler festhalten
Seit 1967 dürfen Lehrpersonen in Dänemark körperlich nur eingreifen, wenn Schüler sich selbst, andere oder Schuleigentum gefährden.
Künftig soll dies auch möglich sein, wenn Jugendliche den Unterricht erheblich stören, andere belästigen oder beleidigen. Lehrpersonen dürften Schüler festhalten oder gegen ihren Willen in einen anderen Raum bringen. Die Regierung nennt konkrete Beispiele: Wirft ein Schüler im Kochunterricht wiederholt mit Lebensmitteln oder spielt trotz mehrfacher Ermahnung laut Musik auf seinem Handy, dürfte die Lehrperson körperlich eingreifen.
Allerdings nur in «Ausnahmefällen und verhältnismässig». Zudem müssten die Eltern und die zuständige Gemeinde informiert werden. Eine Rückkehr zur Prügelstrafe ist nicht vorgesehen.
Gewalt an Schulen deutlich gestiegen
Die Reform kommt vor dem Hintergrund zunehmender Gewalt. Laut der dänischen Arbeitsaufsichtsbehörde gaben 2025 rund 18 Prozent der befragten Lehrpersonen an, im vergangenen Jahr körperliche Gewalt erlebt zu haben. 2021 waren es 9,7 Prozent gewesen.
Auch Drohungen nahmen zu. Ihr Anteil stieg im gleichen Zeitraum von 12,8 auf 20,9 Prozent. Allerdings fand die Befragung 2021 während der Corona-Pandemie statt, als viele Lehrpersonen weniger Zeit im Klassenzimmer verbrachten.
Besonders häufig trifft es die jüngsten Schüler
Eine weitere Untersuchung zeigt laut dem britischen «Telegraph», dass 2025 in 55 Prozent der untersuchten Schulklassen mindestens einmal körperliche Gewalt zwischen Schülern gemeldet wurde.
Besonders betroffen waren die jüngsten Klassenstufen. Dort wurden in 75 Prozent der Klassen Vorfälle registriert. In den Stufen 4 bis 6 waren es 59 Prozent, in den Stufen 7 bis 10 noch 27 Prozent.
«Lehrer dürfen nicht im Zweifel bleiben»
Der dänische Lehrerverband fordert schon länger mehr Handlungsspielraum. Laut Verbandspräsident Gordon Orskov Madsen verzichtete im vergangenen Jahr jede dritte Lehrperson aus Angst vor negativen Konsequenzen darauf, körperlich einzugreifen.
Bildungsminister Magnus Heunicke erklärt: «Lehrer dürfen nicht im Zweifel darüber gelassen werden, was sie tun dürfen, wenn eine Situation eskaliert.»
Mehr als 500 Bildungsexperten sind dagegen
Doch die Reform ist umstritten. Mehr als 500 Bildungsexperten und Organisationen hatten sich zuvor dagegen ausgesprochen.
Kinderrechtler Rasmus Kjeldahl befürchtet, dass das Vertrauen zwischen Schülern und Lehrpersonen leiden könnte, wenn diese wie Polizisten auftreten.
Parallel zur Gesetzesreform startet Dänemark im Schuljahr 2026/27 ein Pilotprojekt zur Konfliktprävention. Dabei sollen Viertklässler während zehn Wochen lernen, Streitigkeiten frühzeitig zu entschärfen.
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Jonas Bucher ist Blattmacher und stellvertretender Co-Leiter des Newsdesks bei 20 Minuten. Er ist seit 25 Jahren in der Medienbranche tätig und 20 Minuten stets treu geblieben.
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