«Letzte Chance»: So knapp entkam Sascha der Zwangsrekrutierung

Darum gehts
- Sascha* und Artom* verweigern im Krieg den Dienst im ukrainischen Militär.
- 20 Minuten hat sie besucht und mit ihnen über ihre Beweggründe gesprochen.
- Ein weiterer Einblick in die Welt des erbarmungslosen Verteidigungskrieges der Ukraine.
«Ich wusste: Die nächste Kurve ist meine letzte Chance zu entkommen.» Also sei er aus dem fahrenden Kleinbus der Rekrutierer gesprungen – bei fünfzig oder sechzig Stundenkilometern. So schildert Sascha* seine Flucht vor den Mitarbeitern der ukrainischen Einberufungsbehörde TCK. Relativ frische Narben überziehen seine Beine.
«Mein Leben ist wie im Film Und täglich grüsst das Murmeltier», sagt Artom*. Er verlässt seine Wohnung seit Anfang 2025 kaum noch – aus Angst vor der «Busifizierung». So werden in der Ukraine die Fälle bezeichnet, in denen Männer auf der Strasse gewaltsam in Kleinbusse gebracht und zu Rekrutierungszentren gefahren werden.
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Beide Männer aus der Region Odessa wollen keinen Militärdienst leisten. Sie gehören damit zu den rund zwei Millionen Bürgern, die von den Rekrutierungsbehörden gesucht werden.
An der Front hat der Personalmangel direkte Folgen. Das Fehlen von Infanteriesoldaten gehört zu den kritischsten Schwachstellen der Ukraine.
Bis zu 5 Jahre Haft für Verweigerer
20 Minuten traf Sascha und Artom getrennt und sprach mit ihnen über Angst, Gewissen und die Folgen ihrer Entscheidung. Namen und Alter wurden anonymisiert. Einzelne Vorwürfe zu Übergriffen und Korruption liessen sich nicht unabhängig überprüfen.
Was geschah bei der Rekrutierung?
Sascha ist Ende zwanzig. Diesen Sommer war er mit Freunden in einem Taxi unterwegs, als maskierte Rekrutierer den Wagen stoppten. Passanten filmten die Szene inmitten Autofahrer, die aus Protest hupten. Er sei geflohen, doch nach rund 500 Metern habe ihm ein zweiter Van den Weg abgeschnitten, sagt Sascha. «Sie schlugen, würgten mich und zwangen mich hinein. Einer hielt mich im Schwitzkasten, ein anderer die Seitentür zu.»
Vor einer Kurve habe er die Hand des Mannes weggetreten, der die Tür zuhielt, und sei gesprungen. «Ich lag noch benommen am Boden, da wendete der Van und einer der Rekrutierer lief zurück und begann auf mich einzutreten.» Passanten hätten eingegriffen, ein junges Paar habe ihn in dem Chaos weggefahren. Wegen der Prellungen und Schürfungen habe er über zwei Wochen kaum gehen können. Einen Arzt suchte er nicht auf, aus Angst, den Behörden gemeldet zu werden.
Artom wurde Ende 2024 auf der Strasse angehalten und in ein Rekrutierungszentrum gebracht. «Die medizinische Untersuchung dauerte acht Minuten. Dann hiess es: tauglich für die Front.» Seine Rücken- und Magenprobleme hätten niemanden interessiert, auch nicht, dass er sich mit Waffen nicht auskenne: «Ich wurde dennoch vom Fleck weg als Maschinengewehrschütze eingeteilt.»
Er habe die Mitarbeiter im Rekrutierungszentrum überreden können, ihm eine Vorladung mit Rückkehrdatum auszustellen, sagt der Enddreissiger. Doch Artom kam nicht mehr zurück – stattdessen zog er heimlich um.
Anders als Sascha ist Artom den Rekrutierungsbehörden bekannt, doch er weiss nicht, ob er offiziell gesucht wird. Aus Angst vor Strassenkontrollen geht er kaum mehr raus.
Wieso wollen sie nicht kämpfen?
«Ich will niemanden töten – egal, auf welcher Seite», sagt Artom. Er sei schon immer Pazifist gewesen. Dazu hätten ihn seine Freunde im Militär gewarnt: «Bevor du dich dafür entscheidest, musst du ernsthaft darüber nachdenken. Danach gibt es keinen Weg mehr zurück.» Wie Soldaten «vom Beginn der Mobilisierung an» behandelt würden, schrecke ihn zusätzlich ab.
«Danach gibt es keinen Weg mehr zurück.»
Auch Sascha bezeichnet sich als Pazifist. Zudem betreue er seine an Epilepsie erkrankte Mutter. Als ihr einziger Sohn stehe ihm deshalb ein Aufschub zu. Tatsächlich sieht Artikel 23 des Mobilisierungsgesetzes einen solchen für pflegende Angehörige unter bestimmten Voraussetzungen vor. Ob Sascha diese erfüllt, ist offen. Einen Antrag wagt er nicht, da er fürchtet, noch während des Verfahrens eingezogen zu werden.
Denn für die amtliche Anerkennung der Behinderung seiner Mutter verlangte die zuständige medizinische Kommission laut Sascha 6000 bis 7000 Dollar – faktisch Bestechung, die sich kaum nachverfolgen lässt. «Selbst wenn ich zur Polizei ginge, würden sie sich untereinander einigen und mich in den Krieg schicken», sagt Sascha. «Ich bin gefangen – und nicht nur ich.»
Wie sieht ihr Alltag aus?
«Ich lebe, arbeite und schlafe zu Hause – das wars. Auf 40 Quadratmetern», sagt Artom. Lebensmittel bestellt er online, sein Geld verdient er im Homeoffice. Nur im abgeschirmten Innenhof geht er manchmal hinaus.
«Ich lebe in ständiger Paranoia und habe mich doch an diese Realität gewöhnt.»
Artom schläft schlecht, leidet unter Angst und Antriebslosigkeit. «An einem Tag kann ich arbeiten, am nächsten kann ich mich zu nichts aufraffen.» Ende 2025 zerbrach seine Beziehung: Gemeinsame Unternehmungen waren unmöglich geworden. Seine Tochter lebt im Ausland; seit sechs Jahren hat er sie nicht gesehen. «Ich habe keine Perspektive, und es ist kein Ende in Sicht», sagt Artom.
Saschas Bewegungsradius beschränkt sich auf sein Quartier. Weitere Strecken fährt er nur mit einem vertrauten Taxidienst – stets auf dem Rücksitz. «Ich lebe in ständiger Paranoia und habe mich doch an diese Realität gewöhnt.» Oft sei er es leid, sich zu verstecken: «Man wird mental müde.»
Haben sie ein schlechtes Gewissen?
«Ich mache mir Sorgen, ob meine Freunde am Leben bleiben», sagt Artom. Schuldig fühle er sich ihnen gegenüber aber nicht: «Wenn sie die Gelegenheit hätten, würden sie mit mir tauschen.» Dass viele Soldaten ihre Einheiten unerlaubt verlassen, bestätige ihn lediglich in der Verweigerung.
Seine Freunde aus dem Militär verurteilten ihn nicht, sagt Artom. Er arbeite weiter, zahle Steuern und unterstütze so ebenfalls das Land. Und nach dem Krieg gebe es so viel wiederaufzubauen, dass wohl kaum Zeit bleiben werde, danach zu fragen, wer während des Krieges was getan habe.
«Von welchem Patriotismus reden wir, was erwartet die Regierung?»
Auch Sascha fühlt sich nicht schuldig. Er begründet das mit einem Beispiel: «Ich habe gehört, dass man sich für rund 5000 Dollar eine rückwärtige Stelle mit Dokumenten- und Logistikaufgaben kaufen könne», erklärt er. Auch dieser Vorwurf lässt sich nicht überprüfen. Man glaubt Sascha aber, wenn er sagt: «Dieses Geld habe ich nicht».
«Selbst wenn ich bereit bin, etwas Sinnvolles für mein Land zu tun, muss ich bezahlen», regt er sich auf. «Geld, Geld, Geld!» – sein schlechtes Gewissen halte sich damit in engen Grenzen, sagt Sascha.
Könnten sie mit einem Verlust der Heimat leben?
«Darauf gibt es keine kurze Antwort», sagt Sascha. Unter russischer Flagge wolle er sicher nicht leben, in einen Schützengraben kämpfen aber ebenso wenig. Er verstehe zwar, dass die Männer, die freiwillig zur Armee gegangen seien, abgelöst werden müssten. Dennoch sei ein Einrücken für ihn auch künftig keine Option: «Wohin soll ich gehen, um für unser Land zu kämpfen – ich werde ja schon in meinem eigenen Zuhause auf offener Strasse angegriffen? Von welchem Patriotismus reden wir hier, was erwartet die Regierung?»
«Je länger der Krieg dauert, desto weniger berühren dich moralische Grundsätze.»
Artom trifft der Gedanke an eine russische Besetzung seiner Heimat tief. Doch entscheide sich ein Mensch in einer existenziellen Lage stets für das eigene Leben. «Je länger der Krieg dauert, desto weniger berühren dich moralische Grundsätze», sagt er.
Zu Kriegsbeginn habe es unter den Menschen im Land noch ein gemeinsames Ziel gegeben. Inzwischen sehe er aber weder einen Plan noch ein Ende: «Wenn man uns sagen würde: Haltet noch ein Jahr durch, dann ist es vorbei – dann hätte man ein Ziel», sagt Artom. «Aber ohne eine Perspektive wird es immer schwerer, die Opfer zu akzeptieren.»
Sein Leben auf 40 Quadratmetern zermürbe ihn zunehmend, sagt Artom. Er rechnet damit, dass die Behörden ihn «früher oder später» aufspüren und sagt: «Ich schiebe meine Mobilisierung bis zum allerletzten Moment auf.»
* Namen geändert
Ann Guenter (gux), arbeitet seit 2012 als Auslandsredaktorin für 20 Minuten. Seit August 2015 ist sie zudem Chefreporterin International.
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