Kein Scherz: Ein Friedenspreis für die Nato - echt jetzt?!


Die Nato erhält in Münster den Westfälischen Friedenspreis. Klingt seltsam? Ja. Aber möglicherweise hilft eine baltische Perspektive, um zu verstehen, warum die Auszeichnung so seltsam nicht ist.
Wenn heute in Münster die Nato mit dem Westfälischen Friedenspreis ausgezeichnet wird, wird es Proteste geben vor dem historischen Rathaus der Stadt. Kritische Reaktionen gab es schon im vergangenen Jahr, als die Wirtschaftliche Gesellschaft für Westfalen und Lippe e.V. mitteilte, wer 2026 ihr Preisträger sein wird. Die Münsteraner Ortsgruppe der christlichen Friedensorganisation Pax Christi erklärte damals ironisch, sie gratuliere "der größten Friedensbewegung der Welt".
"Man könnte meinen, in einer weinseligen, abendlichen Runde haben sich friedensbewegte Unternehmer einen Scherz erlaubt", fügte Pax Christi hinzu. Ein Scherz war es nicht und die Jury besteht auch nicht aus ortsansässigen Unternehmern. Bundespräsident und Kanzler sind dabei, aus unerfindlichen Gründen auch der "Chef des Hauses Hohenzollern", Georg Friedrich "Prinz" von Preußen, Ururenkel des letzten deutschen Kaisers. Damit gehören dem elfköpfigen Gremium mehr Prinzen als Frauen an.
Ein Vegetarierpreis für Metzger?
Kritik ist also angebracht. Schon im Dezember, weniger als einen Monat nach Bekanntgabe der Entscheidung, wurde in Münster ein Verein für die Verleihung eines alternativen Friedenspreises gegründet. Bei der Preisverleihung kam man dem großen Bruder sogar zuvor: Bereits am vergangenen Freitag erhielt eine Offenbacher Gruppe, die sich international für Kriegsdienstverweigerer einsetzt, den Preis.
Und natürlich gibt es gute Argumente dagegen, ein Militärbündnis mit einem Friedenspreis auszuzeichnen. "Das ist ungefähr so, als würde man die Metzgerinnung mit dem großen Vegetarierpreis auszeichnen", schrieb der Journalist Heribert Prantl in einer Kolumne der "Süddeutschen Zeitung". Prantl hielt die Laudatio auf die Preisträger des alternativen Friedenspreises. Auch sehr konkrete Kritik an der Nato ist mehr als legitim. Ihr längster und umfangreichster Einsatz in Afghanistan endete in einem Debakel, einzelne Mitglieder der Nato, allen voran die USA und die Türkei, sehen Krieg bis heute als legitime Fortsetzung von Politik.
Keine Friedensbewegung, aber ein Friedensgarant
Aber es gibt auch eine andere Perspektive, man findet sie zum Beispiel knapp 1400 Kilometer nordöstlich von Münster in der lettischen Hauptstadt Riga, und sie ist alles andere als irrelevant. In Riga hängt im Lettischen Okkupationsmuseum ein T-Shirt, auf dem ein sowjetischer Panzer abgebildet ist. "Russia World Tour", steht darauf, "1944 to Present". Der historische Wert des T-Shirts hält sich in Grenzen, es dürfte in den 1980er Jahren im Westen hergestellt worden sein. Im Museum hängt es, weil es ein Bewusstsein ausdrückt, das zentral ist für Lettland und die anderen baltischen Staaten: Russland ist bis heute eine Bedrohung.
In (West-)Deutschland ist es leicht, den russischen Imperialismus auszublenden. In Ländern, die erlebt haben, wie Russland als Besatzungsmacht agiert, fällt das deutlich schwerer. Und ja, es ist richtig, in diesem Zusammenhang von "Russland" zu sprechen, nicht von der Sowjetunion. In den Zeiten der Besatzung fand eine Russifizierung des Landes statt, die das Ziel hatte, Lettland so russisch wie möglich zu machen. Auftakt war 1949 die Verschleppung von mehr als 40.000 Letten in 31 Güterzügen. Eine solche Russifizierung führt Russland heute in den besetzten Gebieten der Ukraine durch.
Die Nato ist keine Friedensbewegung und man kann darüber streiten, ob es richtig und ob es klug ist, ihr einen Friedenspreis zu überreichen. Aber es ist die Nato, die in Europa den Frieden sichert - zumindest für ihre Mitglieder, wie Russlands blutiger Vernichtungskrieg gegen die Ukraine zeigt. Stabilität in Europa könne es nur mit Russland geben, war früher ein Standardsatz der deutschen Außenpolitik. Dies noch heute zu behaupten, kommt einer Lüge gleich.
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