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Wednesday, September 16, 2026

70 Meter tief: Wo Kiew nachts Schutz vor Putins Raketen sucht

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Nacht für Nacht treffen sich die Menschen in die Kiewer Metro. Bevor die erste Bahn kommt, gehen sie nach Hause.20 Minuten/Ann Guenter

Darum gehts

  • Weil Luftalarme in Kiew mitunter 19 von 24 Stunden dauern können, ist die Metrostation Lukjaniwska für viele sicherer als das eigene Zuhause.
  • Bewohner des meistbeschossenen Lukjaniwska-Quartiers verbringen dort regelmässig die Nacht – manche bereits seit 2023.
  • «Es ist zu scary, daheim zu bleiben, deswegen komme ich hierher», sagt Anna (27). Und Anwohnerin Katharina (60) meint: «Ich dachte nicht, dass ich je so leben muss. Man gewöhnt sich nicht daran.»

Das dicht bebaute Lukjaniwska-Quartier ist eines der am stärksten angegriffenen Viertel Kiews. Seinen Bewohnern wird so ein abendliches Ritual aufgezwungen: Ab 22 Uhr kommen sie zur Metrostation Lukjaniwska, passieren die Drehkreuze und nehmen die schnell laufende Rolltreppe zur Plattform in 69 Metern Tiefe. Dort richten sie sich für die Nacht zwischen den Steinsäulen ein.

Manche tun das bereits seit Jahren, andere seit einigen Monaten. Denn mittlerweile herrschen die Luftalarme in Kiew fast ununterbrochen – 19 von 24 Stunden, so wie etwa am 8. September.

9 Stunden Alarmzustand pro Tag

Der Eintrittspreis zum Schutz vor Putins Raketen und Düsendrohnen kostet 30 Hrywnja, etwa 55 Rappen. Während eines laufenden Alarms ist der Zugang zum Schutzraum kostenlos. Es ist eine weitere Lebensrealität in einer Stadt, deren Bevölkerung seit Jahren ein Paradox lebt: Der Alltag in einer Scheinnormaliät, über den der Krieg zu fast jeder Tages- und Nachtzeit hereinbrechen kann.

«Die Unbesiegbare»

Mittlerweile zählt die Metrostation Lukjaniwska laut einer Sprecherin der Kiewer Metro zusammen mit Dorohozhytschi und Posnjaky zu den am stärksten belegten Schutzstationen der Stadt.

Die Station ist inzwischen auch Symbol der Widerstandsfähigkeit des Viertels: Ihr Vestibül wurde fast ein Dutzend Mal durch russische Angriffe beschädigt, eine Petition verlangte gar, die Station in «die Unbesiegbare» umzubenennen. Dass «die Lukjaniwska» wiederholt ins russische Visier gerät, erklärt sich auch mit dem Traditionsfirma Artem, die in unmittelbarer Nähe liegt.

Das Stammwerk des Rüstungsunternehmens produzierte unter anderem Flugkörper und Raketenkomponenten. Heute ist unklar, ob auf dem Gelände weiterhin Waffen hergestellt werden. Moskau geht davon aus; die Ukraine macht dazu aus Sicherheitsgründen keine Angaben.

«Es ist zu scary, daheim zu bleiben»

Heute Abend haben sich gut in der dreissig Personen in der Lukjaniwska eingefunden. Manche haben ein Zelt dabei, andere pumpen fette Luftmatratzen auf, stellen Feldbetten zusammen oder legen dünne Matratzen am Boden aus. Um 23 Uhr sind die meisten bereits in Decken eingemümmelt und dösen. Schlaf ist rar und kostbar. Nur wenige unterhalten sich noch flüsternd. «Es ist zu scary, daheim zu bleiben, deswegen komme ich hierher», sagt Anna (27). «Hier fühle ich mich noch am sichersten.»

«Es ist scary, daheim zu bleiben. Hier fühle ich mich noch am sichersten.»

Anna (27)

Wolodimir (35) verbringt die Nacht bis zu dreimal in der Woche Metro - und das seit 2023, wie er sagt. Er lebe neben der Artem-Fabrik und könne eigentlich nur noch in den U-Bahngängen der Lukjaniwska einigermassen schlafen. Noch sei seine Wohnung intakt. «Fragt sich, wie lange noch.»

«Wir hören das hier unten sehr gut»

Auch wenn die Plattform sich tief unter der Erde befindet, bedeutet das nicht garantierten Schutz: «Wenn es nahe der Fabrik einschlägt, hören wir das hier unten sehr gut», sagt Katharina (60). Dann dringen auch Rauch und Staub die gut 70 Meter herab.

«Dennoch fühlen wir uns hier sicherer als zuhause – und auch sicherer als im offiziellen Schutzraum der Stadt. Dieser liegt zwar näher bei unserer Wohnung, es gibt dort aber nur harte Bänke und kaum Platz». Bei schweren Angriffen wirke der Stadt-Bunker ohnehin nicht sicher, sagt Katharina.

«Ich dachte nicht, dass ich so je leben muss.»

Kahtarina (60)

Katharina (60) und ihre Tochter Olga (32) kommen seit einem Monat fast täglich hierher. Wasser, Decken und die wichtigsten Dokumente haben sie stets dabei.

Katharina (60) und ihre Tochter Olga (32) kommen seit einem Monat fast täglich hierher. Wasser, Decken und die wichtigsten Dokumente haben sie stets dabei.20min/Ann Guenter

Sie kommt seit einem Monat mit ihrem Mann und ihrer Tochter Olga (32) fast täglich zur Metrostation Lukjaniwska. Auch ihre Nachbarn seien hier: «Wir kommen zwischen 22 und 23 Uhr und gehen um 5 Uhr, kurz bevor die Metro den Betrieb aufnimmt», so Katharina. «Wenn wir Glück haben, können wir uns zuhause noch einmal etwas hinlegen.» Neben Wasser und Decken hat sie immer eine Tasche mit allen Dokumenten dabei.

«Ich dachte nicht, dass ich je so leben muss. Man gewöhnt sich nicht daran», sagt Katahrina und wirkt plötzlich sehr müde. «Wir haben keine Perspektive, wissen nicht, wie lange das noch so weiter geht.»

56’000 Schutzsuchende in der Metro

In besonders gefährlichen Nächten suchen im Kiewer Metro-Netz Zehntausende Menschen Schutz. In der Nacht auf den 20. August 2026 waren es laut Stadtverwaltung mehr als 38’000, darunter über 2000 Kinder, in der Nacht auf den 30. Juli waren es sogar mehr als 56’000, die während des Luftalarms in den insgesamt 46 unterirdischen Stationen Schutz suchten.

«In den lauten Nächten ist es auch in der Metro schwer einzuschlafen. Nicht nur wegen der Detonationen und all der schlimmen Geräusche von oben. Die Leute bringen dann ihre Haustiere, Hunde, Katzen, Vögel, selbst Reptilien», sagt Katharina. «Und oft lassen sich weinende Babys und Kleinkinder nicht beruhigen, sie spüren wohl die Angst der Erwachsenen, egal, wie ruhig und tapfer diese sich geben.»

«Ich frage mich schon auch, wie wir stark bleiben sollen. Aber wir haben keine andere Wahl.»

Katharina (60)

Der nahende Winter beschäftigte die Leute bereits im Hochsommer. Auch sie seien dabei, Gemüse und Früchte einzulegen, hätten viele Konserven und Wasser gekauft, einen Generator aufgetrieben, sagt Katharina.

Der letzte harte Winter steckt den Menschen noch in den Knochen. Angesichts der Aussicht auf eisige Wohnungen und erneute Strom- und Heizungsausfälle falle es schwer, nicht mutlos zu werden. «Ich frage mich schon auch, wie wir stark bleiben sollen. Aber wir haben keine andere Wahl.»

Wären sie jünger, sagt Katharina, würden sie vielleicht versuchen, ein neues Leben im Ausland anzufangen. «Aber das können wir nicht mehr», stellt die 60-Jährige trocken fest. «Deswegen sind wir hier mit unseren Freunden und Nachbarn und unterstützen uns gegenseitig.»

Um Mitternacht wird das grelle Licht in den Gängen tief unter der Erde gedimmt. Um fünf Uhr packen Katharina, ihr Mann und Olga ihre Pritschen und Taschen zusammen und gehen nach Hause, bevor die ersten Züge fahren. Am Abend beginnt das Ritual von vorn.

Behind-the-Scenes: die Route

Die Reise führte über Moldawien in die Hafenstadt Odessa und von dort in acht Stunden nach Dnipro. Weil ein Einsatz mit einer Drohneneinheit wetterbedingt verschoben werden musste, ging es direkt weiter nach Kiew – erneut sechs Stunden im Auto. Dort traf unsere Reporterin Bürgermeister Vitali Klitschko zum Interview und verbrachte eine Nacht mit Schutzsuchenden in der Metro. Am Folgetag kam die Zusage der Drohneneinheit: Also fuhr sie sechs Stunden zurück nach Saporischja. In der stark beschossenen Frontstadt begleitete sie die Einheit und traf einen früheren Fixer wieder, der heute im Militär dient. Während der Reise traf sie sich ausserdem mit Deserteuren und Kriegsdienstverweigerern, die über ihre Motivation sprachen. Über Odessa, Moldawien und Wien ging es schliesslich zurück nach Hause. Wie es der Reporterin auf ihrer Reise im Kriegsgebiet erging, erfährst du im Interview.

Ann Guenter

Ann Guenter (gux), arbeitet seit 2012 als Auslandsredaktorin für 20 Minuten. Seit August 2015 ist sie zudem Chefreporterin International.

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