Konflikt USA-Iran – «Wir stecken schon jetzt im schlimmsten Szenario»

Hoffnung nährt die Vorstellung, dass sich alles noch zum Guten wendet. Doch daran mögen viele Menschen im Iran nicht mehr glauben. Sie haben die Hoffnung begraben: «Ich blicke weder mit grossen Hoffnungen noch mit grosser Sorge in die Zukunft», sagt Nasim, eine knapp 40-jährige Therapeutin aus Teheran, per Sprachnachricht. Der Iran stecke ihrer Meinung nach ohnehin schon im schlimmsten aller denkbaren Szenarien. Es sei pures Chaos, dem sie nichts Positives abgewinnen könne.
Diese Resignation teilen viele im Land. So auch Amir Ali, ein Künstler aus Teheran: «Die Wahlen in den USA bereiten mir nicht speziell Sorgen – schon seit Jahren kämpfe ich mit der Angst vor Krieg.» Es sei mehr ein chronisches Unbehagen als eine konkrete, auf diese Wahlen bezogene Angst. Die Kraft, sich über mögliche zukünftige Angriffe Sorgen zu machen, fehlt vielen. Der Kampf mit der Gegenwart ist fordernd genug.
Die Wirtschaft als chronisches Leiden
Im Sommer habe sich die Wirtschaftslage nochmals merklich verschlechtert, erzählt Künstler Amir Ali in einer Sprachnachricht weiter. Die Menschen hätten sich nicht an diese neue Normalität gewöhnt, aber sie hätten gelernt, mit den schwierigen Bedingungen umzugehen. Diese Beobachtung teilt der Wohlfahrtsökonom Hadi Kahalzadeh, der am Quincy Institute in Boston forscht.
Als die USA im Sommer neue Sanktionen verhängten, sprach man von einem «wirtschaftlichen D-Day». Doch der Effekt sei gering gewesen, erklärt Kahalzadeh. Der Grund: Der Iran leidet seit Jahrzehnten unter einem schweren Sanktionsregime. «Seit 2018 ist die Zahl der Sanktionen von 550 auf 3800 angestiegen. Ob man nun fünf oder zehn weitere hinzufügt, macht keinen grossen Unterschied mehr.»
Das iranische Regime hat Erfahrung in der Wirtschaftspolitik während Kriegszeiten, man denke an den achtjährigen Krieg gegen den Irak.
Die psychologische Wirkung der Sanktionen
Entscheidender sei die psychologische Wirkung, so der Experte. Neue Sanktionen schüren die Erwartung einer Inflation. Aus Angst vor einem Wertverlust des iranischen Rials tauschen die Menschen ihr Geld in andere Währungen. Das beschleunigt den Wertzerfall zusätzlich und kann im Extremfall zum Kollaps führen. Genau auf diesen Effekt hätten es die US-Finanzbehörden abgesehen.
Bisher kommt es zwar zu einer kontinuierlichen Entwertung der Landeswährung, aber nicht zum Zusammenbruch. Denn das Regime hat vorgesorgt. «Das iranische Regime hat Erfahrung in der Wirtschaftspolitik während Kriegszeiten, man denke an den achtjährigen Krieg gegen den Irak», sagt Kahalzadeh. Zudem habe die Führung grosse Mengen an Gold im Wert von 40 bis 45 Milliarden Dollar gekauft, um die Wirtschaft notfalls auf Sparflamme am Laufen zu halten.
Der Druck auf den Iran nimmt zu, wie in einem Dampfkochtopf. Dies trifft vor allem die einfachen Menschen.
Kaum Auswirkungen auf die Militärausgaben
Der Experte hebt hervor, dass die US-Sanktionen praktisch keine Auswirkungen auf Irans Kriegswirtschaft gehabt hätten: «Seit den jüngsten Kriegen gegen Israel oder die USA habe sich gezeigt: Im Vergleich zum sozialen oder wirtschaftlichen Sektor schreitet der Wiederaufbau des militärischen Sektors viel schneller voran.»
Die US-Sanktionen treffen deshalb vor allem die Bevölkerung und weniger die Kriegswirtschaft des Regimes. Eine Tatsache, der sich auch viele Iranerinnen und Iraner nur allzu bewusst sind. So sagt Javad etwa, der für eine Softwarefirma in Teheran arbeitet: «Der Druck auf den Iran nimmt zu, wie in einem Dampfkochtopf. Dies trifft vor allem die einfachen Menschen.»
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