Durchfall-Unfall: Wie gefährlich ist das Weiterlaufen?

- Die Hyrox-Athletin Joanna Wietrzyk litt beim Rennen in Peking an Durchfall und lief trotzdem weiter – bis zum Sieg.
- Zwei Sportärzte erklären, dass Durchfall bei Extrembelastung häufig vorkommt und nicht zwingend ein Warnsignal ist.
- Hyrox hat nach dem Vorfall sein Regelwerk angepasst: Bei Kontaminationsrisiko kann die Rennleitung Athleten aus medizinischen Gründen disqualifizieren.
Einfach weiterlaufen, obwohl der eigene Körper offensichtlich nicht mehr mitspielt: Die Bilder von Joanna Wietrzyk, der Hyrox-Läuferin, die während eines Rennens in Peking an Durchfall leidet, sorgen weltweit für Diskussionen. Doch was passiert bei einer solchen Extrembelastung eigentlich im Körper? Und hätte die Hyrox-Athletin ihren Wettkampf aus medizinischer Sicht abbrechen müssen?
Die Sportärzte Dr. med. Walter O. Frey und Dr. med. Emanuel Steinhauer ordnen gegenüber 20 Minuten ein, wie es überhaupt zu einem solchen Kontrollverlust kommen kann, welche Warnsignale ernst genommen werden sollten – und ob Wietrzyk mit ihrem Weiterlaufen tatsächlich andere gefährdet hat.
Wie kritisch ist der Vorfall aus medizinischer Sicht?
Dr. med. Walter O. Frey: Wir wissen nicht, warum die Athletin an Durchfall litt. Es gibt Ursachen für Durchfall, wie beispielsweise intensives Sporttreiben, Magnesiumeinnahme in zu hohen Dosen oder ähnliche, welche aus medizinischer Sicht weitgehend belanglos sind.
Über die Experten
Hätte die Athletin ihre Teilnahme am Rennen beenden sollen?
Dr. med. Walter O. Frey: In verschiedenen Sportarten kommt es immer wieder zu Durchfall bei Athletinnen. Wenn sie sich dabei gesund und leistungsfähig fühlen, beenden sie in der Regel ihren Wettkampf und können sogar gewinnen, wie das Beispiel zeigt.
Dr. med. Emanuel Steinhauer: Beim Laufen können die wiederholten Erschütterungen die Darmtätigkeit anregen. Viele Sportler kennen dieses Phänomen als Runner’s Gut. Es bezeichnet Magen-Darm-Beschwerden, die durch intensive Belastung ausgelöst werden können.
Wie kann so etwas passieren?
Dr. med. Walter O. Frey: Durchfall beim Sporttreiben ist ein sehr häufiges Phänomen. Es werden ganz verschiedene Mechanismen diskutiert.
Dr. med. Emanuel Steinhauer: Bei belastungsintensiven Aktivitäten mit häufigen Wechseln in Bewegung und Intensität steht der Körper unter grossem Druck. Mit dieser plötzlichen und hohen Belastung kommt er nicht immer zurecht. Sind die beteiligten Muskeln zu schwach, können sie während der Aktivität nachgeben und zu Inkontinenz führen. Auch hormonelle Veränderungen können die Harnröhren- und Beckenbodenmuskulatur schwächen und so das Risiko für Harn- oder Stuhlinkontinenz erhöhen.
Ist das als Warnsignal des Körpers zu verstehen?
Dr. med. Walter O. Frey: Wenn es plausible Erklärungen gibt, wie beispielsweise die Einnahme von abführenden Substanzen wie scharfen Gewürzen, fettigen Speisen, Milchprodukten (Lactose), Koffein oder hohe Dosen von Magnesium oder das Sporttreiben selbst, dann ist Durchfall eine ganz normale Reaktion des Körpers und hat keine Warnsignal-Bedeutung.
Inwiefern hat die Athletin durch ihr Verhalten die anderen Teilnehmenden gefährdet?
Dr. Walter O. Frey: Wenn keine Magendarminfektion bestand, dann sind kleinste Mengen von Stuhl sehr unappetitlich – aber nicht unbedingt krankheitserregend.
Die Hyrox-Veranstalter haben zwischenzeitlich die Regeln angepasst. Ist das gut?
Dr. med. Emanuel Steinhauer: Die Entscheidung finde ich vernünftig. Meiner Meinung nach wirft der Vorfall die Frage auf, wie weit gesellschaftliche Normen verletzt werden dürfen, um die angestrebte Leistung zu erreichen. Ab einem bestimmten Leistungsniveau kann der Körper in Zustände versetzt werden, die einer extremen Stresssituation ähneln. Letztlich ist es auch eine Frage davon, wie wir Sport verstehen: Geht es darum, um jeden Preis das Maximum aus dem Körper herauszuholen, oder sollte Sport in erster Linie dazu beitragen, Menschen gesünder zu machen?
Céline Eicher (eic), Jahrgang 1996, arbeitet seit 2026 für 20 Minuten. Sie ist Praktikantin im Ressort Sport.
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