Wohnkostenfalle: Jeder Sechste missachtet die Drittelregel

- 16 Prozent der erwachsenen Schweizer Bevölkerung geben mehr als ein Drittel des Bruttoeinkommens fürs Wohnen aus.
- Besonders betroffen sind Geringverdienende mit bis zu 4000 Franken Haushaltseinkommen: Bei ihnen sind es 36 Prozent.
- Bei den Mietenden überschreiten 22 Prozent die Drittelgrenze, bei den Eigentümern sind es noch 7 Prozent.
In der Schweiz gilt folgende Faustregel bei den Wohnkosten: Die Brutto-Wohnkosten sollten nicht mehr als ein Drittel des Bruttoeinkommens betragen. Sonst droht eine Armutsfalle. Doch diese Faustregel geht immer weniger auf: 16 Prozent der erwachsenen Bevölkerung überschreiten diese Belastungsgrenze, wie eine Umfrage des Vergleichsdiensts Comparis ergibt.
Besonders für Geringverdienende ist Wohnen oft zu teuer. Bei einem Bruttohaushaltseinkommen von bis zu 4000 Franken geben 36 Prozent mehr als ein Drittel fürs Wohnen aus. Bei einem Einkommen von über 8000 Franken sind es gerade einmal 6 Prozent. Unter den Mieterinnen und Mietern überschreitet mehr als jede fünfte Person (22 Prozent) die gängige Drittelgrenze für Wohnkosten. Dieser Anteil liegt höher als bei der gesamten erwachsenen Bevölkerung (16 Prozent), weil dort auch Wohneigentümerinnen und Wohneigentümer mitgezählt werden.
Doch auch bei den Eigentümerinnen und Eigentümern liegen 7 Prozent über der Drittelmarke. Das ist bemerkenswert, weil Banken vor der Vergabe einer Hypothek prüfen müssen, ob die Finanzierung langfristig tragbar ist. Dabei rechnen sie in der Regel nicht mit dem aktuellen Hypothekarzins, sondern mit einem kalkulatorischen Zinssatz von 5 Prozent. Dieser liegt deutlich über dem heutigen Marktniveau: Im Comparis-Hypothekenvergleich sind zehnjährige Festhypotheken derzeit ab rund 1,6 Prozent erhältlich. Doch die Tragbarkeitsprüfung der Banken ist nur eine Momentaufnahme: Beispielsweise bei einem Jobwechsel mit tieferem Lohn kann sich die Tragbarkeit ändern.
Welche Wohnkosten würden sich für dich am ehesten noch gut anfühlen?
Comparis-Immobilienexperte Harry Büsser warnt: «Die Drittelregel ist kein Naturgesetz, aber sie ist ein wichtiger Warnwert. Wer dauerhaft darüber liegt, muss bei anderen wichtigen Budgetposten sparen; möglicherweise sogar bei Gesundheitsausgaben oder der Vorsorge. Zudem droht ein Engpass bei unerwarteten Ausgaben.»
Tipps von Comparis-Experte Harry Büsser
- Nicht bis an die Schmerzgrenze rechnen: Die gesamten Wohnkosten sollten so gewählt werden, dass nach Miete oder Finanzierung genügend Spielraum für Krankenkasse, Mobilität, Lebensmittel, Vorsorge und unerwartete Ausgaben bleibt.
- Wohnkosten vollständig berechnen: Neben Miete oder Hypothekarzinsen gehören auch Nebenkosten, Energie, Versicherungen sowie bei Wohneigentum Unterhalt, Rückstellungen und Erneuerungen ins Budget.
- Mietpreise vor dem Umzug vergleichen: Wer eine neue Wohnung sucht, sollte die Preise vergleichbarer Angebote in der gewünschten Region prüfen. Manchmal lohnt es sich, Lage, Grösse oder Ausstattung leicht anzupassen, statt finanziell zu knapp zu kalkulieren.
- Senkungspotenzial prüfen: Mietende sollten regelmässig kontrollieren, ob sie aufgrund eines gesunkenen Referenzzinssatzes Anspruch auf eine Mietzinssenkung haben. Entscheidend ist aber immer die konkrete Mietberechnung, weil Teuerung und Kostensteigerungen gegenverrechnet werden können.
- Veränderungen einplanen: Immobilienbesitzende sollten prüfen, ob die Wohnkosten auch bei Pensionierung, Einkommenseinbussen, Trennung, höheren Unterhaltskosten oder steigenden Finanzierungskosten langfristig tragbar bleiben.
- Eigentum nicht schönrechnen: Beim Vergleich mit einer Mietwohnung zählen nicht nur die monatlichen Kosten. Wer Eigenkapital in ein Haus oder eine Wohnung steckt, kann dieses Geld nicht gleichzeitig anlegen. Auch diese entgangenen Erträge sowie Unterhalt und Renovationen gehören zur Gesamtrechnung wie die Entwicklung des Immobilienwertes.
Ein Viertel der Befragten zahlt mehr als 2000 Franken fürs Wohnen
In der Schweiz beträgt der monatliche Medianlohn aktuell 7024 Franken. Das bedeutet: Eine Hälfte der Bevölkerung verdient mehr, die andere Hälfte weniger. Gemäss der Drittelregel dürften die Wohnkosten 2341 Franken nicht überschreiten. Tatsächlich zahlt ein Viertel der erwachsenen Bevölkerung gemäss der Comparis-Umfrage mehr als 2000 Franken pro Monat fürs Wohnen. Bei den Mieterinnen und Mietern sind es 30 Prozent.
In der Einkommensklasse zwischen 4000 und 8000 Franken zahlt ein Viertel mehr als 2000 Franken monatlich fürs Wohnen. Aber auch fast 10 Prozent der Geringverdienenden mit einem Bruttoeinkommen von unter 4000 Franken zahlen mehr als 2000 Franken für ihre Wohnung, also deutlich mehr als die Hälfte des Einkommens. «2000 Franken Wohnkosten sind nicht für alle gleich viel. Für hohe Einkommen ist das verkraftbar. Für tiefe oder mittlere Einkommen kann derselbe Betrag bedeuten, dass am Monatsende kaum Reserve bleibt», so Büsser.
Bei den Immobilienbesitzerinnen und -besitzern sind die Kosten oft tiefer als bei den Mieterinnen und Mietern: 50 Prozent geben weniger als 1500 Franken pro Monat aus. Bei den Mietenden sind es 36 Prozent. Unter der 1000-Franken-Marke wird der Unterschied besonders deutlich: 27 Prozent der Eigentümer und Eigentümerinnen liegen darunter, aber nur 11 Prozent der Mietenden.
«Eigentum sieht bei den monatlichen Wohnkosten oft günstiger aus als Miete. Aber dabei wird häufig vergessen, dass viel Eigenkapital im Haus oder in der Wohnung gebunden ist», sagt Büsser. «Dieses Geld kann nicht gleichzeitig angelegt werden und Ertrag bringen. Zudem kommen Unterhalt, Renovationen und grössere Reparaturen hinzu. Eigentum kann langfristig attraktiv sein – ist aber nicht automatisch günstiger.»
So entstand die Umfrage
Comparis beauftragte für die laut eigenen Angaben repräsentative Befragung das Marktforschungsinstitut Innofact. Es befragte im August 1038 Personen aus der erwachsenen Wohnbevölkerung im Alter von 18 bis 74 Jahren in allen Regionen der Schweiz und achtete darauf, dass wichtige Merkmale wie Alter, Geschlecht oder Wohnregion der Befragten ähnlich verteilt sind wie in der Bevölkerungsgruppe.
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Fabian Pöschl (fpo) arbeitet seit 2020 für 20 Minuten. Er ist Verantwortlicher Wirtschaftsnews im Ressort Wirtschaft
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