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Saturday, October 3, 2026

Verdanken wir die Drehtür echt einem Frauenhasser?

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Bei der Erfindung der Drehtür soll es dem US-niederländischen Erfinder Theophilus Van Kannel weniger um Praktisches als um ein Auflehnen gegen die Etikette gehandelt haben. Angeblich entwickelte er sie aus der Abneigung heraus, Frauen die Tür aufzuhalten.

Die Bewertung

An der Behauptung ist nichts dran: Sie ist falsch. Zumindest gibt es keine historischen Belege dafür. Sie tauchte erst fast 100 Jahre nach seinem Tod in einem Blog-Beitrag auf. Laut dem Verfasser handelte es sich dabei um einen Witz. Die Behauptung sei humoristisch gemeint.

Behauptung wird oft zitiert, belegt ist sie aber nicht

Höflichkeit, vor allem solche gegenüber Frauen, sei Theophilus Van Kannel (1841–1919) ein Dorn im Auge gewesen. Er soll es nicht gemocht haben, ihnen die Tür aufzuhalten. Deshalb habe er «in den späten 1800er-Jahren» die Drehtür erfunden, «um das Problem zu umgehen». So ist es bei Chip.de (hier archiviert), aber auch in weiteren Berichten zu lesen (etwa hier, hier und hier sowie hier, hier und hier archiviert). Auch auf Social Media taucht die Behauptung immer wieder auf (etwa hier, hier und hier sowie hier, hier und hier archiviert). Doch: Wirklich belastbare Beweise dafür finden sich nicht. Dafür finden sich mehrere belegte Punkte, die gegen die Behauptung sprechen.

So kam es zur Erfindung der Drehtür

Der in Philadelphia (US-Bundesstaat Pennsylvania) ansässige Theophilus Van Kannel war ein äusserst findiger Mensch. Mindestens 49 Patente meldete er während seines Lebens an, darunter etwa einen Kirschenentkerner und das Fahrgeschäft Witching Waves, eine der beliebtesten Attraktionen im Luna Park auf Coney Island.

Witching Waves wird oft als Vorläufer des Autoscooters bezeichnet. (Im Bild: Darstellung der Attraktion im Luna Park auf Coney Island, 1917)

Witching Waves wird oft als Vorläufer des Autoscooters bezeichnet. (Im Bild: Darstellung der Attraktion im Luna Park auf Coney Island, 1917)Wikimedia Commons/American Art Publishing Company/PD

Van Kannel erfand Verbesserungen an Drehtüren

Das US-Patent 387,571 (PDF), das Van Kannel am 7. August 1888 erhielt, war eines davon (hier archiviert). Betitelt ist es mit «Storm Door Structure». Zu Deutsch: Sturmtürkonstruktion. Im dazugehörigen Schreiben gibt Van Kannel an, «bestimmte Verbesserungen an Sturmtürkonstruktionen erfunden» zu haben. Im Weiteren führt er diese aus, zudem sind seine Ideen in den beigefügten Skizzen zu sehen (siehe Bildstrecke).

In Van Kannels Patentantrag von 1888 heisst es: «Es liegt auf der Hand, dass eine Sturmtürkonstruktion der beschriebenen Art zahlreiche Vorteile gegenüber einer herkömmlichen Drehtür bietet. Da die Tür passgenau im Rahmen sitzt, ist sie absolut geräuschlos und verhindert wirksam das Eindringen von Wind, Schnee, Regen und Staub – sowohl im geschlossenen Zustand als auch beim Durchgang. Zudem kann die Tür nicht vom Wind aufgeweht werden, da der Druck auf beiden Seiten des Drehpunktes gleich ist.» Es folgen weitere Pro-Argumente. Frauen oder die Etikette betreffende Punkte werden jedoch nicht erwähnt.

Die Drehtür-Idee stammt aus Deutschland

Tatsächlich war Van Kannel gar nicht der Erste, der sich mit dieser Art Tür beschäftigte. Bereits am 22. Dezember 1881 hatte ein Herr Bockhacker aus Berlin das deutsche Patent DE 18349C für seine «Thür ohne Luftzug» erhalten, seine Idee aber nicht weiter vermarktet oder vorangetrieben. Deshalb gilt vielen der US-niederländische Erfinder als Vater der Drehtür.

Deshalb gilt vielen der US-niederländische Erfinder als Vater der Drehtür. Van Kannel war es auch, der 1889 für seine Erfindung mit der John-Scott-Medaille des Franklin Institute ausgezeichnet wurde. 2007 wurde er zudem in die amerikanische Inventors Hall of Fame aufgenommen. Die Begründung: Van Kannels «Drehtür trug dazu bei, mehrere Probleme herkömmlicher Türen zu lösen». Neben den schon im Patent genannten Vorzügen der Tür wird hier auch noch erwähnt, dass besonders Architekten die Drehtür schätzten, «da der Übergang vom kleinen, geschlossenen Raum einer Drehtür in eine Lobby den Raum weitläufiger und imposanter wirken liess» (hier, hier archiviert). Auch hier findet sich kein Hinweis darauf, dass Van Kannel Frauen nicht mochte oder ihnen nicht gerne die Tür aufgehalten haben soll.

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Behauptung lässt sich nur bis 2005 zurückverfolgen

Diese Information taucht erstmals auf dem Blog Thenonist.com auf. Betrieben wird dieser von Jaime Morrison alias JMorrison, einem Grafikdesigner aus New York (hier, hier archiviert). Der entsprechende Beitrag mit dem Titel erschien ursprünglich am 17. November 2005 (hier, hier archiviert). Drei Jahre später wurde er erneut veröffentlicht (hier, hier archiviert). Beide Male findet sich unter dem Text die Anmerkung, dass «die meisten Fakten dieses Beitrags aus James Buzards Artikel ‹Perceptual Revolution› stammen, während alle Unwahrheiten, das versichere ich Ihnen, von mir selbst kommen. Ich überlasse es Ihnen, zwischen Wahrheit und Wahrheit zu unterscheiden.» Laut Snopes.com (hier archiviert) findet sich im erwähnten Artikel kein Hinweis darauf, dass Van Kannel frauenfeindlich gewesen ist oder genervt davon war, anderen Menschen die Tür aufzuhalten.

Morrison: «Text war humoristisch gemeint»

Dass diese Aspekte tatsächlich frei erfunden waren, bestätigte der Autor der Blogbeiträge im Jahr nach der Veröffentlichung des Snopes-Artikels selbst. Morrison habe die Redaktion kontaktiert und bestätigt, «dass der Text tatsächlich humoristisch gemeint war und die Ritterlichkeitsgeschichte frei erfunden ist», zitiert «Snopes» aus Morrisons Mail. Der gibt an, beim Schreiben des Textes davon ausgegangen zu sein, «dass die Absurdität der Idee offensichtlich wäre» und er sogar einen Disclaimer hinzugefügt habe.

Doch frühere Faktenchecks von 20 Minuten zeigen: Solche Hinweise werden häufig übersehen. Und das immer wieder.

Gewusst? Darum kommt eine Drehtür nie allein

Weder Bockhacker noch Van Kannel haben damals vorgesehen, die Drehtür jeweils um eine weitere, klassische Tür zu ergänzen. Diese Auflage kam erst später – nach einer verheerenden Brandnacht im Nachtclub Coconut Grove in Boston am 28. November 1942. In dem Feuer kamen fast fünfhundert Menschen ums Leben, 270 Personen wurden verletzt. Viele starben bei dem Versuch, durch die Drehtür am Eingang zu fliehen. Doch diese klemmte. «Der Brand veranlasste Kommunen, allen voran Boston, auf eine strengere Anwendung und Durchsetzung der Bauvorschriften zu bestehen, die Bereiche wie Ausgänge, Besucherkapazität und Türtypen betreffen», schreibt das Coconut Grove Memorial Committee (hier, hier archiviert). 1943 wurde in dem US-Bundesstaat gesetzlich vorgeschrieben, Drehtüren entweder mit einer nach aussen öffnenden Tür zu flankieren oder die Drehtür zusammenklappbar zu gestalten.

Fazit

Die Behauptung, Van Kannel habe ein Problem mit Frauen gehabt und damit gehadert, anderen Menschen die Tür aufzuhalten, ist falsch. Seine Patentschrift nennt mehrere ganz praktische Vorteile wie den Schutz vor Wind, Regen, Schnee und Staub. Die Behauptung über seine angebliche Abneigung gegen höfliche Gesten tauchte erst 2005 in einem humoristisch gemeinten Blogbeitrag auf – und wurde später vom Autor selbst als frei erfunden bestätigt.

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