Neu im Kino – Wo ist Heimat, wenn man sie nicht auf einer Landkarte findet?

Als der Schriftsteller Pedro Lenz der Regisseurin Hao Hohl erzählt, er könne sich überall auf der Welt sein eigenes «Langenthal» schaffen, bleibt bei ihr vor allem ein Gedanke hängen. Während der gebürtige Langenthaler genau weiss, wo seine innere Heimat liegt, sucht sie selbst noch danach. «Ich weiss nicht, wo mein Langenthal ist», sagt Hohl.
Aus diesem Satz ist ein Dokumentarfilm entstanden. «Anders Anders» begleitet Menschen, die zwischen Sprachen, Kulturen und Lebenswelten ihren Platz suchen. Die Suche der Wahl-Appenzellerin zieht sich wie ein roter Faden durch den Film. Dabei geht es um weit mehr als Migration und Herkunft. Im Zentrum steht die Frage: Was braucht es, damit ein Ort zur Heimat wird?
Von der Sprache zur Heimat
Ursprünglich plante Hao Hohl einen Film über das Schweizerdeutsche. Die Regisseurin lebt seit 20 Jahren in der Schweiz, spricht fliessend Hochdeutsch, aber keinen Dialekt. Die Frage, welche Rolle Sprache für Zugehörigkeit und Integration spielt, liess sie nicht los.
Während der Recherchen merkte sie jedoch, dass sich hinter dem Thema eine grundlegendere Suche verbarg. «Wer bin ich hier in diesem Land?», fragte sie sich. Aus einem Film über Sprache wurde ein Film über Heimat.
Antworten auf diese Frage findet Hohl in den Geschichten ihrer Protagonistinnen und Protagonisten. Eine Schlüsselfigur ist dabei Pedro Lenz, dessen Gedanke vom eigenen «Langenthal» die Regisseurin erst auf ihre persönliche Spurensuche brachte. Humorvoll spricht er im Film über die Bedeutung von Sprache, seine spanische Mutter und seine Verbundenheit mit Langenthal.
Zwischen Verwurzelung und Fremdsein
Eine weitere prägende Begegnung ist jene mit dem Komponisten Charles Uzor. Er erlebte als Kind den Biafrakrieg in Nigeria und kam als Siebenjähriger allein in die Schweiz. Im St.‑Galler-Dialekt erzählt er Hohl, ein Teil von ihm sei immer noch das Kind geblieben, das Afrika einst verlassen habe.
Kehre er heute dorthin zurück, finde er diesen Ort jedoch nicht mehr. Die Erinnerungen an seine Kindheit hätten sich mit der Sehnsucht nach Heimat zu etwas Eigenem vermischt. Ein Gefühl von Trost und Zugehörigkeit habe er stattdessen in der Sprache der Musik gefunden.
Neben Lenz und Uzor begegnet Hohl auch Menschen, deren Familien seit Generationen in der Schweiz verwurzelt sind und die dennoch Fremdheit erleben. Gemeinsam fügen sich ihre Geschichten zu einem vielschichtigen Bild davon, wie Identität sich wandelt und Zugehörigkeit immer wieder neu ausgehandelt wird.
Heimat als Gefühl
Einfache Antworten liefert «Anders Anders» nicht. Aus den unterschiedlichen Perspektiven ihrer Protagonistinnen und Protagonisten setzt Hohl ein Mosaik der Schweiz zusammen. Für Hao Hohl selbst hat sich der Blick auf Heimat während der Dreharbeiten verändert.
Heute versteht sie diese weniger als geografischen Ort denn als inneren Zustand. «Heimat ist für mich ein Ort oder ein Gefühl, wo ich mit mir im Reinen bin, wo ich mich nicht mehr anders fühle», sagt sie.
So ist «Anders Anders» nicht nur ein Film über Herkunft oder Migration. Es ist ein Film über die Sehnsucht, dazuzugehören. Und über die Erkenntnis, dass Heimat nicht zwingend ein Ort sein muss, sondern in den Begegnungen mit anderen Menschen entsteht.
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