Unternehmen mit Handicap – Mit einem Handicap eine eigene Firma gründen? Das geht

Unternehmen mit Handicap Mit einem Handicap eine eigene Firma gründen? Das geht
Lange war es unmöglich, mit IV-Rente unternehmerisch tätig zu sein. Nun ist es möglich. Ein Beispiel.
«Ich liebe diese Schere», sagt Rebekka Steiger und schneidet mit der grossen Schere ihrer Grossmutter einen Stoffrand ab. Die 28-Jährige hat in ihrer Wohnung in Weinfelden TG ein Nähatelier eingerichtet. Sie schwärmt von ihren neuen Freiheiten: «Ich kann bis zwei Uhr morgens arbeiten, wenn ich will. Im ersten und zweiten Arbeitsmarkt ginge das nicht.»
Rebekka Steiger ist Bezügerin einer IV-Rente. Dass sie selbstständig arbeiten kann, liegt an dem Projekt «Eigenes Schaffen». Seit 2024 werden Menschen mit Handicap unterstützt, sich selbstständig zu machen. Acht Personen haben mittlerweile ihr eigenes Unternehmen gegründet.
Steiger ist eine davon. Sie absolvierte eine Lehre in einem Stoffladen und schloss die Berufsmaturität ab. Arbeiten aber ging nicht. Mit 21 kam sie wegen psychischer Probleme erstmals in eine Klinik. Es folgten weitere Aufenthalte. Steiger wollte trotzdem arbeiten und versuchte Verschiedenes aus, auch geschützte Werkstätten. Doch nirgends wollte es richtig klappen.
Dass sie nun selbstständig sein kann, sei das Richtige für sie. Auch wenn sie anfangs grossen Respekt davor gehabt habe: «Ich dachte: ‹Was, wenn es nicht funktioniert?› Doch mir wurde gesagt, es könne nichts passieren. Das hat mir enorm Sicherheit gegeben.» Denn auch wenn es nicht funktionieren würde, bekäme sie weiterhin die volle IV-Rente.
Rechtlich angestellt und doch selbstständig
Der «Trick» dabei: Steiger ist rechtlich immer noch angestellt. Bei einer Stiftung, die im Thurgau verschiedene Werkstätten und Wohnangebote unterhält. Rebekka Steiger kann jedoch selbstständig Aufträge annehmen.
Diesen «Trick» gibt es dank des Projekts «Eigenes Schaffen». In Kursen werden die IV-Rentnerinnen und -Rentner betreut. Ihre Ideen werden geschärft und sie werden bei Fragen unterstützt. Auch während der Selbstständigkeit gibt es weiter Unterstützung.
Im September ist ein neuer solcher Kurs «Selbstständigkeit mit Handicap» gestartet. Die Ideen der Kursteilnehmenden sind teilweise ausgereift, teilweise stehen sie noch am Anfang.
Nicht bloss ein Hobby
Zwei Frauen erzählen von ihrer Podcast-Idee: «Wir sind beste Freundinnen und kennen uns schon seit rund sechs Jahren. Wir haben uns in einer Klinik kennengelernt. Unsere Idee ist es, psychisch Beeinträchtigten oder Menschen mit Handicap eine Plattform zu geben.»
Man muss nicht gleich den Lebensunterhalt verdienen.
Eine andere Frau ist sich noch unsicher. Gerne würde sie etwas für Demenz-Erkrankte machen. In welcher Form, ist aber unklar. «Ich muss auch herausfinden, ob jetzt der geeignete Zeitpunkt ist.»
Es gehe bei der möglichen Selbstständigkeit nicht nur um ein Hobby, sagt Tobias Lindeke, der Initiator von «Eigenes Schaffen»: «Man muss nicht gleich den eigenen Lebensunterhalt erwirtschaften. Aber es muss doch so ernsthaft sein, das man in etwa so verdient, wie es in einer geschützten Werkstatt üblich wäre.»
Lindeke spricht von mindestens 250 Franken pro Monat. Dies sollte bei den Ideen herausschauen. Mit diesem Geld müssen die Unternehmerinnen zum Beispiel Material oder Nebenkosten bezahlen. Was übrig bleibt, ist dann der Lohn.
Für viele ist selbstständiges Arbeiten bereits ein Lohn für sich. Es mache Spass und gebe Selbstvertrauen, sagt auch Näherin Rebekka Steiger. Sie ist mittlerweile Botschafterin für das Projekt «Eigenes Schaffen». Will heissen: Ein Teil ihrer Arbeitszeit braucht sie dafür.
Daneben näht sie, mit IV-Rente selbstständig in ihrem eigenen Nähatelier.
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