Rollenbild im Wandel: "Es gibt überall freundliche Männer und Scheusale"

Rollenbild im Wandel"Es gibt überall freundliche Männer und Scheusale"
31.10.2026, 11:06 Uhr
Von Torsten Landsberg
Der Weltenbummler Andreas Altmann hat Bestseller über das Reisen und das Leben geschrieben. Jetzt legt er eine Gebrauchsanweisung für Männer vor. Sie sammelt Geschichten von Grausamkeit und dem unermesslichen Wert eines "Bonjour".
Es ist so kompliziert, ein Mann zu sein. Warum sonst füllen Ratgeber für Männer in Buchhandlungen ganze Regale? Die einen versprechen, nie mehr Mr. Nice Guy sein zu müssen und das Maskuline zu stärken, andere wollen helfen, die Beziehung zu verbessern und versichern, Frauen wollten nicht durch Coolness überzeugt werden, Ehrlichkeit sei doch viel interessanter. Immer, wenn es um Identität geht, wird es heikel. Denn wie sich Individuen, die rein zufällig einer Gruppe angehören, selbst sehen, von außen gesehen werden oder überhaupt sein wollen, ist alles andere als homogen.
"Ich glaube, dass die meisten Menschen gut sein wollen, dass sie empathisch, aber oft von den Umständen überfordert sind", sagt Andreas Altmann, der nach Büchern über das Reisen, die Heimat oder das Leben nun die "Gebrauchsanweisung für Männer" vorlegt, im Gespräch mit ntv.de. "Wenn du in einem Elternhaus aufwächst, wo Zivilisation gelehrt wird, wo man einem Kind Empathie beibringt, kommt statistisch gesehen ein Mann heraus, der sich einigermaßen zivilisiert benehmen kann." Es gebe aber auch Menschen, die trotz einer glücklichen Kindheit und Jugend als Erwachsene eine Depression ereile.
Über Jahrzehnte hinweg hat Andreas Altmann Eindrücke aus vielen Winkeln des Planeten gesammelt. Der 77-Jährige ist das, was man etwas altmodisch einen Weltenbummler nennt. Er hat alle Kontinente bereist, lebte in einem indischen Ashram, in einem Zen-Kloster in Kyoto, in New York und Mexiko-Stadt, ehe er in Paris so sesshaft wurde, wie es ein Rastloser eben sein kann. Therapien seien diese Reisen stets gewesen, auf denen er vielen Männern begegnete. Verschafft es einen guten Überblick über das Mannsein, wenn man es in allen Religionen und verschiedenen Kulturen erlebt hat?
"Ich glaube nicht, dass es irgendwo auf der Welt bessere Männer gibt oder schlechtere", sagt Altmann. Er sei überall auf freundliche Exemplare getroffen, genau wie auf Scheusale, auf hilfsbereite und großzügige Männer, auf berührende wie auf kalte. Charakteristische Züge seien ebenso vielfältig und verbreitet wie zufällige Merkmale: das Aussehen, die Intelligenz und das Alter. "Wir empfinden alle Freude und Schmerz, wir alle haben Angst vor dem Leben und vor Krankheiten oder dem Tod."
Dass der Mann der Gegenwart vor allem in negativen Kontexten im Fokus steht, hat Altmann bei der Auswahl seiner Typologien anfangs beeinflusst: Männer sind toxisch, gewaltbereit, führen Kriege. "Wir bekommen dauernd schlechte Presse, weil sich schlechte Nachrichten besser verkaufen", sagt der Autor. "Natürlich gibt es die Arschlöcher, aber es steht nicht an jedem zweiten Eck ein Frauenhasser. Ich kenne Männer, die sich anständig benehmen und nicht dauernd das Toxische durch ihre Nasenlöcher ausstrahlen."
"Männer sprechen ungern über Niederlagen"
Ebenso begegneten ihm toxische Männer, deren frühe Hoffnungen und Träume sich nicht erfüllten. Lassen Männer solche Verletzungen anders an ihren Mitmenschen aus als Frauen? "Frauen tauschen sich eher mit ihren Freundinnen aus. Männer sprechen ungern über ihre Niederlagen", sagt Altmann. "Sie gehen auch weniger zum Arzt und warten, bis der Krebs schon blüht." Manch einer fresse Enttäuschungen in sich hinein und betäube Schmerz in der Kneipe, andere zögen ihre Mitmenschen in ihr Unglück hinein.
Das männliche Rollenbild ist im Wandel, was nach 10.000 Jahren Patriarchat unweigerlich zu Irritationen führen kann. Care Arbeit übernehmen, aber weiter der Fels in der Brandung sein - das mündet schon mal in eine Identitätskrise. Etwas unter geht in den Debatten, dass viele Männer die Gleichberechtigung der Geschlechter unterstützen, sich gerne um den Nachwuchs kümmern und, nun ja, einfach ziemlich normal sind. "Großspurig ausgedrückt, hat sich durch die Evolution herausgebildet: Der Mann bringt das Geld, die Frau ist zu Hause, freut sich, hüpft ihm entgegen, wenn er die Tür aufmacht", sagt Andreas Altmann.
Manchem Vertreter eines Geschlechts, das über Jahrhunderte hinweg zu herrschen gewohnt gewesen sei, falle die Umstellung offensichtlich schwerer. Doch ist der Grat zwischen gesunder männlicher Selbstbehauptung auf der einen und einem für andere unheilvollen Verhalten auf der anderen Seite wirklich so schmal? "Natürlich muss ein Mann auf seinen Selbstwert achten. Er braucht genauso Respekt wie eine Frau." Nur sei es eben keine Respektlosigkeit, wenn alte Rollenmuster hinterfragt würden. "Ich habe neulich etwas gesehen mit dem Titel 'Was ist Männlichkeit?', und da treten diese Dödel im Fitnessstudio auf, die erzählen, dass der Mann dominant sein und Stärke zeigen muss und die Frau zu ihm aufzuschauen hat. Was für ein Blödsinn!"
Der Feminismus habe durch MeToo und mutige Frauen wie das Vergewaltigungsopfer Gisèle Pelicot in Frankreich einen starken Schub bekommen, der unsicheren Typen Angst einjage. Im Fall Pelicot hieß es, die Scham müsse die Seiten wechseln. "Ich habe den Satz gar nicht verstanden, weil ich nie dachte, dass eine Frau, die vergewaltigt wird, sich schämen muss."
Einfluss aufs Beziehungsleben
Andreas Altmann hat wiederkehrend über das nicht eben liebevolle Elternhaus geschrieben, in dem er aufwuchs. Auch Männer können vom Patriarchat geprägt sein, besonders, wenn es gewaltsam praktiziert wird. Woran entscheidet sich, die Beziehungen zu anderen Menschen später nicht von diesen Erfahrungen beeinflussen zu lassen? "Es gibt diesen schönen Ausdruck in der englischen Pädagogik: negative learning. Ich weiß zwar nicht, was ich will, aber ich weiß sehr genau, was ich nicht will." In der Rückschau fühle es sich an, als habe er schon als Fünfjähriger entschieden, die Art des Zusammenseins zwischen Mann und Frau, das er von seinen Eltern kannte, nicht nachleben zu wollen.
In Beziehungen müsse es schließlich darum gehen, etwas zur Lebensfreude des oder der anderen beizutragen. "90 Prozent einer Beziehung müssen dazu da sein, jemandem das Leben zu erleichtern, statt es zu beschweren. Und sei es nur ein kleines Wort, eine kleine Geste", meint der Autor und zitiert den französischen Dichter Jean Cocteau: "'Es gibt keine Liebe, nur Beweise der Liebe.' Ein 'Ich liebe dich', das kostet mich also gar nichts, das geht mir so weg von den Lippen."
Nun sind Oberflächlichkeiten keine alleinige Domäne von Männern, gesamtgesellschaftlich werden ein Rückzug aufs Ego und eine Verhärtung im Umgang mit unseren Mitmenschen beklagt. Es seien die Grundformen der Empathie, die fehlten, sagt Andreas Altmann, etwa ein müheloses "Bonjour" im Treppenhaus. "Sie sind ja in ihrer Boshaftigkeit auch unglücklich. Wir wissen doch: Wenn du jemandem freundlich begegnest oder hilfst, geht es dir selber besser."
Wir müssten einen freundlichen Umgang neu erlernen, frei von Hintergedanken oder eigenen Vorteilen. Das führe zwar nicht immer zur erwünschten Reaktion, gelegentlich aber schon: "Ich merke, wenn man die Leute ein bisschen enteist, dass sie danach aufmachen. Manchmal lächeln sie sogar."
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