Bin ich zu glücklich für einen Mann?

Alexandra Lüönd über unerwünschte Kompromisse
Bin ich zu glücklich für einen Mann?
Früher sicherte der Mann die Existenz einer Frau. Heute sorgen wir für uns selbst. Was heisst das für die Liebe? Und wie viel sind wir bereit, für eine Beziehung aufzugeben?
Publiziert: vor 22 Minuten
Auf einem meiner letzten Dates traf ich einen tollen Mann. Ein Dozent mit Doktortitel, attraktiv, 1,95 Meter gross, blond, blaue Augen. Ein echter Traummann! Aber leider nicht meiner.
Denn als er anfing, von Campingtrips am Bodensee und Joggingrunden um sechs Uhr morgens zu schwärmen, löschte es mir ab. Beim Gedanken, mit meinem Partner in aller Herrgottsfrühe zu joggen, laufe ich ganz schnell davon.
Ich bin seit drei Jahren Single. Nach der Trennung von meinem Ex-Freund ging es mir fast ein Jahr lang schlecht. Aber jetzt fühle ich mich besser denn je! Und je glücklicher ich mit meinem Leben bin, desto schwieriger fällt es mir, mich auf eine neue Beziehung einzulassen.
Haben Frauen genug von Männern?
Immer mehr Frauen blicken pessimistisch auf Beziehungen mit Männern. Heterofatalismus nennt sich die resignierte Erwartung, dass diese Beziehungen sie ohnehin enttäuschen werden.
Bei mir ist es umgekehrt: Die Männer enttäuschen mich nicht. Ich treffe auf viele attraktive, gebildete und fürsorgliche Männer. Einer davon schenkte mir beim ersten Date sogar ein paar Airpods, weil ihm aufgefallen war, dass ich immer mit Kabelkopfhörern telefonierte. Wieder ein Traummann. Aber wieder nicht meiner. Denn er wohnt in Solothurn!
Mein Singleleben hat die Messlatte hochgelegt
Ja, ich weiss. Ich suche wohl ganz bewusst nach Gründen, warum es mit einem Mann nicht klappen könnte. Aber mein Singleleben gefällt mir zu gut, um für einen Mann auf einer harten Luftmatratze in einem Zelt zu frieren oder ständig nach Solothurn zu pendeln.
Ich habe in den letzten zehn Jahren mehrere Unternehmen gegründet und fast pausenlos gearbeitet. Jetzt habe ich endlich Zeit, mein Leben so zu leben, wie ich es will.
Ich bin wie ein Teenager mit Geld
Früher war die Ehe für viele Frauen eine wirtschaftliche Notwendigkeit. Heute können wir selbst für uns sorgen. Ein Mann muss nicht mehr unsere Existenz sichern, er muss unser Leben bereichern. Er konkurriert deshalb nicht nur mit anderen Männern, sondern mit einem glücklichen Singleleben.
Ich kann machen, was ich will, wann ich will, und ich koste diese Freiheit gerade total aus. Diese Kolumne schreibe ich aus Indien. Die Reise habe ich vergangene Woche gebucht, fünf Tage später sass ich im Flieger. Mein Partner muss mit diesem Lifestyle mithalten können, finde ich. Aber muss er das wirklich?
Mein Bruder hält mir den Spiegel vor
Mein Bruder Patrick hat mich kürzlich auf eine unbequeme Wahrheit aufmerksam gemacht: Wir leben zunehmend in unseren eigenen Bubbles. Wir haben ein so perfekt kuratiertes Bild von unserem Leben, dass wir kaum noch Platz für Menschen lassen, die nicht hineinpassen oder andere Vorstellungen als wir haben.
Ich erwarte von einem Mann, dass er sich auf mein Leben einlässt. Aber wehe, ich muss mich auf seines einlassen.
Wer weiss, wie viele tolle Männer ich schon aussortiert habe, nur weil sie lieber Ferien in der SAC-Hütte als im Fünfsternhotel machen? Dabei muss ich gar nicht alle Interessen mit meinem Partner teilen. Während er am Bodensee campiert, kann ich ja mit meinen Freundinnen nach Paris fliegen.
Wir Frauen haben so lange dafür gekämpft, unabhängig zu sein, dass wir heute keinen Mann mehr brauchen. Aber haben wir dabei vielleicht auch verlernt, jemanden wirklich in unser Leben zu lassen?
Für den Richtigen würde ich vielleicht sogar eine Nacht im Zelt verbringen. Aber wehe, er stellt den Wecker auf sechs Uhr.
KioskNews shows a cleaned-up reading view extracted from the publisher’s page — the original always lives on their site, not ours.