EU-Gasspeicher tief: Explodieren diesen Winter unsere Heizkosten?

- Die europäischen Gasspeicher sind deutlich weniger gut gefüllt als in den Vorjahren – in Deutschland liegt der Füllstand bei rund 57 Prozent.
- Die Schweiz hat keine eigenen Gasspeicher und ist vollständig auf Gasimporte aus dem Ausland angewiesen.
- Bei einer Mangellage könnte der Bund Massnahmen anordnen – Haushalte sind durch ein Solidaritätsabkommen mit Italien und Deutschland geschützt.
Die europäischen Gasspeicher sind derzeit deutlich weniger gut gefüllt als in den beiden vergangenen Jahren, besonders in Deutschland. Während der EU-Durchschnitt bei rund 71 Prozent liegt, beträgt der Füllstand in Deutschland rund 57. «Die Lage ist deshalb anspruchsvoller als in den Vorjahren, allerdings bedeutet dies nicht, dass wir aktuell von einer Gasmangellage ausgehen müssen», so Jonas Kick, Sprecher von Gazenergie gegenüber 20 Minuten.
Bereits Ende des Winters 2025/26 hätten die Speicher sehr niedrige Füllstände aufgewiesen. Gleichzeitig hätten hohe Beschaffungskosten im Zuge geopolitischer Unsicherheiten die Auffüllung erschwert. «Sind die Preise zu hoch, fehlen in unregulierten Märkten die Anreize, die Speicher zu füllen.»
Geopolitik bleibt entscheidend
Die Marktteilnehmer dürften die verbleibende Zeit bis zum Wintereinbruch nutzen, um zusätzliche Gasmengen zu beschaffen und einzuspeichern. In manchen Ländern greife inzwischen der Staat ein. «Wir gehen jedoch nicht davon aus, dass sich die europäischen Gasspeicher in den verbleibenden Wochen noch deutlich weiter füllen werden», sagt Marco Saalfrank, Head of Merchant Trading bei der Axpo. Er schätzt, dass die EU-Füllstände bei Wintereinbruch voraussichtlich bei etwa 74 Prozent liegen werden.
Entscheidend seien dabei unter anderem die Lage in den Golfstaaten und das Wetter. «Eine Wiederaufnahme der Schifffahrt durch die Strasse von Hormus könnte den Markt deutlich beruhigen.» Umgekehrt könnte ein anhaltender Ausfall katarischer Exporte zusammen mit einem sehr kalten Winter mit wenig Wind zu einer erheblichen Anspannung des europäischen Gasmarktes führen.
Einschränkungen und Kosten
«Bei einem durchschnittlich kalten Winter sollte Europa mit den Speicherständen grundsätzlich gut durch die Heizperiode kommen.» Sollte der Winter hingegen überdurchschnittlich kalt ausfallen, könne sich die Lage deutlich anspannen. «Dies würde sich voraussichtlich in stark steigenden Gaspreisen widerspiegeln», sagt Saalfrank.
Sollte eine Mangellage drohen, könne der Bund hoheitliche Massnahmen anordnen, so Kick. Diese reichten von Sparappellen an die Bevölkerung, Anordnung der Umschaltung von Zweistoffanlagen auf Heizöl über Verbrauchsbeschränkungen bis hin zu Kontingentierungen. Betroffen wären in erster Linie sogenannte ungeschützte Kunden – Industrie, Gewerbe, Grossverbraucher oder Bürogebäude.
«Für die geschützten Kunden wie Haushalte, Spitäler und Altersheime käme das Solidaritätsabkommen mit Italien und Deutschland zum Tragen.» Frieren dürften Schweizerinnen und Schweizer in ihren Wohnungen also kaum. «Es bleibt allerdings festzuhalten, dass die Schweiz von den Gaslieferungen der EU abhängig ist», so Kick.
Kann sich die Schweiz besser vorbereiten?
Die Schweiz könne ihre Versorgungssicherheit trotz der hohen Importabhängigkeit verbessern, indem sie staatliche und kommerzielle Instrumente schaffe, um in Krisensituationen zusätzliche Gasreserven und Beschaffungsoptionen bereitzuhalten, so Saalfrank. Dazu könnten auch eigene Speicher gehören, wie sie etwa der Lausanner Versorger Gaznat plant. Kick wirft dazu allerdings ein, dass sich bei solchen Projekten Fragen zur Finanzierung und der Regulierung stellen. Und: «Auch ein Schweizer Speicher würde die Importabhängigkeit nicht grundsätzlich beseitigen.»
Ein weiterer Schritt wäre gemäss Saalfrank, dass die Schweiz ihre Abhängigkeit von einzelnen Energieträgern verringerte. «Ein Ausbau verschiedener Energie- und Heizquellen kann dazu beitragen, die Abhängigkeit von importiertem Gas und anderen fossilen Energieträgern zu reduzieren.» Letztlich gehe es für ihn nicht darum, vollständige Unabhängigkeit vom Ausland zu erreichen. «Für ein kleines, stark vernetztes Land ist es vielmehr entscheidend, die Bezugsquellen zu diversifizieren, ausreichende Reserven für Krisensituationen zu schaffen und die Flexibilität des Energiesystems zu erhöhen.»
Wie sollte die Schweiz aus deiner Sicht mit ihrer Gasabhängigkeit umgehen?
Jan Janssen (jjn) arbeitet seit 2023 für 20 Minuten. Zuerst im Ressort Zürich und seit 2025 im Ressort News.
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