Nach Schicksalsschlag – 86-Jährige rettet Dorfbeiz in Wisen SO

Im Restaurant «Sonne» in Wisen herrscht an diesem frühen Abend reger Betrieb. Mittendrin: Cecile Bitterlin. Sie serviert, kümmert sich um das Buffet und steht selbst am Kochherd. «Ich staune, wie gut es geht», sagt die 86-jährige, dreifache Urgrossmutter schmunzelnd mit Blick auf ihre eigene Energie. Fast ihr ganzes Leben hat sie in der Gastronomie gearbeitet, rund 30 Jahre davon als selbstständige Wirtin.
Dass Cecile Bitterlin im hohen Alter wieder die Schürze trägt, ist allerdings die Folge eines Schicksalsschlags. In den letzten zehn Jahren half sie zwar täglich ihrem Sohn Daniel, der die «Sonne» gepachtet hatte. Doch Anfang Juni kam der Schock: Daniel erlitt in der Zimmerstunde einen tödlichen Herzinfarkt. Für die 86-Jährige brach eine Welt zusammen.
Ich muss einfach unter die Leute. Ich kann nicht allein daheim sein.
Die Einsamkeit und die Trauer zu Hause habe sie kaum ertragen. «Es war schlimm», erzählt Bitterlin. Für sie sei schnell klar gewesen: «Ich muss einfach unter die Leute. Ich kann nicht allein daheim sein.» Nur wenige Wochen nach dem Verlust ihres Sohnes fasste sie den Entschluss, die «Sonne» wieder zu eröffnen.
Rita Nussbaumer, die Besitzerin der Liegenschaft, erinnert sich an den Moment zurück: «Cecile kam zu mir und sagte: ‹Ich will unbedingt wieder aufmachen.› Ich habe sie einfach nur umarmt.» Seit Anfang August hat die «Sonne» wieder geöffnet.
Hier habe ich ein kleines Paradies gefunden. Feines Essen, gute Gesellschaft – das ist für uns alle wichtig.
Für das nahe der Hauenstein-Passhöhe gelegene Dorf Wisen ist die Wiedereröffnung ein Glücksfall. «So etwas wie diesen Stammtisch gibt es heute fast nirgends mehr», sagt ein Stammgast. Viele traditionelle Gasthöfe stünden leer, Stammtische seien vielerorts verschwunden.
Umso mehr schätzt ein weiterer Gast die «Sonne»: «Hier habe ich ein kleines Paradies gefunden. Feines Essen, gute Gesellschaft – das ist für uns alle wichtig.» Bei den Gästen geniesst die rüstige Wirtin grosse Anerkennung. «Dass sie das mit 86 Jahren noch macht, ist wirklich beeindruckend», meint ein Besucher.
Die Arbeit in der Dorfbeiz ist intensiv. An diesem Abend ist eine Geburtstagsgesellschaft zu Gast; es gibt Schnitzel mit Pommes. Da der pensionierte Aushilfskoch gerade in den Ferien weilt, kocht Cecile Bitterlin kurzerhand selbst. Sie backt auch alles eigenhändig: Brot, Zöpfe und ihre weitherum bekannten Cremeschnitten.
Genau so will ich auch alt werden.
Unterstützt wird sie im Service von Corina Schläpfer. Die junge Frau zeigt sich tief beeindruckt von ihrer Chefin, die morgens als Erste da sei und abends als Letzte gehe: «Ich habe schon gesagt: Genau so will ich auch alt werden.»
Eine Lösung auf Zeit
Obwohl ihr die Arbeit sichtlich guttut und der Stammtisch Abend für Abend gut besucht ist, versteht Cecile Bitterlin ihr Engagement als Übergangslösung. Sie will das Restaurant nur so lange führen, bis Besitzerin Rita Nussbaumer eine definitive Nachfolge gefunden hat.
Die Suche läuft, gestaltet sich wie üblich für Landgasthöfe jedoch schwierig. Vorderhand ist das noch kein Problem: Die 86-Jährige hat es nicht eilig, gleich wieder aufzuhören. Auf die Frage, was sie tun werde, wenn eine Nachfolgerin oder ein Nachfolger bereitsteht, antwortet sie gelassen und mit einem Lächeln: «Dann gehe ich reisen. Das mache ich auch gerne.»
Regionaljournal Basel, 17.09.2026, 17:30 Uhr ; girh;stat;noes
KioskNews shows a cleaned-up reading view extracted from the publisher’s page — the original always lives on their site, not ours.