Präsidentenwahl in Frankreich – Strassenproteste spielen Le Pen in die Hände

Die teils sehr gewalttätigen Ausschreitungen in Frankreich scheinen vor allem dem rechten Rassemblement National und Marine Le Pen in die Karten zu spielen. Die Präsidentschaftskandidatin der äussersten Rechten legt laut der neuesten Umfrage des Marktforschungsinstituts Ifop zu. Die Zusammenhänge erläutert Frankreich-Korrespondentin Zoe Geissler.
Zoe Geissler
Frankreich-Korrespondentin
Zoe Geissler berichtet für Radio SRF aus Paris über das Geschehen in Frankreich. Zuvor war sie Auslandredaktorin und Produzentin bei Radio SRF 4 News. Zoe Geissler hat Internationale Beziehungen, Politikwissenschaften und Gender Studies an den Universitäten Zürich und St. Gallen (HSG) studiert.
Wieso konnte Le Pen in der Umfrage zulegen?
Vieles scheint sich derzeit auf das Lager von Marine Le Pen einzuzahlen. Le Pen lag in Umfragen ohnehin schon vorn – und die gewaltsamen Ausschreitungen und Plünderungen der letzten Tage dürften ihr zusätzlich geholfen haben. Viele Französinnen und Franzosen scheinen genug zu haben von den chaotischen Szenen der vergangenen Tage – und Sicherheit und öffentliche Ordnung gehören zu Le Pens Kernthemen. Ausserdem versucht Le Pen derzeit, eine Art ruhige Stärke und Autorität zu verkörpern.
Gleichzeitig macht sie die Regierung für die Unruhen mitverantwortlich. In der Tat wirkt die Regierung derzeit schwach und teilweise auch hilflos: Sie hat die Proteste des vergangenen Samstags deutlich unterschätzt und bislang keine überzeugende Antwort auf die Forderungen der Demonstrierenden gefunden – auch wegen des engen finanziellen Spielraums. All das lässt die Regierung derzeit äusserst schwach aussehen. Hinzu kommt in Frankreich eine Enttäuschung über die etablierten Parteien und ein Misstrauen gegenüber der Regierung, dem Parlament und dem Präsidenten. Auch davon können das Rassemblement National und Marine Le Pen derzeit profitieren.
Laut der neusten Umfrage des Meinungsforschungsinstituts Ifop kommt Marine Le Pen derzeit auf eine Zustimmung für den ersten Wahlgang der Präsidentschaftswahl von 34 bis 38 Prozent. Sie gewann damit gegenüber früheren Umfragen ein bis zwei Prozentpunkte hinzu.
Auf Platz zwei folgt der Anführer der Linkspartei La France Insoumise (LFI), Jean-Luc Mélenchon, mit 15 bis 20 Prozent. Dicht dahinter rangieren ähnlich stark der Bewerber der Sozialisten, Raphaël Glucksmann, sowie der Mitte-Politiker Édouard Philippe. Amtsinhaber Emmanuel Macron kann nicht mehr antreten. Noch aber haben sich nicht alle politischen Lager sortiert und ihre Kandidaten aufgestellt.
Für den zweiten Wahlgang sieht die Umfrage Le Pen unabhängig vom Herausforderer in sämtlichen Szenarien vorn. Die Umfrage wurde vom Institut Ifop im Auftrag der Sender LCI und Sud Radio sowie der Zeitung «Le Figaro» durchgeführt. Der erste Wahlgang der französischen Präsidentenwahl findet am 18. April 2027 statt. (sda)
Was ist mit den internen Querelen des Rassemblements?
Derzeit scheint es, als könnte Marine Le Pen sich einfach zurücklehnen. Weder die Antisemitismus-Vorwürfe gegen Jordan Bardella, noch dass Le Pen im Sommer in zweiter Instanz wegen Veruntreuung von öffentlichen Geldern verurteilt wurde, scheinen derzeit viele zu interessieren. Auf jeden Fall, hatte das bisher keine Auswirkung auf Le Pens Umfragewerte. Die aktuellen Ereignisse auf den Strassen von Frankreichs Städten überschatten zurzeit vieles. Doch die internen Probleme von Le Pens Partei dürften in den kommenden Monaten des Wahlkampfs durchaus noch eine Rolle spielen.
Warum konnte Linksaussen-Kandidat Mélenchon ganz leicht zulegen?
Mélenchon hat die politische Bedeutung der Protestbewegung früh erkannt und versucht, sich als Stimme dieser Unzufriedenheit zu präsentieren. Abgeordnete seiner Partei La France insoumise (LFI) waren immer wieder bei den Blockaden dabei, viele Forderungen der Demonstrierenden decken sich auch mit dem Programm von LFI. Das macht Mélenchon derzeit für einen Teil der Wählerinnen und Wähler – vor allem junge – attraktiv. Aber der Linksaussen-Kandidat Mélenchon hat ein Problem: In den Umfragen für einen potenziellen zweiten Wahlgang, in dem er Marine Le Pen gegenüberstehen würde, schneidet er schlecht ab. Mélenchon ist bei der breiten Masse sehr unbeliebt, und er hat Mühe, über sein Kernlager hinaus zu mobilisieren.
Was bedeutet diese Umfrage für die Präsidentschaftswahlen?
Es ist eine Momentaufnahme. Die französischen Wahlkämpfe haben schon einige Überraschungen erlebt. Und derzeit ist die Lage sehr dynamisch. In den nächsten Monaten kann also noch viel passieren. Auch wenn es derzeit so aussieht, als würden vor allem die Kandidierenden an den politischen Rändern von den aktuellen Debatten profitieren. Doch es gibt viele Franzosen und Französinnen, die noch überhaupt nicht wissen, wen sie schlussendlich wählen wollen.
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