Bessere Unwetterprognosen – Neuer Wettersatellit soll mehr Leben retten und Schäden mindern

Sie kennen das vielleicht: morgens zeigt die Wetter-App noch Sonnenschein, nichts spricht gegen einen kleinen Velo-Ausflug auf den Hügel gleich hinterm Dorf. Gemütlich die erste Steigung geschafft, ploppt die Hagelwarnung auf dem Handy auf. Minuten später – patschnass – finden sie Schutz vor den riesigen Hagelkörnern in einer Hütte. «Danke für die Warnung», denken Sie, «ich hab’s gemerkt. Meine Blumentöpfe daheim sind wohl vom Hagel zerstört.»
In Zukunft könnten Sie mehr Zeit haben, sich und ihre Blumentöpfe vor Unwetter zu schützen. Denn seit Mitte Oktober hat der neue Wettersatellit Meteosat-13 seine Arbeit aufgenommen. Bei Eumetsat, der Europäischen Organisation für die Nutzung meteorologischer Satelliten im deutschen Darmstadt, wird das gefeiert. Meteosat-13 liefert vollkommen neue Daten von der Atmosphäre.
Und dank ihnen sollen zukünftig Unwetterwarnungen früher und präziser möglich sein. Das könnte Leben retten und Milliardenschäden verhindern.
Die Krux mit der Vorhersage
Unwetter, Gewitter, Hagel und Sturm entwickeln sich rasant und sind nur schwer vorherzusagen. Roman Brogli von der SRF Wetterredaktion erklärt: «Für Gewitter zum Beispiel braucht es im Prinzip drei Zutaten. Zum einen Feuchtigkeit. Zum anderen einen Auslöser – das kann zum Beispiel eine Kaltfront sein. Oder warme Luft, die vom Boden aufsteigt. Am wichtigsten ist der Zustand der Atmosphäre.» Konkret müssen Meteorologen wissen, wie instabil die Atmosphäre ist, ob sie genug Energie für ein Gewitter hat. Das hängt auch davon ab, wie sie geschichtet ist. Vereinfacht gesagt: Ist kalte Luft über warmer Luft, dann ist die Atmosphäre instabil.
«Das Grundproblem ist, dass man vom aktuellen Zustand in die Zukunft rechnen oder denken muss», erklärt Brogli. Bisher liefern zum Beispiel Wetterballone aktuelle Messdaten – in der Schweiz zweimal täglich von Payerne (VD). «Je mehr Daten man hat, desto weniger Fehler machen die Modelle. Den Zustand der Atmosphäre kann man aber nie genau kennen.»
Die Lösung aus dem All
Meteosat-13 schwebt 36'000 Kilometer über dem Äquator, genau über dem Nullmeridian, und dreht sich mit der Erde mit. Er ist geostationär – von der Erde aus gesehen bewegt er sich nicht und hat Europa ständig im Blick. Alle 30 Minuten liefert er Daten.
Völlig neue Bilder der Atmosphäre
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Bild 1 von 4. Satellitenbild von Meteosat-12. Das Bild zeigt auch die daten vom «Lightning Imager» , dem Blitz-Detektor. Aufgenommen am 22. April 2025. Bildquelle: Eumetsat.
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Bild 2 von 4. Kombinierte Daten der Imager- und Sounder-Instrumente von Meteosat-12 und -13 machen Blitze und die Wolken über Europa dreidimensional sichtbar. Bildquelle: Eumetsat.
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Bild 3 von 4. Aus Daten von Meteosat-13 lässt sich die Temperatur der Atmosphäre über Europa berechnen ... Bildquelle: Eumetsat.
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Bild 4 von 4. ...sowie die Luftfeuchtigkeit. Bildquelle: Eumetsat.
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An Bord ist ein sogenannter Infrarot-Sounder. Er durchleuchtet die Atmosphäre, von rund 20 Kilometern Höhe bis zum Boden. Die zahlreichen Daten schickt der Satellit an zwei Bodenstationen. Eine davon ist in Leuk im Wallis. Leuk schickt die Daten nach Darmstadt und dort werden daraus Temperatur und Feuchtigkeit der Atmosphäre berechnet. Daraus erkennt man, wo sich Instabilitäten – und damit mögliche Unwetter – bilden. Und das alles noch bevor die erste Wolke am Himmel zu sehen ist.
Meteosat-13 gehört zur dritten Generation von Eumetsat-Wettersatelliten. Er liefert noch nie da gewesene Daten für die Prognosen, macht dies aber nicht alleine. Bereits seit zwei Jahren ist Meteosat-12 an der Arbeit. An Bord ein «Imager» der alle zehn Minuten Fotos von der Atmosphäre macht, und ein Blitz-Detektor. Ein weiterer Satellit wurde im August 2026 auf die Reise geschickt. Er wird Europa alle 2,5 Minuten fotografieren.
Eumetsat Mitgliedsländer wie die Schweiz erhalten die Daten gratis. Nun sind die nationalen Wetteragenturen daran, die Daten in ihre Modelle zu implementieren. Oder KIs für Prognosen zu trainieren – so wie Meteo Schweiz.
Die Entwicklung von Meteosat-13 dauerte 15 Jahre und kostete rund 3 Milliarden Euro. Laut Phil Evans, Direktor von Eumetsat, übertrifft der wirtschaftliche Nutzen die Kosten deutlich: Europas Wetterdienste erwirtschaften jährlich 60 Milliarden Euro. Seinen Untersuchungen zufolge erzielten Satellitenmissionen einen Return-on-Investment von 20:1 bis 50:1 – jeder investierte Euro bringe Europa 20 bis 50 Euro Nutzen.
Allein der Hagelsturm vom August 2026 verursachte in der Schweiz geschätzte 1,5 Milliarden Franken Schäden. Durchschnittlich richtet Hagel in der Schweiz Schäden von 110 Millionen Franken pro Jahr an.
Frühere Warnungen sollten besseren Schutz von Hab und Gut ermöglichen. Noch wichtiger: In den letzten zehn Jahren starben in der Schweiz 16 Menschen durch Blitz, Sturm oder Hochwasser, europaweit mehrere Hundert. Bessere Vorhersagen sollten also auch Leben retten.
Bis die aber auf unseren Wetter-Apps landen, dauert es noch rund eineinhalb Jahre. Und auch dann werden keine punktgenauen Vorhersagen möglich sein. Aber: präzisere und frühere Warnungen. So könnte es dann doch noch reichen: runter vom Hügel, ab nach Hause, sich selbst und alle Blumentöpfe in Sicherheit bringen.
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