Neue Kreml-Jetdrohnen treffen Kiew hart – hilft jetzt «Hornisse»?

- Über 2800 russische Geschosse trafen die Ukraine allein im August – darunter neuartige Geran-Jet-Drohnen.
- Die Geran-5 erreicht 600 km/h und eine Reichweite von 1000 km und stellt bisherige Abwehrsysteme vor grosse Herausforderungen.
- Mit der «Hornisse» und der düsenbetriebenen Abfangdrohne Alexa Spatium arbeitet Kiew an eigenen Lösungen gegen die neue Drohnengeneration.
Der Krieg in Osteuropa tobt weiter: Während beide Länder die gegnerische Energieinfrastruktur ins Visier nehmen – die Ukraine meist mit Luftschlägen gegen Raffinerien, Russland zuletzt mit Drohnenangriffen auf diverse zivile Tankstellen – kämpfen auch an der grösstenteils festgefahrenen Front weiterhin Hunderttausende ukrainische und russische Soldaten gegeneinander.
Neue Jet-Drohne: Angriffe auf Selenski und Kiew
Doch auch weit entfernt von den Kampfgebieten lebt es sich gefährlich: Am 3. September drang eine russische Kampfdrohne in den moldawischen Luftraum ein, als sich die ukrainische Präsidentenmaschine mit Selenski an Bord in der Hauptstadt Chișinău gerade zum Abflug bereit machte. Nur einen Tag später schlug in Kiew eine Drohne ins Hauptquartier des ukrainischen Geheimdienstes ein.
Bei beiden Angriffen kamen nach ersten Erkenntnissen russische Geran-4-Drohnen zum Einsatz. Die Flugobjekte kommen in den letzten Wochen immer häufiger zum Einsatz und stellen die ukrainische Luftabwehr vor enorme Herausforderungen – vor allem das neueste Modell, eine Art Kreuzung zwischen Marschflugkörper und klassischer Flügeldrohne. Genauere Infos zur neuesten russischen Drohne und deren Vorgänger findest du in der Übersicht.
Die Geran-Drohnen im Vergleich
Geran-2: Die bewährte Kopie aus Teheran
- Antrieb: propellerbetrieben
- Reichweite: 2500 km
- Geschwindigkeit: 185 km/h
- Sprengkopf: 50 bis 300 kg
- Kosten: 30’000 bis 80’000 US-Dollar pro Stück

Geran-3 und Geran-4: Der Mittelschritt
- Antrieb: düsenbetrieben
- Reichweite: 600 km (Geran-3) bzw. 850 km (Geran-4)
- Geschwindigkeit: 330 km/h (Geran-3) bzw. 500 km/h (Geran-4)
- Sprengkopf: 50 bis 300 kg
- Kosten: 80’000 bis 120’000 US-Dollar pro Stück
Geran-5: Die «Raketendrohne»
- Antrieb: düsenbetrieben
- Reichweite: 1000 km
- Geschwindigkeit: 600 km/h
- Sprengkopf: 90 kg
- Kosten: 90’000 US-Dollar pro Stück

Quellen: US-Militär, Center for Strategic and International Studies, International Institute for Strategic Studies, H. I. Sutton, Financial Times
Dass die neuen Geran-Modelle diverse Innovationen mit sich bringen, zeigt sich auch am Umstand, dass sich der Spiess gedreht hat: Mittlerweile will Teheran von Moskau die neuesten Drohnenmodelle, um sie in seinem Krieg gegen die USA und deren Verbündete im Nahen Osten einzusetzen.
Kreml überzieht Ukraine mit Drohnen
Derweil hat Russland seine Drohnen-Kampagne zuletzt deutlich intensiviert, und das zu einem aus Sicht der Ukraine denkbar schlechten Zeitpunkt: Während Russland alleine im August über 2800 Geschosse auf die Ukraine abgefeuert hat, werden die Abfangraketenbestände Kiews immer kleiner. Ein Flugabwehrsystem aus Frankreich soll schnellstmöglich gegen die Knappheit helfen, doch sind die ukrainischen Soldaten im Gegensatz zu den Patriot-Systemen noch nicht am System ausgebildet. Auch die Integration in die vielschichtige ukrainische Luftabwehr wird Zeit brauchen.
«Würden nur deutlich weniger ausgereifte Versionen bekommen»
Trump hat am 14. September gegenüber Journalisten bestätigt, dass man Gespräche über eine heimische Patriot-Produktion mit der Ukraine führe. «Diese Diskussionen laufen», sagte der US-Präsident an Bord der Air Force One, schob jedoch zugleich ein «Aber» nach: Wenn es tatsächlich eine ukrainische Patriot-Produktion geben sollte, würden dies nur «deutlich weniger ausgereifte Versionen sein, als die Ukrainer wollten.»
Bekanntlich macht Not aber erfinderisch, was auch die Ukraine im Zuge der Kriegsjahre schon erfolgreich unter Beweis gestellt hatte: Da die USA und auch andere westliche Verbündete der Ukraine lange Zeit untersagten, mit von ihnen gelieferten Langstreckenraketen Ziele hinter der russischen Grenze anzugreifen, entwickelte das Unternehmen Fire Point mit den Flamingo-Raketen eigene Alternativen. Spätestens seit Sommer 2026 spielen die ukrainischen Raketen bei den systematischen Angriffen auf die russische Öl- und Gasinfrastruktur eine wichtige Rolle.
Bei der Abwehr der Geran-5-Drohnen musste die Ukraine bislang in den meisten Fällen die so knapp verfügbaren Patriot-Raketen verwenden – das soll sich ändern: Einerseits hat der Nationale Verband der ukrainischen Rüstungsindustrie zuletzt ein modulares Flugabwehrsystem aus eigener Entwicklung vorgestellt, das die Patriot-Systeme merklich entlasten könnte.
Das Shershen-System, ukrainisch für Hornisse, besteht aus einer Feuerleitstation, einem Radargerät und mehreren Startrampen und setzt dabei auf eine offene Architektur. Konkret lassen sich mit den Werfern sowjetische und ukrainische, aber auch westliche Abwehrraketen abfeuern. Auch Radarsysteme von anderen Herstellern können laut den Verantwortlichen ins System integriert werden.
Das macht die «Hornisse» so vielversprechend
Das Hornissen-System soll Ziele im Radius von 85 Kilometern erfassen und auf eine Distanz von bis zu 25 Kilometern und Höhen von bis zu 10 Kilometern bekämpfen können, wobei bis zu sechs Ziele simultan angegriffen werden können. Damit kann das Flugabwehrsystem auch Geran-5-Drohnen bekämpfen, die maximale Flughöhen von etwa sechs Kilometern haben.
Der wichtigste Knackpunkt, der Shershen zur realistischen Patriot-Alternative machen könnte: Im Gegensatz zum US-System, das nur die eigens dafür entwickelte Boden-Luft-Rakete verschiessen kann, lassen sich mit der Hornisse auch verschiedenste Luft-Luft-Raketenmodelle verschiessen. Im Ukraine-Krieg, wo der Luftraum von Drohnen und Raketen beherrscht wird und beide Seiten ihre Kampfjets meist nur mit äusserster Vorsicht einsetzen, sind diese Bestände bislang deutlich weniger stark erschöpft worden als jene der Patriots.
Jet-Drohne soll gegen Jet-Drohne helfen
Zudem setzt Kiew gegen die Geran-5-Drohnen auch darauf, Feuer mit Feuer zu bekämpfen: Mit der Alexa Spatium hat das Land zuletzt seine erste düsenbetriebene Abfangdrohne präsentiert, propellerbetriebene Alternativen gegen langsamere Kreml-Drohnen fertigt das Land schon länger in hoher Stückzahl. Sie ist laut dem Verteidigungsministerium explizit für die Bekämpfung von Geran-5-Drohnen entwickelt worden.
Ob sich die «Spatium» auch im Echteinsatz bewährt, ist noch unklar: Derzeit gibt es noch keine gemeldeten Abschüsse durch die Abfangdrohne. Dass die Zeit drängt, zeigt auch ein am 14. September von Selenski einberufenes Treffen mit den ukrainischen Militärkommandanten. Dabei ging es ebenfalls um die Bedrohung durch die neuen düsenbetriebenen Drohnen Russlands, die auf den Shahed-Drohnen basieren, und um entsprechende Antworten aus der heimischen Rüstungsindustrie.
Benedikt Hollenstein (bho) ist seit 2021 bei 20 Minuten. Er schreibt für den Newsdesk und übernimmt dort auch Tagesleitungsschichten.
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