– Studie zeigt: Die Reichsten zahlen relativ am wenigsten Steuern

Das zeigt die neue Studie der ETH Zürich: Die Vermögensungleichheit in der Schweiz ist weniger gross als bisher angenommen, die Einkommensungleichheit jedoch grösser. Grund für die neuen Resultate ist ein neuer methodischer Ansatz: Anstatt der Steuerdaten verwendet die Forschungsgruppe rund um den Ökonomen Enea Baselgia und Isabel Martinez als Ausgangspunkt das gesamte Einkommen und Vermögen der Schweiz, so wie es die Nationalbank ausweist. Ziel dieser Methode ist primär, die Einkommen des wohlhabendsten Prozents genauer zu schätzen.
Die neue Methode
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Entwickelt haben die Methode Forschende rund um die renommierten Ökonomen Thomas Piketty, Emmanuel Saez und Gabriel Zucman: Klassischerweise werden für Ungleichheitsanalysen die Steuerdaten verwendet. Diese unterschätzen aber sowohl die Einkommen wie auch die Vermögen, weil nicht alle ökonomischen Einkommen und Vermögen besteuert werden. Bei den Einkommen sind das insbesondere Unternehmensgewinne, die nicht ausgeschüttet werden. Bei den Vermögen sind es die Pensionskassenguthaben und die Immobilienwerte, die in den Steuern deutlich unterschätzt werden.
Darum gehen die Autoren und die Autorin von der volkswirtschaftlichen Gesamtrechnung aus. Da ist das ganze Einkommen enthalten, das die Bevölkerung in der Schweiz erwirtschaftet. Zudem werden auch sämtliche Vermögenswerte ausgewiesen. Die Einkommen und Vermögen werden dann auf die Bevölkerung verteilt.
Auch die Berechnung der Besteuerung ist nicht wie in älteren Studien: Nicht nur Einkommens- und Vermögenssteuer werden verrechnet, sondern sämtliche obligatorischen Abgaben, also auch die Mehrwertsteuer in Abhängigkeit des Konsums, die Krankenkassenprämien abzüglich der Prämienverbilligung und die Unternehmensgewinnsteuern, dort wo einbehaltene Gewinne auf Individuen verteilt werden.
Die methodischen Details finden sich in der Studie.
Die Studie wurde noch keiner Peer Review unterzogen. Sie wird aber bald bei einer wissenschaftlichen Fachzeitschrift eingereicht und von unabhängigen Forschenden begutachtet. Für diesen Artikel hat die Redaktion die Studie zwei nicht an der Studie beteiligten Forschenden zur Prüfung vorgelegt.
Darum sinkt die Vermögensungleichheit: Frühere Studien hatten auf eine sehr hohe Vermögensungleichheit in der Schweiz hingewiesen. Die neue Studie rechnet zusätzlich die Pensionskassenvermögen als Vermögen an. Zudem werden die Immobilienvermögen zu Marktwerten berechnet, die jeweils deutlich höher sind als die Steuerwerte. Beides vergrössert die Vermögen, insbesondere jene der Mittelschicht, und verringert somit die Vermögensungleichheit im Vergleich zu früheren Studien.
Darum steigt die Einkommensungleichheit: Die Einkommensungleichheit in der Schweiz galt gemeinhin als moderat. Nur weil in früheren Studien nicht das gesamte ökonomische Einkommen berücksichtigt worden sei, sagt Baselgia. Insbesondere Gewinne, die Unternehmen zurückbehalten, anstatt sie an die Besitzerinnen auszuschütten, müssten mitberücksichtigt werden: «Weil sie nicht ausbezahlt werden, erscheinen sie aber nicht in den Steuerdaten und so sehen gewisse Leute ärmer aus, als sie es effektiv sind.» In der Studie verteilen die Ökonomen diese Gewinne an die Besitzer: So steigt das Einkommen des reichsten Prozents um rund die Hälfte. Das reichste Prozent verdient rund 17 Prozent aller Einkommen.
Die Folgen für die Steuerprogression: Diese Einkommen sind für die Analyse des Steuersystems entscheidend. Denn auf diese einbehaltenen Gewinne bezahlen die Besitzerinnen und Besitzer der Unternehmen, beziehungsweise deren Unternehmen, Gewinn- und keine Einkommenssteuern. Und die Gewinnsteuern sind tiefer als jene auf Einkommen. Deshalb sinke die Steuerlast an der Spitze, erklärt Baselgia: «Dieses Muster sehen wir auch in allen anderen Ländern, für die es bisher solche Studien gibt.»
Darum ist es wichtig: Eigentlich sollten jene, die mehr verdienen, anteilsmässig mehr Steuern bezahlen, als jene mit kleinen Einkommen. Deswegen fordern Forschende rund um Gabriel Zucman auch eine globale Vermögenssteuer. In der Schweiz gibt es eine Vermögenssteuer, die vor allem von den Reichsten im Land bezahlt wird. Die Studie zeigt nun aber: Wenn alle Einkommen, Vermögen, Steuern und Abgaben berücksichtigt werden, bezahlen jene mit den höchsten Einkommen den kleinsten Anteil Steuern – trotz kantonaler Vermögenssteuern.
Das sagt der unabhängige Forscher: Ben Jann lobt die Studie als sehr umfassend. Er ist Professor für Sozialstrukturanalyse an der Uni Bern und war nicht an der Studie beteiligt. Jann weist aber darauf hin, dass nur die Einkommens- und Vermögenssteuer progressiv definiert sind. In dieser Studie werden aber auch die Krankenkassenprämien und die Mehrwertsteuer berücksichtigt: «Da bezahlen alle gleich viel. Hier ist schlicht keine Progression vorgesehen.» Trotzdem findet er den Ansatz in sich logisch. Klar sei aber auch, dass die Wahl der berücksichtigten Einkommen, Vermögen und Steuern die Resultate beeinflusse.
Transparenzhinweis
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In einer ersten Version dieses Artikel lautete der Titel: «Neue Studie zeigt: Die Reichsten bezahlen am wenigsten Steuern». Wir haben diesen leicht präzisiert.
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