Politisches Videospiel – In diesem Spiel raubt man die Museen Europas aus

Eine junge Frau zieht sich an einer Mauer hoch, springt durch ein Fenster, greift nach der Figur in der Vitrine. Dann heult der Alarm – jetzt muss es schnell gehen.
Die Szene stammt aus «Relooted», einem südafrikanischen Videospiel, erschienen im Februar dieses Jahres. Es spielt an der Schwelle zum 22. Jahrhundert, in einer erfundenen Welt. Keine Fiktion ist aber das Objekt in der Vitrine: Die silberne Büffelfigur wurde vor rund 130 Jahren von französischen Kolonialtruppen im westafrikanischen Königreich Dahomey geraubt. Heute steht sie in einem amerikanischen Museum.
Das ist, so die Prämisse des Spiels, ein Unrecht – und es soll wiedergutgemacht werden. Die Diplomatie habe jahrzehntelang versagt, heisst es zu Beginn. Viele Masken, Bronzen und Kunstwerke seien nie nach Afrika zurückgekehrt. Also sei es Zeit für andere Mittel.
Eine Idee und acht Jahre Arbeit
Hinter dem Spiel steht das Studio Nyamakop aus Johannesburg, beteiligt waren Entwickler aus über einem Dutzend afrikanischer Länder. Die Idee dazu kam dem Firmenchef Ben Myres bei einem Abendessen mit seiner Mutter, die kurz zuvor das British Museum in London besucht hatte.
«Ich sah die Wut in ihren Augen», erzählt Myres beim Treffen in Johannesburg. Zuerst habe er gedacht, er habe einen Geburtstag vergessen. Doch sie war wütend über ein antikes Grabmal aus der Türkei, das im Museum steht – Stein für Stein abgetragen, nach London gebracht und dort wieder aufgebaut. Die Anmassung, ein ganzes Gebäude zu stehlen, habe sie fassungslos gemacht. Nebenbei sagte sie, er solle doch ein Spiel darüber machen, wie man so etwas zurückholt.
Die Idee liess sich auch auf Afrika ummünzen – und sie liess Myres nicht mehr los. Schliesslich wurde daraus eines der ambitioniertesten Videospiel-Projekte des Kontinents. Und acht Jahre Arbeit.
«Eine Parodie darauf, wie der Westen Afrika darstellt»
Wer «Relooted» spielt, ist zunächst damit beschäftigt, die Hauptfigur – eine junge Sportwissenschaftlerin – über Hindernisse und Abgründe zu leiten, Rätsel zu lösen und vor Wachrobotern zu fliehen. Ein klassisches Actiongame könnte man meinen.
Doch fast alles daran ist politisch. Der Einbruch an sich. Und etwa die Art, wie der Westen dargestellt wird. Europa trägt im Spiel keinen richtigen Namen, es heisst schlicht «die alte Welt». Es gibt keine Länder, keine Städte, keine echten Museen.
«Das ist eine Parodie darauf, wie der Westen Afrika typischerweise darstellt – nämlich als homogen», sagt Myres. «Afrika ist ein Land, überall ist es gleich. Lehmhütten, hungernde Kinder, Armut.»
Ein Aufruf zur Eskalation ist das Spiel dennoch nicht. Geschossen wird nicht, und die Crew um die Hauptfigur besteht nicht aus Einbruchprofis, sondern aus einer Grossmutter, einem Professor und einem etwas tollpatschigen Roboter.
Auch eine Geschichtslektion
Für Myres geht es vor allem darum, ein anderes Afrika zu zeigen – eines mit einer Geschichte, die weit zurückreicht. «Selbst den meisten von uns, die am Spiel gearbeitet haben, war nicht bewusst, welches Kulturerbe auf diesem Kontinent existiert», sagt er. «Weil das meiste davon gar nicht hier ist.»
70 Artefakte kann man im Spiel zurückholen, und alle existieren wirklich. Zu jedem gibt es eine Erklärung: woher es stammt, wem es gehörte, wozu es diente.
Auch die silberne Büffelfigur steht am Ende des Spiels wieder auf afrikanischem Boden. In der Realität steht sie weiterhin in New York.
KioskNews shows a cleaned-up reading view extracted from the publisher’s page — the original always lives on their site, not ours.