Israel – Netanjahu will Naza-Film-Quellen aufdecken – das steckt dahinter

Israels Ministerpräsident Benjamin Netanjahu fordert eine Aufdeckung der anonym sprechenden Militärangehörigen im September veröffentlichten Film «Naza», der an den Filmfestspielen von Venedig den Sonderpreis gewann. Diese Quellen sagen im Film, dass das israelische Militär bei Angriffen auf den Gazastreifen bewusst hohe zivile Opferzahlen in Kauf nähme. SRF-Auslandredaktorin Susanne Brunner mit den Antworten auf die wichtigsten Fragen.
Susanne Brunner
Ausland, SRF Information
Susanne Brunner war für SRF zwischen 2018 und 2022 als Korrespondentin im Nahen Osten tätig. Sie ist auch heute noch regelmässig in der Region unterwegs.
Brunner wuchs in Kanada, Schottland, Deutschland und in der Schweiz auf. In Ottawa studierte sie Journalismus. Bei Radio SRF war sie zuerst Redaktorin und Moderatorin bei SRF 3. Dann ging sie als Korrespondentin nach San Francisco und war nach ihrer Rückkehr Korrespondentin in der Westschweiz. Sie moderierte auch das «Tagesgespräch» von Radio SRF 1. Sie ist im Team der multimedialen Auslandredaktion.
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Warum reagiert Israels Ministerpräsident Netanjahu jetzt so direkt auf den Dokumentarfilm?
In diesem Film erzählen Geheimdienstangehörige, dass die israelische Armee eine hohe Anzahl von zivilen Opfern in Kauf nimmt, um Hamas-Mitglieder zu töten. Das widerspricht dem Bild, das Premier Netanjahu gerne verbreitet: Israels habe die «moralischste Armee der Welt». Nicht nur Netanjahu, sondern ein grosser Teil der israelischen Bevölkerung betrachtet den Film als Rufmord. Man will wissen, wer solche Aussagen anonym gemacht hat, und diese dafür zur Rechenschaft ziehen. Netanjahu wirft den Protagonisten des Films auch Verrat von Militärgeheimnissen vor. Der Schwachpunkt des Films ist, dass die israelische Armee nicht mit den Aussagen der Geheimdienstmitarbeitenden konfrontiert wurde.
Ist das Thema der zivilen Opfer für die israelische Bevölkerung neu?
Im Kontext des Gazastreifens wurden viele Aussagen gemacht in Israel: Politiker sagten, es gebe im Gazastreifen gar keine Zivilisten – alle Hamas. Diese Meinung vertraten auch Israeli – vor allem unmittelbar nach dem Hamas-Angriff auf Israel vor drei Jahren. Dass viele zivile Opfer in Kauf genommen werden, ist als Aussage ebenfalls nicht neu: Gerechtfertigt wurden Angriffe auf Spitäler oder die Bombardierung ganzer Wohnblöcke immer damit, dass sich die Hamas in zivilen Strukturen verstecke. Und heute sieht die ganze Welt: Praktisch der gesamte Gazastreifen ist zerstört. Heute zu sagen, die israelische Armee habe präzise Ziele gehabt und dabei die Zivilbevölkerung geschont, wirkt angesichts dieser Bilder unglaubwürdig. Das Hauptthema ist jedoch: Israels Armee ist eine Volksarmee. Grundsätzlich leisten alle Militärdienst. Und die eigenen Waffenbrüder und -schwestern verrät man nicht nach aussen.
Gab es solche anonymen Interviews von Militärangehörigen schon früher?
Mit Militärangehörigen kann man als Journalistin nur anonym reden. Ich habe diese Erfahrung selbst gemacht letztes Jahr, als wir untersuchten, wie die israelische Armee mit zweifelhaften Videos ihre Ziele im Gazastreifen rechtfertigt. Weil die Soldaten Konsequenzen befürchten, nicht nur strafrechtliche. Aber es gibt seit 2004 auch die Organisation Breaking the Silence: Soldatinnen und Soldaten erzählen da, was sie im besetzten Westjordanland gesehen und gemacht haben, und warum sie damit nicht leben können. Diese Organisation wird jedoch genauso verunglimpft wie die Macher dieses Films, aus den gleichen Gründen: Weil sie Israels Image im Ausland schlecht machen.
Was geschieht mit den Personen aus dem Film, wenn ihre Identität aufgedeckt wird?
Premier Netanjahu redet vom Verrat von Militärgeheimnissen. In diesem Fall würden den Informanten im Film gerichtliche Verfahren drohen. Und wenn ihre Identität bekannt würde, würden sie als Landesverräter beschimpft, wie die Filmemacher. Ihnen wird ja gar mit der Ausbürgerung gedroht.
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