«Ich kann nicht singen»-Chor – Ein Chor stemmt sich gegen das Trauma des Singunterrichts

«Ich kann nicht singen»-Chor Ein Chor stemmt sich gegen das Trauma des Singunterrichts
Vorsingen vor der ganzen Klasse: Bekommen Sie schon schwitzige Hände bei der Erinnerung? Ein neues Chorprojekt trifft den richtigen Ton.
Singunterricht in der Primarschule. Die Lehrperson am Klavier. Man steht zitternd daneben. Die Augen der Klassenkameraden auf einen geheftet. Und es kommt, wie es kommen muss: Die Stimme versagt, man hört nur ein Piepsen und Krächzen.
«Ich kann ja eh nicht singen!» Das ist für viele Menschen ein Glaubenssatz, den sie sich von den schlechten Erfahrungen im Musikunterricht mitgenommen haben.
Trauma: Vorsingen
«Ich glaube, wir haben ein nationales Trauma», sagt Marion Zanella. Sie erinnert sich sogar an radikale Hausmittel, um dem Vorsingen in der Schule aus dem Weg zu gehen: «Damals hat man gesagt, dass es zu Fieber führt, wenn man am Vorabend Löschpapier isst. Genützt hat es aber nie.»
Wer sprechen kann, der kann auch singen.
Dem missmutigen Mantra von «Ich kann nicht singen» hält Marion Zanella aber etwas entgegen. Und gründet einen eigenen Chor. Es ist ein Projekt, bei dem der Name mal nicht Programm ist.
Jeder und jede kann singen
So nennt sich der Chor: «Ich kann nicht singen»‑Chor. Am Anfang der allerersten Chorprobe im Kirchgemeindehaus in Winterthur gehen die mutigen Chorsängerinnen und Chorsänger im Raum umher. Auf dem Programm steht erst einmal: auflockern.
Um die eigene Gesangsstimme zu finden, beginnen die Mitglieder zunächst bei sich selbst: Sie spüren den Boden unter den Füssen und beobachten die eigene Atmung. Denn nach dem Atmen braucht es nicht mehr viel. «Wer sprechen kann, der kann auch singen», weiss Marion Zanella.
Den Nerv und die Töne treffen
Plötzlich schwinden die Hemmungen: Es wird gesungen und die Sache läuft wie von allein: Der Herausforderung haben sich 200 Sängerinnen und Sänger gestellt – Zanella hatte für die erste Probe mit 30 Menschen gerechnet. Kurz nach Start muss der «Ich kann nicht singen»-Chor bereits eine Warteliste führen. Mittlerweile ist er für die aktuelle Saison komplett belegt und kann niemanden mehr auf die Warteliste setzen.
Das Projekt trifft einen Nerv. Nach der Probe sind viele glückliche und entspannte Gesichter zu sehen. «Wir alle können singen! Das ist eine Überraschung – oder vielleicht auch nicht?», sagt ein Teilnehmer lachend. Eine andere Teilnehmerin frohlockt: «Ich kann nicht singen! Aber es ist erstaunlich, wie schnell man sich traut, doch seine Stimme zu benutzen.»
Keine falschen Töne, keine falschen Noten
Das Projekt trifft den richtigen Ton: Die musikalische Perfektion steht nämlich nicht im Zentrum, sondern das Gemeinschaftsgefühl und das Erkunden, wie schön die eigene Stimme doch klingen kann.
Mir ging in diesen zwei Stunden Probe das Herz auf.
«Es gibt keine falschen Töne, es gibt keine falschen Noten», sagt Ruben Banzer, der Chorleiter des «Ich kann nicht singen»-Chors. Er sagt über sich selbst, er werde hellhörig, wenn jemand sage, er oder sie könne nicht singen. «Einen Raum zu schaffen, in dem Fehler eigentlich nicht existieren, das setzt viel frei, in Körper und Geist», meint Banzer.
Der Weg zurück zur Musik
So auch für Chorgründerin Marion Zanella: «Mir ging in diesen zwei Stunden Probe das Herz auf. Ich war wie verliebt.»
So finden Marion Zanella und die 200 Mitglieder des «Ich kann nicht singen»-Chors zur Musik und auch zu sich selbst. Fernab von jeglichem Leistungsdruck. Und fernab der Argusaugen der Klassenkameraden im Musikunterricht.
Radio SRF 2 Kultur, Passage, 16.10.2026, 20:00 Uhr. ; link/ruto; brec
KioskNews shows a cleaned-up reading view extracted from the publisher’s page — the original always lives on their site, not ours.