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Saturday, October 3, 2026

Europas Industrie geht es besser, als du vielleicht denkst

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Hohe Energiepreise und Konkurrenz aus China setzen Europas Industrie unter Druck. Doch Daten zeigen: Der Abschwung trifft bislang nur bestimmte Branchen. (Symbolbild)

Hohe Energiepreise und Konkurrenz aus China setzen Europas Industrie unter Druck. Doch Daten zeigen: Der Abschwung trifft bislang nur bestimmte Branchen. (Symbolbild)Jens Kalaene/dpa

«Wollen Sie etwas Hoffnung sehen?», fragt Marco Mensink. Mensink, der Cefic leitet, eine Lobbygruppe für Europas Chemieunternehmen, stellt zunächst eine düstere Diagnose. Hohe Energiepreise und chinesische Konkurrenz erzwingen Werksschliessungen und Arbeitsplatzverluste. Eine weitere Konsolidierung sei «unvermeidlich».

Die Hoffnung nimmt die Form eines Querschnitts eines Elektrokabels an, das er in seinem Büro in Brüssel über dem Schreibtisch aufbewahrt. Es wird von Orient Cable hergestellt, einem chinesischen Riesen. Doch das Polymer, das den Draht isoliert, wird von Borouge International aus Österreich hergestellt. Mensink sagt, wenn er China besuche, fragten Branchenbosse unablässig nach dem europäischen Unternehmen. Es sei der einzige Teil des Kabels, den sie noch nicht herstellen könnten.

Europas Industriekomplex unter Druck

Chemieunternehmen sind nicht allein. Ein grosser Teil des Industriekomplexes der Europäischen Union steht unter Druck. Am 21. September erklärte Volkswagen, seinen Restrukturierungsplan zu verschärfen. Das Unternehmen ist einer von fünf europäischen Autoherstellern, die dieses Jahr Gewinnwarnungen herausgegeben haben, gebeutelt von chinesischen Rivalen.

Die Europäische Kommission, der ausführende Arm der EU, ist alarmiert. In ihrer Rede zur Lage der Union am 16. September warnte Ursula von der Leyen, ihre Präsidentin, das Handelsdefizit mit China befinde sich «an einem Wendepunkt». Doch ein genauerer Blick auf Europas Industrielandschaft offenbart neben einem weltweit führenden Polymer weitere Hoffnungsschimmer.

Anpassung an neue Realität

Bei aller Besorgnis über eine breitflächige Deindustrialisierung ist der Schaden vorerst auf eine Handvoll Branchen begrenzt. Teile der europäischen Industrie entwickeln sich durchaus gut. Und dort, wo Unternehmen bedroht sind, passen sie sich ihrer neuen, härteren Realität an.

Zwei Faktoren liegen dem jüngsten Leid einiger europäischer Produzenten zugrunde. Der eine ist Energie, die schon lange teurer ist als in Amerika oder China. Vor Subventionen sind die Strompreise für die Industrie in Frankreich und Deutschland etwa doppelt so hoch wie in beiden Ländern. Die Kriege in der Ukraine und im Iran haben die Kosten weiter in die Höhe getrieben.

Der andere Faktor ist China. Dessen Industriepolitik, Innovationen und Qualitätsfortschritte haben die Produktion von allem befeuert, von Stahlrollen bis zu Elektrofahrzeugen. Das reichliche Angebot trifft auf eine schwächelnde Binnennachfrage, und ein Teil der Überkapazitäten sucht Absatzmärkte im Ausland. Donald Trumps Zölle und Verbote einiger chinesischer Importe haben Europa zum wichtigsten Ziel chinesischer Exporteure gemacht.

Gleichzeitig fällt es europäischen Unternehmen schwer, in China zu verkaufen, einst ein grosser, rasch wachsender Markt mit hohen Margen. Sie nutzen dort oft lokale Fabriken und Lieferketten, was die Exporte aus Europa begrenzt. So hat sich Chinas Überschuss im Warenhandel mit der EU seit 2019 mehr als verdoppelt, auf 420 Milliarden Dollar.

Automobilindustrie und weniger Investitionen

Besonders hart getroffen wurde die Autoindustrie. China war früher eine Gewinnmaschine für europäische Autohersteller, doch heute bringen chinesische Produzenten neue, und gute, Autos viel schneller und günstiger auf den Markt als diese es können. Die Produktion in der EU liegt 17 Prozent unter ihrem Niveau vor Covid. Ungenutzte Kapazitäten werden an chinesische Rivalen vermietet. Nach offiziellen Daten stellt die Automobilindustrie sechs Prozent der Arbeitsplätze in der EU. Kein Wunder, dass Entscheidungsträger besorgt sind.

Der Druck bedeutet wiederum weniger Geld für Investitionen, was das Risiko erhöht, dass EU-Unternehmen weiter zurückfallen. Laut einer Analyse der Beratungsfirma McKinsey zu sechs verarbeitenden Industriezweigen erhielt Europa 2024 in drei davon weniger Investitionen als Amerika und China: Pharmazeutika, Elektronik und Chemie. In keinem Bereich erhielt es die meisten Investitionen (siehe Grafik 1). Das spiegelt jedoch teilweise Investitionen europäischer Unternehmen ausserhalb Europas wider, um günstigere Energie zu nutzen oder Zölle zu umgehen.

Jobrückgang in der verarbeitenden Industrie

Alles sehr düster. Doch das bedeutet nicht, dass die gesamte europäische Industrie dem Untergang geweiht ist. Ganz im Gegenteil: Der Schmerz ist nach Ländern und Sektoren stark konzentriert. Eric Heymann von der Deutschen Bank weist darauf hin, dass der Anteil der verarbeitenden Industrie an der gesamten Bruttowertschöpfung in der EU in den vergangenen Jahren bei etwa 16 Prozent stabil geblieben ist. In einigen Ländern, insbesondere Deutschland und Italien, ist er leicht gesunken.

Die Beschäftigungsdaten erzählen eine ähnliche Geschichte. Seit dem ersten Quartal 2023 ist die Beschäftigung in der verarbeitenden Industrie der EU um etwa zwei Prozent auf 28 Millionen gesunken. Allein auf Deutschland entfallen vier Fünftel des Rückgangs. Und obwohl die Gesamtzahl der Arbeitsplätze sinkt, ist die Zahl hochqualifizierter Stellen wie Ingenieure und Techniker seit Beginn des Jahres 2023 um sieben Prozent gestiegen.

Einige Industrien profitieren

Einige Sektoren laufen rund. Die Beschäftigung in der Pharmaindustrie, Luft- und Raumfahrt sowie Elektronik ist seit Anfang 2023 gestiegen. Der KI-Boom kommt Frankreichs Schneider Electric, Deutschlands Siemens und Italiens Prysmian zugute, die alle Geräte herstellen, welche Rechenzentren am Laufen halten. Rüstungsunternehmen wie Deutschlands Rheinmetall und Italiens Leonardo erhöhen ihre Produktion, da die Verteidigungshaushalte wachsen.

Auch die Bedrohung durch China ist, wie Handelsdaten zeigen, konzentriert. Simon Evenett von der Schweizer Wirtschaftshochschule IMD argumentiert, die verbreitete Erzählung einer Flut billiger chinesischer Waren, die europäische Produzenten wegspült, sei übertrieben. Seit 2023 sei das Volumen der EU-Importe aus China nur wenig stärker gewachsen als die Importe derselben Waren aus anderen Quellen (siehe Grafik 2). Europa importiert mehr davon aus aller Welt, nicht nur aus China.

Natürlich sind die Importe bestimmter Waren aus China stark gestiegen. In einer weiteren Analyse untersuchte Evenett die rund 100 wichtigsten deutschen Importe aus China. Er identifizierte jene, bei denen das Volumen seit 2023 um mehr als 25 Prozent gestiegen und die Preise um zehn Prozent gefallen waren. Elf der gut 100 erfüllten diese Schwellenwerte. Bei den meisten dieser elf, darunter Elektrofahrzeuge, Möbel und einige Chemikalien, konkurrieren chinesische Waren direkt mit europäischen. Doch die Vorstellung, billige chinesische Produkte unterböten einen grossen Teil der europäischen Industrie, scheint weit hergeholt.

Sinkende Produktionskosten

Zudem könnten einige chinesische Importe europäischen Unternehmen helfen. Unter den 100 Produkten, die seit 2023 am stärksten zum weltweiten Exportwachstum Chinas beigetragen haben, entfielen drei Viertel des Wachstums auf Komponenten und Vorleistungsgüter wie Batterien für Elektrofahrzeuge und Roboterarme. Diese bedrohen Hersteller ähnlicher Ausrüstung.

Für ihre europäischen Käufer senken sie jedoch die Produktionskosten. Eine Studie der Europäischen Zentralbank (EZB) ergab, dass in Sektoren, die chinesischen Vorleistungsimporten ausgesetzt sind, das jährliche Wachstum der Industrieproduktion zwischen 2000 und 2022 um 0,6 Prozentpunkte stieg. In jenen, die chinesischen Fertigwaren ausgesetzt waren, sank es um etwa einen Prozentpunkt.

Die Unternehmen passen sich an

In vielerlei Hinsicht passt sich die europäische Unternehmenswelt gut an die veränderten Umstände an. In Spanien, wo unter anderem reichlich vorhandene Solarenergie dazu beiträgt, die Energiepreise niedrig zu halten, verdoppelten europäische Unternehmen ihre jährlichen Investitionen zwischen 2021 und 2025 im Vergleich zu den vorangegangenen fünf Jahren. Ein Bericht der Bank Morgan Stanley argumentiert, europäische Unternehmen seien auf den kommenden Winter «weitaus besser vorbereitet» als 2022, als der Krieg in der Ukraine die russischen Gaslieferungen kürzte.

Einige haben Massnahmen zur Energieeffizienz umgesetzt oder mehr lokale erneuerbare Energie installiert. Andere sichern sich finanziell stärker ab. Solvay, ein belgisch-französisches Chemieunternehmen, und K+S, ein deutsches Salzunternehmen, haben den Grossteil ihres Energieverbrauchs für dieses Jahr abgesichert.

Die Hersteller der EU verkaufen auch mehr Dienstleistungen. Sie exportierten 2024 Dienstleistungen im Wert von 460 Milliarden Dollar, ein Anstieg von 21 Prozent in zwei Jahren. Für einige, etwa Vestas, einen dänischen Hersteller von Windturbinen, und MTU Aero Engines, ein deutsches Unternehmen, bedeutet das Wartungsverträge.

Andere verkaufen mehr Software und integrieren sie in ihre Hardware. Siemens, ein deutscher Ingenieurkonzern, erkannte dies früh und kaufte mehrere Softwareunternehmen. Stellantis, ein Autohersteller, dessen grösster Aktionär Miteigentümer der Muttergesellschaft von The Economist ist, erklärte, seine Einnahmen aus Dienstleistungsabonnements seien im vergangenen Jahr um 50 bis 60 Prozent gestiegen.

KI nutzen für Produktivitätssteigerung

Tatsächlich glauben viele Wirtschaftsführer und Entscheidungsträger, dass Europas industrielle Zukunft auf Software und insbesondere auf KI beruhen könnte. Von der Leyen hat Jim Hagemann Snabe, den Vorsitzenden von Siemens, gebeten, einen Bericht darüber zu verfassen, wie Fabriken diese Technologie zur Steigerung der Produktivität einsetzen können.

Deutschland verfügt bereits über die dritthöchste Zahl an Industrierobotern pro Beschäftigten weltweit, nach Singapur und Südkorea. Schweden und Dänemark liegen nicht weit dahinter. Das bedeutet, Europa hat Potenzial. Doch es sollte aufhören, alten Industrien nachzutrauern, und sicherstellen, dass es die Kraft von KI und anderen neuen Technologien zur Steigerung der Produktivität nutzen kann.

Die Lücke zu Amerika und China bei KI ist gross, und zwar nicht nur beim Entwickeln von Modellen – sie könnte noch grösser werden. Die Bedrohung für Europas Industrie durch Energiepreise und China wird übertrieben. Das Risiko für Europas Industrie, falls sie bei KI weiter zurückfällt, wahrscheinlich nicht.

The Economist

Von Economist.com, übersetzt von 20 Minuten, veröffentlicht unter Lizenz. Der Originalartikel in englischer Sprache ist auf www.economist.com verfügbar.

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