Tradwife-Trend – Das traditionelle Frauenbild kommt zurück – auch in der Schweiz?

Auf Tiktok und Instagram zeigen sogenannte Tradwives ihr Leben als traditionelle Ehefrau: Sie kochen, backen, kümmern sich um Haushalt und Familie.
Was bedeutet Tradwife?
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Der Begriff «Tradwife» steht für «traditional wife», auf Deutsch übersetzt: traditionelle Ehefrau. Gemeint sind Frauen, die sich bewusst an einem konservativen Rollenbild orientieren: Sie sehen sich primär in der Rolle als Ehefrau, Mutter und Hausfrau, während der Mann als Ernährer der Familie auftritt.
Der Begriff stammt aus den USA und wurde über Social Media weltweit verbreitet. Dort wird das traditionelle Rollenbild als Lifestyle inszeniert – häufig verbunden mit ästhetischen Koch- und Haushaltsvideos, Familienbildern und Vorstellungen von klar verteilten Geschlechterrollen.
Diverse Experten und Soziologinnen werfen den Tradwifes vor, ein sexistisches Familien- und Frauenbild zu propagieren.
Gleichzeitig wird aus diesem Alltag Content – und damit teilweise ein Geschäftsmodell.
«Ich bin eine moderne, traditionelle Frau»
Auch in der Schweiz sind solche Bilder längst angekommen, obwohl es hierzulande kaum Tradwife-Influencerinnen gibt. Lea Mayer aus Basel ist eine von wenigen, die den Hashtag «Tradwife» unter ihren Videos benutzt.
Die 25-Jährige weiss ziemlich genau, wie sie sich ihr späteres Familienleben vorstellt. Sie möchte heiraten, Kinder haben und dann zu Hause bleiben. Ihr Mann soll arbeiten und die Familie finanziell versorgen, während sie sich um Haushalt und Kinder kümmert.
Schon heute lebt sie Teile dieser Vorstellung. Im Alltag übernimmt sie in ihrer Beziehung den Haushalt, kocht und geht einkaufen. Sie trägt schöne Kleider und hohe Schuhe. Sie macht sich gern hübsch – auch für ganz alltägliche Dinge. Das gebe ihr Selbstbewusstsein, sagt sie.
«Wenn es dann so weit ist, dass es um Kinder geht, möchte ich auch aufhören zu arbeiten.» Dass sie damit finanziell abhängig wäre, ist Lea bewusst. Für sie bedeutet Abhängigkeit nicht automatisch etwas Negatives. Im Gegenteil: Sie verbindet damit Sicherheit und die Möglichkeit, Verantwortung abzugeben.
Nichts im Leben ist fifty-fifty.
Ihren Freund beschreibt sie mit drei Begriffen: «Leader, Provider, Protector.» Sie möchte sich bei ihm fallen lassen können und darauf vertrauen, dass er für die Familie sorgt. «Der Mann ist der Kopf», sagt sie. Sie wiederum wolle zu Hause dafür sorgen, dass es schön sei – ein Ort, an dem ihr Partner nach einem anstrengenden Arbeitstag herunterkommen könne.
Auch beim Geld gibt es bereits eine klare Rollenverteilung. Ihr Freund kümmert sich ums Sparen und Investieren. Lea vertraut ihm und möchte sich selbst möglichst wenig darum kümmern.
Von 50/50 hält sie nichts: «Oh mein Gott, nein. Das ist mein Hasswort. Nichts im Leben ist fifty-fifty.» Für Lea heisst Gleichberechtigung nicht, dass beide exakt dasselbe machen. Entscheidend sei vielmehr, dass beide ihre Rolle freiwillig wählen.
Ganz klassisch ist Leas Modell trotzdem nicht. Denn bis zur Hochzeit will sie ihren aktuellen Beruf als Bioanalytikerin behalten. Eine Frau müsse immer einen Plan B haben. Eine Ausbildung oder ein Studium seien wichtig, denn auch eine Ehe könne zerbrechen: «Deswegen würde ich sagen, ich bin vielleicht so eine moderne, traditionelle Frau.»
Sind junge Menschen heute wieder konservativer?
Einige Tradwives werden mit rechtsextremen Bewegungen in Verbindung gebracht und sprechen sich gegen die Gleichstellung der Geschlechter aus: Die deutsche Influencerin Candy Jacobs bezeichnet sich selbst als Tradwife und inszeniert sich entsprechend in den Sozialen Medien. Auf ihrem Account postet sie Bilder ihrer Hausfrauenarbeit, erklärt, dass echte Frauen auch echte Männer bräuchten, und beschreibt sich als heimatverbunden.
Ob der Social-Media-Trend tatsächlich dazu führt, dass sich mehr junge Menschen für traditionelle Rollen entscheiden, lässt sich nicht belegen. Hinweise darauf, dass traditionelle Rollenbilder bei einem Teil der jungen Generation wieder an Zuspruch gewinnen, gibt es aber.
Für eine internationale Studie von Ipsos und des King’s College London wurden rund 23’000 Menschen in 29 Ländern befragt. Die Schweiz war nicht dabei. Bei mehreren Aussagen zu traditionellen Geschlechterrollen steigt die Zustimmung bei den jüngeren Generationen. So sagen 31 Prozent der Gen-Z-Männer, eine Ehefrau solle ihrem Mann immer gehorchen. Bei den Gen-Z-Frauen sind es 18 Prozent.
Bei einer anderen Aussage – ein Ehemann solle bei wichtigen Entscheidungen im Haushalt das letzte Wort haben – stimmen 33 Prozent der Gen-Z-Männer zu, aber nur 19 Prozent der Gen‑Z‑Frauen. Die Zahlen zeigen damit nicht, dass die Mehrheit der jungen Menschen solche Vorstellungen vertritt. Sie zeigen vielmehr, dass traditionelle Rollenbilder auch unter den Jüngeren präsent sind.
Auch aus Deutschland gibt es Hinweise: Laut einer Untersuchung des Bundesinstituts für Bevölkerungsforschung aus dem Jahr 2025 vertritt unter den untersuchten 20- bis 30-jährigen Frauen die deutliche Mehrheit (62 Prozent) ein egalitäres weibliches Rollenbild. Zugleich befürworten 19 Prozent ein Rollenbild, das der Tradwife-Idee entspricht. Für die Schweiz lassen sich daraus allerdings keine direkten Rückschlüsse ziehen.
Zahlen zu Hausfrauen in der Schweiz
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Heute gibt es laut Bundesamt für Statistik in der Schweiz deutlich weniger erwerbslose Frauen als noch vor 15 Jahren. 2015 lebten rund 19 Prozent der Paarhaushalte nach dem Modell, dass der Mann Vollzeit arbeitet und die Frau keiner Erwerbsarbeit nachgeht. 2025 waren es nur noch rund 9 Prozent.
Ob sich dieser Trend in den nächsten zehn Jahren wieder umkehrt, ist schwer vorhersehbar. Gleichzeitig gibt es Hinweise darauf, dass traditionelle Rollenmodelle bei jungen Menschen wieder an Zuspruch gewinnen – bei Männern etwas stärker als bei Frauen. Die Zustimmung nimmt bei beiden Geschlechtern zu.
Klar ist aber auch: In der Schweiz übernehmen Frauen nach wie vor einen grösseren Teil der Care-Arbeit. Tendenziell bleiben sie eher zu Hause oder reduzieren ihr Arbeitspensum. Manche tun das freiwillig, andere nicht, weil sie sich das Modell finanziell nicht leisten können.
Und genau darin liegt die Schwierigkeit: Wie viele Frauen tatsächlich nach einem traditionellen Familienmodell leben, ist eine andere Frage als die, wie viele sich online als Tradwife präsentieren.
Warum wirkt das Modell auf Social Media so attraktiv?
Auf Tiktok und Instagram sieht das Leben als Tradwife oft beneidenswert einfach aus: Die Frau hat Zeit für ihre Kinder, kocht frisches Essen, backt Brot, hält das Haus sauber und sieht dabei perfekt aus. Das macht aus einem alten Familienmodell einen modernen Lifestyle.
Laut verschiedener Untersuchungen können Social Media dabei eine Rolle spielen: Algorithmen verstärken Inhalte, mit denen sich Nutzerinnen bereits beschäftigen. Wer sich für traditionelle Rollenbilder interessiert, bekommt entsprechend mehr davon zu sehen.
Dazu kommt ein weiterer Faktor: Viele junge Frauen erleben widersprüchliche Erwartungen. Sie sollen beruflich erfolgreich sein, sich weiterentwickeln, attraktiv bleiben und gleichzeitig Haushalt und Familie organisieren. Der Tradwife-Lifestyle kann da wie ein Gegenentwurf wirken – mit klaren Rollen und einer vermeintlich einfacheren Welt.
«Sind die Frauen nicht erschöpft?»
Eine Frau kennt die Realität hinter dem perfekten Bild besonders gut: Valeria Harris aus Zürich. Die 29-Jährige lebte sechs Jahre in Florida, wo sie ihren Mann kennenlernte und Mutter wurde. Nach der Geburt ihrer Tochter kehrte die Familie in die Schweiz zurück. Heute arbeitet Valeria rund 40 Prozent als Content Creator und teilt sich Haushalt und Familienarbeit mit ihrem Mann.
Das Leben in Amerika sah aber anders aus: Als junge Mutter bewegte sie sich in einer Welt, in der Natürlichkeit und traditionelle Familienbilder grossgeschrieben wurden. Hausgeburt, selbst gemachtes Essen, der Mann arbeitet, die Frau bleibt zu Hause – genau dieses Modell hatte sie sich aufgrund von Social-Media-Inhalten für sich vorgestellt. Heute zeigt sie bewusst eine andere Seite ihres Alltags.
Hinter der perfekten Fassade
Anfang Bildergalerie
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Bild 1 von 3. Valeria kümmert sich um den Haushalt – heute ohne den Anspruch, dass immer alles perfekt sein muss. Bildquelle: SRF.
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Bild 2 von 3. Nicht alles ist aufgeräumt: Der Pool ist dreckig. Bildquelle: SRF.
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Bild 3 von 3. Die Pflanzen sind ausgetrocknet. Heute hat Valeria nicht mehr den Anspruch, alles ästhetisch auf Social Media zu zeigen. Bildquelle: SRF.
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Denn genau solche Bilder hatte sie früher selbst produziert: schön angerichtetes Essen, ein aufgeräumtes Zuhause, eine Frau, die sich um Kinder und Haushalt kümmert und ihren Mann empfängt.
Valeria war damals überzeugt von diesem Leben. Als sie frisch Mutter wurde, sei sie sehr glücklich gewesen. Gleichzeitig sei sie jung und naiv gewesen und in den USA in eine Bubble geraten, in der alles möglichst natürlich und selbst gemacht sein sollte. «Ich habe eine Homebirth gehabt», erzählt sie. «Natürlich gebären, natürlich leben, natürliches Essen – alles muss homemade sein.»
Wenn die Perfektion in sich zusammenbricht
Doch eines Tages kollidierte dieses Ideal mit dem Alltag. Ihr Mann arbeitete jeden Tag, Valeria blieb mit ihrer Tochter zu Hause. Sie kümmerte sich ums Baby, kochte und versuchte gleichzeitig, den Haushalt in Ordnung zu halten. An manchen Tagen schaffte sie schlicht nicht alles. Dann kam ihr Mann nach Hause und sah die Küche. «Wieso sieht es hier so aus?», habe er gefragt.
Valeria erinnert sich noch heute sehr emotional an diesen Moment. «Du weisst gar nicht, was ich alles gemacht habe», habe sie ihm entgegnet. Was für ihn nicht sichtbar war, hatte für sie den ganzen Tag ausgemacht: das Kind versorgen, organisieren, kochen, aufräumen – und ständig alles im Kopf behalten.
Heute, zurück in der Schweiz, lebt sie anders. Sie arbeitet rund 40 Prozent als Content Creator, ihr Mann und sie teilen sich die Arbeit rund um Familie und Haushalt. Die Kinder sind einen Tag pro Woche in der Kita und teilweise bei den Grosseltern.
Und auch ihr Social-Media-Bild hat sich verändert. Heute darf eine Pflanze eingehen. Das Sofa darf fleckig sein. Der Alltag darf chaotisch sein.
Mehr Tiefe, weniger Oberfläche
«Es ist mega schön», sagt sie über die ästhetischen Tradwife-Videos. Genau das sei ihre Faszination: «Es packt Leute, weil es schön aussieht.» Aber Valeria weiss, was hinter dieser schönen Oberfläche steckt. «Ich glaube sogar, dass es Mamis gibt, die das wirklich gern machen», sagt sie. Aber irgendwann stelle sie sich eine andere Frage: Sind diese Frauen tatsächlich erfüllt – oder sind sie am Ende nicht auch «mentally exhausted»?
Valeria selbst möchte heute zeigen: Sie ist nicht die perfekte Hausfrau, die jederzeit alles im Griff hat. Sie zeigt heute den Alltag mit Kindern, Haushalt und Arbeit – inklusive Chaos.
Und sie hat noch eine weitere Sorge: Wer solche Bilder ständig sieht, könnte glauben, dass eine Ehe und Familie genau so aussehen müssen. Gerade für Mädchen und Frauen, die noch unsicher seien, welche Rolle sie selbst einnehmen wollten, könne das problematisch werden.
Das perfekte Leben ist auch ein Geschäftsmodell
Eine der grossen Widersprüchlichkeiten des Tradwife-Trends: Die Frauen, die online ein Leben ohne Erwerbsarbeit präsentieren, verdienen häufig selbst Geld mit diesen Videos. Aus dem Hausfrauenleben wird Content – und aus Content ein Business.
Eine Studie hat 250 Tiktok-Posts grosser Tradwife-Influencerinnen untersucht. In 62.8 Prozent der untersuchten Beiträge fanden sie Hinweise auf Monetarisierung, etwa Sponsoring oder Strategien zur Steigerung des Engagements. Wie viel Geld sie damit verdienen können, ist ungewiss. Dazu gibt es keine belastbaren Zahlen speziell für Tradwife-Influencerinnen.
Auch Lea spricht offen darüber, dass sie den Hashtag «Tradwife» teilweise bewusst verwendet, um Aufmerksamkeit zu erzeugen. Sie nennt das selbst «Rage Bait».
Was bedeutet «Rage Bait»?
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Rage Bait bezeichnet Online-Inhalte, die gezielt Wut oder Empörung hervorrufen, um das Engagement der Nutzenden zu steigern. Diese Inhalte erscheinen oft auf Social-Media-Plattformen und zielen darauf ab, virale Interaktionen zu generieren, indem sie emotionale Reaktionen provozieren.
Wer auf Social Media Menschen erreichen wolle, müsse manchmal anecken. Wenn sie beispielsweise sage, ihr Freund bezahle alles und sie backe den ganzen Tag, sei das zugespitzt. In Wirklichkeit backt sie natürlich nicht den ganzen Tag.
Das zeigt: Zwischen dem tatsächlich gelebten Alltag und dem Bild auf Tiktok kann ein grosser Unterschied liegen.
Eine 2025 veröffentlichte Studie von Kate Scott und Lindsay Day untersucht genau dieses Phänomen. Die Autorinnen analysierten Tradwife-Inhalte auf Tiktok und argumentieren, dass solche Beiträge traditionelle Geschlechterrollen normalisieren können. Sie formulieren daraus eine Forschungshypothese: Solche Inhalte könnten bei jungen Menschen Erwartungen daran fördern, wie sich Frauen in Beziehungen verhalten sollen.
Der Trend ist real – seine Verbreitung ist schwer zu messen
Ist der Tradwife-Trend also in der Schweiz angekommen? Belegen lässt sich zumindest, dass das Thema auch hier sichtbar ist. Es gibt Frauen wie Lea, die sich bewusst an traditionellen Rollen orientieren und Teile davon bereits leben. Gleichzeitig gibt es keine belastbaren Schweizer Zahlen dazu, wie verbreitet das Label oder der dahinterstehende Lifestyle ist.
Und auch Valerias Geschichte zeigt, wie gross die Lücke zwischen Social-Media-Bild und Alltag sein kann. Das traditionelle Familienmodell selbst ist dabei nichts Neues. Neu ist primär, wie es im Internet inszeniert wird: als ästhetischer Lifestyle, als persönliche Entscheidung – und manchmal auch als Geschäftsmodell.
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