Verschwindet XXL-Kleidung wegen Abnehmspritzen?

Bei Annette Hunzikers Secondhandladen Curvy & Smart in Schlieren ZH suchen Frauen Kleidung ab Grösse 46. Früher sei oft nicht so wichtig gewesen, wie etwas aussah: «Hauptsache, es hat gepasst.» Heute achteten ihre Kundinnen stärker auf Stoff und Qualität. Die Auswahl an grossen Grössen sei dabei nie gross gewesen, schrumpfe aber stetig. «Bekannte Modemarken wie H&M oder C&A haben grosse Grössen mittlerweile fast komplett aus dem Sortiment genommen. Man spürt einen starken Wandel», sagt Hunziker gegenüber 20 Minuten. Sie befürchte, dass das Angebot künftig noch weiter abnehmen könne.
Kundinnen würden ihr regelmässig von Frust beim Shoppen erzählen. Dabei sei es bei unterschiedlichen Körperformen wichtig, Kleidung vor dem Kauf im Laden anprobieren zu können – «mit einer schwindenden Auswahl ist das immer weniger möglich».
Wie findest du es, wenn Modehändler grössere Kleidergrössen aus dem Sortiment nehmen?
H&M baut grosse Grössen ab
Dass einzelne internationale Marken ihr Angebot verkleinern, zeigt auch eine Analyse der Marktforschungsfirma Edited, über die der «Guardian» berichtet. Bei den neu auf der H&M-Website erschienenen Damenkleidern entfielen von Januar bis Mai 2025 zwei Prozent auf die Grössen 3XL und 4XL. Nur ein Jahr später fehlen sie ganz. Der Anteil von XXL sank von 13,3 auf 10,3 Prozent, jener von XL um zwei Prozentpunkte.
Auf Anfrage von 20 Minuten begründet H&M den Verzicht auf 3XL und 4XL mit «einer geringeren Nachfrage nach diesen Grössen». Eine Mediensprecherin schreibt: «Wir möchten keine Spekulationen über die Gründe für diese Entwicklung anstellen.» Ob Abnehmspritzen und veränderte Körperideale der Grund sein könnten, bleibt also offen. Man passe das Sortiment bei H&M regelmässig an die sich ändernden Kundenbedürfnisse an, mit dem Ziel, sicherzustellen, dass das Angebot für einen breiten Kundenstamm relevant und zugänglich bleibe.
Curvy Models seltener auf den Laufstegen
Schweizer Händler sehen es unterschiedlich
Für die Schweiz zeichnet sich aus den Antworten der Händler kein einheitliches Bild ab. Manor sagt, in den vergangenen Jahren keine wesentliche Veränderung der Nachfrage nach grösseren Konfektionsgrössen festgestellt zu haben. Oversized- und Relaxed-Fits beeinflussten zwar die Wahl der Grössen, eine Anpassung der Grössenstruktur sei derzeit aber nicht nötig.
Eine grosse Schweizer Modekette, die nicht genannt werden möchte, sagt, sie spüre generell keine Nachfrage nach XXL und führe deshalb nur wenig in dieser Grösse.
Was bedeutet XXL in Zahlen?
Bei Damenkleidung entspricht XL häufig etwa den europäischen Konfektionsgrössen 42/44/46, XXL etwa 48/50. Bei Herrenoberteilen liegt XL oft ungefähr bei Grösse 56/58. Die Angaben sind Richtwerte: Je nach Marke, Schnitt und Kleidungsstück kann die Umrechnung abweichen. Bei Hosen kommen zudem oft eigene Grössensysteme zum Einsatz. Am zuverlässigsten ist deshalb jeweils die Grössentabelle der Marke.
«Stil hat nichts mit Kleidergrösse zu tun»
Der Zürcher Designer Adam Brody nimmt eine klare Marktveränderung wahr. Er sieht sich als «fast der Letzte seiner Art» unter den Zürcher Boutiquen mit Plus-Size-Mode. Sein Label führt heute die Grössen 36 bis 52. Brody hat sein Grössenangebot nach unten erweitert, nachdem Boutiquen und Frauen mit kleineren Grössen danach gefragt hätten. «Ich will, dass Kundinnen zuerst das Design wählen können, das ihnen gefällt, in ihren Lebensstil passt und ihre Qualitätserwartungen trifft.» Die Grösse sei danach bloss noch eine rein technische Frage für ihn. Und wer Mode für alle anbieten wolle, müsse offen sein und seine Masstabelle flexibel halten.
Ausgangspunkt für sein Label war vor mehr als 30 Jahren eine erfolglose Einkaufstour mit einer Freundin: «Wir wollten für sie ein neues Partyoutfit shoppen, doch fanden nichts Passendes – am Ende trug sie noch dasselbe wie zuvor.» Brody wollte die Lücke schliessen und modische Vielfalt anbieten. Sein Motto lautet: «Style has nothing to do with size» – auf Deutsch: «Stil hat nichts mit Kleidergrösse zu tun». Die Freundin von damals ist heute seit 31 Jahren seine Frau.
Über die Expertin und den Experten
«Wechselnde Schönheitsideale sind nichts Neues in der Modebranche»
Hunziker bekommt mittlerweile von einzelnen Kundinnen grosse Kleidungsstücke zurück, die sie ihnen ursprünglich verkauft hat und die nach einer Gewichtsabnahme übrig geblieben sind. Sie erklärt: «Die Gründe dafür sind oftmals Abnehmspritzen oder medizinische Eingriffe.»
Für die Zukunft wagt Hunziker keine Prognose. Viel hänge davon ab, wie sich Zugang und Preise der Abnehmmedikamente entwickelten. «Bleiben sie teuer und nur begrenzt verfügbar, könnte die Nachfrage nach grösseren Grössen wieder steigen.» Würden die Mittel hingegen günstiger und einfacher zugänglich, könnte sich der Rückgang fortsetzen.
Brody hält Medikamente ebenfalls für einen Teil der Entwicklung, aber nicht für die alleinige Erklärung. «In der Modebranche sind wechselnde Schönheitsideale und eine gesellschaftliche Fixierung auf Schlankheit nichts Neues», so der Zürcher Designer. Für die Zukunft wünscht er sich, dass Plus Size als eigene Kategorie verschwindet – weil unterschiedliche Körper selbstverständlich im regulären Modeangebot Platz finden sollten.
Vanessa Büchel (vab) arbeitet seit 2025 für 20 Minuten. Sie ist Fashion-Redaktorin im Lifestyle-Ressort und schreibt über Trends und Styling-Tipps.
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