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Sunday, October 4, 2026

Darum steigen die Prämien so stark

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Alle finden gute Gründe, warum die Kosten steigen und weshalb bei ihnen kein Sparpotenzial vorhanden ist. Ärzte, Spitäler, und Pharmaindustrie wollen nicht verantwortlich sein für die jedes Jahr höheren Kosten der Krankenkassenprämien.

Und die Patientinnen und Patienten nehmen jede erhältliche Leistung in Anspruch. So wird die Rechnung in der Grundversicherung auch nächstes Jahr teurer – um 5 Prozent durchschnittlich.

Der Anteil der Medikamentenkosten an den Aufwendungen der obligatorischen Krankenpflegeversicherung (OKP) habe letztes Jahr mit rund 22 Prozent nur knapp höher gelegen als noch 2010, betont Interpharma, der Verband der forschenden Pharmaunternehmen in der Schweiz. Nur: Die 22 Prozent machen inzwischen fast 9,7 Milliarden Franken aus, das sind viele Hundert Millionen mehr als damals.

Standortnachteil befürchtet

Mit Mengenrabatten bei den meistverkauften Medikamenten will der Bundesrat 350 Millionen Franken pro Jahr einsparen, denn von den über 3000 Heilmitteln auf der Spezialitätenliste verursachen die 80 bis 100 meistverkauften Produkte mehr als ein Drittel der Kosten der OKP, etwa 3 Milliarden Franken.

Mit den Sparmassnahmen drohe der Schweiz ein Standortnachteil, sie schränkten den Zugang zu innovativen Medikamenten ein. Dabei sorgten solche dafür, dass das Schweizer Gesundheitssystem von hoher Qualität sei, sagt Interpharma-Sprecher Lukas Kümmerli. Und dank neu erforschten Arzneimitteln und Therapien seien Moralität und Krankenhaustage stark reduziert worden. «Die Kosten für innovative Medikamente sollten deshalb nicht isoliert betrachtet werden», hält Kümmerli fest.

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Umso kritischer sei es, dass sich der Zugang zu diesen in den letzten Jahren verschlechtert habe. Und um Preissenkungen in den USA zu vermeiden, werde ein Drittel der neuen Arzneien hier gar nicht mehr zur Vergütung beantragt. Mengenrabatte würden laut Kümmerli vor allem dazu führen, dass noch mehr innovative Heilmittel verspätet oder gar nicht in der Schweiz lanciert würden.

Zweifelhafter Nutzen

Das ist die eine Seite. Auf der anderen sagt etwa die Professorin Kerstin Vokinger (38), die an der ETH und Universität Zürich einen Lehrstuhl für Regulierung in Recht und Medizin innehat, die Mehrheit neu zugelassener Arzneien sei nicht besser als bestehende Medizin. In einem Interview mit dem «Tages-Anzeiger» gab Vokinger zudem an, dass Geheimrabatte bei der Neuzulassung von Medikamenten «zur Normalität» geworden seien. Bei den Preisen habe sich die Schweiz in den letzten Jahren in eine falsche Richtung verändert, weil es bei den hochpreisigen Medikamenten eine Aufwärtsspirale gebe. «Toxisch ist es, wenn bei diesen Arzneimitteln dann noch die Wirksamkeit schlecht belegt ist», sagte Vokinger. Doch wenn ein Medikament einmal auf dem Markt sei, sei es schwierig, es wieder wegzubringen.

Solche Aussagen kommen in der Industrie schlecht an, die «NZZ am Sonntag» bezeichnete Vokinger vor zwei Jahren deshalb als «Angstgegnerin der Pharma». Diese hat sich derzeit allerdings noch mit mächtigeren Widersachern auseinanderzusetzen. So bekämpft US-Präsident Donald Trump (80) die hohen Medikamentenpreise in seinem Land. Und dies brachte ihm auch von Schweizer Pharmaunternehmen wie Roche und Novartis Zugeständnisse ein, in den USA in Innovation und Forschung sowie die Produktion zu investieren.

Zugeständnisse an die USA

In diesem Zusammenhang lässt eine Enthüllung einer amerikanischen Nichtregierungsorganisation aufhorchen. Diese veröffentlichte einen Vertrag des US-Pharmariesen Pfizer mit dem amerikanischen Gesundheitsministerium. Demnach verpflichtet sich Pfizer, einen Teil der Einnahmen aus höheren Medikamentenpreisen im Ausland den USA abzuliefern. Welche Präparate dies betrifft, ist nicht bekannt, weil die NGO die Unterlagen nur teilweise geschwärzt erhielt. Die Mehreinnahmen sollen laut Vertrag zur Entlastung amerikanischer Patienten und Steuerzahlerinnen verwendet werden.

Laut der Nichtregierungsorganisation existieren mehr als zwei Dutzend weitere Verträge von Pharmaherstellern mit dem US-Gesundheitsministerium. Deren Inhalt ist unter Verschluss. Unbeantwortet bleibt auch die Frage, die für die Schweiz von besonderem Interesse ist: Haben auch hiesige Pharmaunternehmen wie beispielsweise Novartis oder Roche Vereinbarungen mit dem amerikanischen Gesundheitsministerium getroffen, die den USA Nettoerlöse aus Geschäften im Ausland zusichern? Profitieren diese also von hohen Medikamentenpreisen in anderen Ländern – etwa auch in der Schweiz?

Aufschläge trotz hoher Gewinne

Die Preisgestaltung von Novartis und Roche führte schon verschiedentlich zu Diskussionen in National- und Ständerat. Die grüne Tessiner Nationalrätin Greta Gysin (42) erkundigte sich im vergangenen März mit einer Interpellation, ob eine Erhöhung der Medikamentenpreise zu höheren Krankenkassenprämien führe. Sie fragte den Bundesrat, wie er die Gewinne der Pharmaindustrie im Vergleich mit anderen Branchen beurteile. Gysin wies darauf hin, dass Novartis und Roche trotz Milliardengewinnen höhere Arzneimittelpreise forderten, um neue Therapien zugänglich zu machen.

Der Bundesrat hielt im Mai in seiner Stellungnahme zu Gysins Vorstoss fest, höhere Medikamentenpreise hätten einen direkten Einfluss auf die Krankenkassenprämien in der obligatorischen Grundversicherung. «Die Schweiz hat die höchsten Preise und die höchsten Pro-Kopf-Ausgaben für Arzneimittel in Europa», heisst es in der Antwort des Bundesrats.

Teure Spezialbehandlungen

Im Ständerat fragte der Luzerner FDP-Vertreter Damian Müller (41) die Landesregierung in einer Interpellation, wie sie die geplanten Sparmassnahmen bei den Medikamenten im Zusammenhang mit der US-Preispolitik beurteile. Und Müller wollte wissen, wie der Bundesrat den Zugang zu innovativen Medikamenten sicherstelle.

In der Stellungnahme von Anfang September schreibt der Bundesrat, das Paket zur Kostendämpfung ziele darauf ab, neue Medikamente erhältlich zu machen und die Versorgung mit günstigen Arzneimitteln zu stärken. Haupttreiber bei den Kosten seien neue patentgeschützte Medikamente, etwa gegen Krebs, Diabetes, Adipositas oder allgemein zur Behandlung seltener Krankheiten.

Alle werden weiterhin viele Gründe und noch mehr Begründungen finden, warum die Krankenkassenprämien auch künftig steigen werden.

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