Erst Hoffnung, jetzt Frust: Trumps Problem mit den Latinos
Die Angst vor der US-Einwanderungsbehörde ICE prägt den Alltag vieler Latinos in Texas. Zwischen Enttäuschung über die Republikaner und religiösen Überzeugungen wägen sie ihre Wahlentscheidung ab.
29.10.2026 | 2:48 minWir sind unterwegs im Rio Grande Valley, im Süden von Texas. Als wir früher als verabredet auf einer Baustelle eintreffen, flüchten die Arbeiter ins Haus. Die Erleichterung ist groß, als sie merken: falscher Alarm.
"Wir dachten, ihr wärt ICE-Agenten", sagt Bauleiter Benigno Melendez. "Die fahren solche Autos wie ihr. Die Jungs haben geschrien und ich habe gesagt, "lauft ins Haus und schließt ab!'"
Zwischen Angst und Aufbruch
Die US-Einwanderungsbehörde ICE ist in der Region nahe der mexikanischen Grenze sehr aktiv. Manche von Melendez' Arbeitern haben einen legalen Aufenthaltsstatus oder sind Staatsbürger der USA, andere nicht. Die Angst vor Kontrollen macht es für ihn immer schwieriger, genügend Arbeitskräfte zu finden.
"Mittlerweile dauert es fast ein Jahr, ein Haus fertigzustellen, und ein weiteres Jahr, es zu verkaufen. Wie kann das der Wirtschaft nicht schaden?", fragt Melendez. Er sagt, dass die Einwanderungspolitik der Trump-Regierung sein Geschäft belastet.
Vor den US-Zwischenwahlen geht die Angst vor Beeinflussung und Manipulation um. Einschüchterungsversuche vor Wahllokalen, Beschlagnahme von Wahlurnen oder Wahllügen werden befürchtet.
28.10.2026 | 6:12 minDabei hatte er 2024, wie viele andere Latinos, Donald Trump gewählt, weil der versprach, die Wirtschaft anzukurbeln und die Lebenshaltungskosten zu senken. Jetzt ist Melendez enttäuscht. Bei der Senatswahl unterstützt er die Demokraten. Seine Botschaft: "Wenn ihr euch noch einmal mit den Latinos anlegt, dann macht euch darauf gefasst, nicht nur Spendengeld zu verlieren, sondern auch politische Macht."
Trumps Wahlkoalition bröckelt
Vor zwei Jahren konnte Trump seinen Stimmenanteil unter Latino-Wählern, also Wahlberechtigte mit lateinamerikanischen Wurzeln, deutlich steigern. Nach einer Auswertung des unabhängigen Meinungsforschungsinstutes Pew Research Center stimmten 48 Prozent für ihn, zwölf Prozentpunkte mehr als im Jahr 2020 mit 36 und weitere zwölf Punkte mehr als 2016, als es 28 Prozent waren.
Bei den Midterms zeichnet sich in Texas ein knappes Rennen ab. Elon Musk steckt viele Millionen in den Wahlkampf des Republikaners Ken Paxton gegen den Demokraten James Talarico.
29.10.2026 | 2:44 minDoch inzwischen wächst die Unzufriedenheit. Laut Pew-Erhebung vom Oktober 2026 halten 74 Prozent der Latino-Wähler Trumps Wirtschaftspolitik für schädlich. 62 Prozent finden, die Regierung schiebe zu viele Menschen ab, die ohne legalen Aufenthaltsstatus in den USA leben. Von einer geschlossenen Abkehr kann allerdings keine Rede sein: Viele halten dem Präsidenten weiterhin die Treue.
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In Texas wird der politische Stimmungswechsel zum Machtfaktor. Um den Senatssitz läuft ein enges Rennen zwischen dem Demokraten James Talarico und dem von Trump unterstützten Republikaner Ken Paxton. Bei Talaricos Wahlkampfveranstaltungen werden die Gründe für die Wechselstimmung deutlich.
"Es ist so wichtig zu wählen. Das Ausmaß an Korruption, die extrem hohen Lebenshaltungskosten", sagt ein Besucher. Ein anderer Anhänger kritisiert das Gesundheitssystem: "Ich fahre oft nach Mexiko für Arztbesuche."
Korruption werde von Wählern stärker wahrgenommen, so USA-Korrespondentin Claudia Bates bei ZDFheute live. Laut Umfrage sei die Unzufriedenheit darüber die höchste seit 20 Jahren.
28.10.2026 | 12:41 minAngst reicht bis in die Kirche
Auch bei Pastorin Merelda Gonzalez im äußersten Süden von Texas geht es um die Folgen der Abschiebepolitik. Ihre Kirchengemeinde erlebt die Verunsicherung unmittelbar. "Die Mütter sorgen sich, dass die Männer von der Arbeit nicht mehr nach Hause kommen. Das ist hier Realität." Selbst zur Kirche kommen ICE-Beamte. Manche Gläubige bleiben deshalb fern. Auch die Lebensmittelausgabe erreicht weniger Menschen, obwohl viele dringend Hilfe brauchen.
Politisch ist die Pastorin hin- und hergerissen. Abtreibung ist für sie tabu und ein wichtiges Thema. Zugleich sorgt sie sich um die Menschen in ihrer Gemeinde, die unter der Einwanderungspolitik leiden.
Bei den Kongresswahlen geht es um die Mehrheiten in beiden Kammern. In Texas könnte Demokrat James Talarico einen Senatssitz gewinnen, den seine Partei seit Jahrzehnten nicht erobert hat.
27.10.2026 | 2:30 minDie Latino-Wählerschaft ist keine geschlossene Gruppe. Herkunft, Religion, wirtschaftliche Interessen und die Haltung zu Migration prägen ihre Entscheidungen unterschiedlich. Doch in einem knappen Rennen können schon kleine Verschiebungen große Wirkung entfalten. Texas wird zeigen, ob Trump jene Wähler halten kann, die ihm 2024 geholfen haben - oder ob seine Politik sie nun gegen ihn aufbringt.
- 20 Prozent der Wahlberechtigten in den USA gelten als Latinos, etwa 36 Millionen Menschen. Sie sind die zweitgrößte ethnische Wählergruppe nach Weißen. In Texas machen sie gut 40 Prozent aus und sind damit die größte ethnische Gruppe.
- Etwa 48 Prozent der Latino-Wähler stimmten 2024 für Trump – deutlich mehr als 2020 (36 Prozent) und 2016 (28 Prozent).
- 74 Prozent der registrierten Latino-Wähler sagen laut Pew Research Center im Oktober 2026, Trumps Wirtschaftspolitik habe die wirtschaftliche Lage verschlechtert.
- 62 Prozent finden, die Regierung gehe bei Abschiebungen zu weit.
- Die Wirtschaft bleibt das wichtigste Thema: 86 Prozent nennen sie als sehr wichtig für ihre Wahlentscheidung bei den Kongresswahlen 2026.
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