«Hysterische Panik»: Huthi-Vorstoss zwingt Tausende zur Flucht

- Die Huthi-Miliz hat die gesamte jemenitische Westküste eingenommen und kontrolliert damit de facto die Meerenge Bab al-Mandab.
- Damit gerät eine zweite wichtige Meerenge neben der Strasse von Hormus unter Druck, was die Ölpreise erneut steigen lässt.
- Seit Anfang September wurden aufgrund der Kämpfe bereits über 80’000 Menschen im Jemen zur Flucht gezwungen.
107 Dollar für ein Fass der Sorte Brent. In Europa schauen wir am Montagmorgen auf die Ölpreise und fragen uns, was der kommende Winter kosten wird. Im Jemen stellen sich die Menschen gerade eine andere Frage: Reicht die Zeit, um zu fliehen?
Als die Huthi-Miliz entlang der Küste nach Süden vorrückte, habe Alaa Ali Salem seine Frau und Kinder auf ein Motorrad gesetzt. Sie seien in «hysterischer Panik» losgefahren, ohne zu wissen, wohin, berichtete er der Nachrichtenagentur AP. Die Strassen seien plötzlich voller Menschen gewesen. «Dann ist das Motorrad umgekippt. Meine Frau, meine Kinder und ich selbst sind alle verletzt worden.»

Einwohner öffnen Häuser für Obdachlose
Die Familie ist eine von Tausenden im Jemen, die ihre Häuser aufgrund der militärischen Eskalation fluchtartig verlassen mussten. Die Huthi-Miliz rückte zuletzt durch mehrere bewohnte Gebiete nach Süden vor. Zugleich griffen die von Saudi-Arabien unterstützten Truppen Huthi-Stellungen aus der Luft an. Viele Familien fürchteten, zwischen die Fronten zu geraten oder durch blockierte Strassen eingeschlossen zu werden. Innerhalb weniger Tage brachte die Miliz die gesamte Westküste unter ihre Kontrolle. Und damit de facto auch die Meerenge Bab al-Mandab. Für den Welthandel ist sie eine Route, deren Ausfall Ölpreise und Lieferketten treffen kann. Für die Menschen an der jemenitischen Küste ist sie Teil einer umkämpften Front.
Der Konflikt im Jemen
Der Bürgerkrieg begann 2014, als die Huthi die Hauptstadt Sanaa und grosse Teile des Nordens einnahmen. Die international anerkannte Regierung floh nach Aden, 2015 griff eine von Saudi-Arabien geführte Militärkoalition auf ihrer Seite in den Krieg ein. Seither ist das Land weitgehend geteilt: Die Huthi kontrollieren den Norden und die Hauptstadt, die Regierung und verbündete Gruppen Teile des Südens. Eine von der UNO vermittelte Waffenruhe brachte 2022 eine vorübergehende Beruhigung. Mit dem jüngsten Vormarsch der Huthi entlang der Westküste und den neuen Angriffen beider Seiten ist sie praktisch zusammengebrochen.
Die Huthi gelten als enge Verbündete Irans und wurden von Teheran unterstützt. Ihr jüngster Vormarsch fällt in eine Phase, in der der Iran-Krieg bereits die Strasse von Hormus blockiert und die Golfregion destabilisiert. Damit geraten zwei zentrale Schifffahrtswege gleichzeitig unter Druck. Eine direkte Beteiligung an der Offensive im Jemen weist Teheran jedoch zurück: Die Huthi seien unabhängige Akteure und träfen ihre Entscheidungen selbst, erklärte das iranische Aussenministerium.

Für die Bevölkerung hat der jahrelange Krieg verheerende Folgen. Nach Schätzungen der UNO wurden rund 150’000 Menschen getötet; zerstörte Infrastruktur, Blockaden und eine schwache Wirtschaft erschweren die Versorgung mit Lebensmitteln, Trinkwasser und Medikamenten. Millionen sind auf humanitäre Hilfe angewiesen, viele wurden bereits mehrfach vertrieben.
Manche Fliehende fanden Schutz in der Hafenstadt Aden, wo Einwohner ihre Türen für die Vertriebenen geöffnet hätten. In den Räumen lägen Kinder auf dünnen Matratzen, zwischen ihnen die wenigen Dinge, die ihre Familien hätten mitnehmen können. An einer Wand lehnten Krücken. Ältere Menschen versuchten bei mehr als 30 Grad zu schlafen, während ein Ventilator die schwere Luft bewegte.
«Hatte Angst, dass meine schwangere Tochter stirbt»
Durrah Ali Hassan floh ebenfalls nach Aden, zu Verwandten. Soldaten hätten zum Rückzug aufgerufen, während überall Kugeln geflogen seien, schilderte sie der Nachrichtenagentur unter Tränen. Einer ihrer Söhne habe seine Kinder auf ein Motorrad gesetzt und sei davongefahren. Sie selbst habe um ihre schwangere Tochter gebangt, die bereits Blutungen gehabt habe. «Ich hatte solche Angst, dass die Strassen blockiert werden könnten und meine Tochter sterben würde.» Inzwischen liege ihre Tochter im Spital – im Koma.
Die Internationale Organisation für Migration (IOM) zählte am 13. September 85’818 Vertriebene; 82’164 von ihnen seien allein seit Monatsbeginn geflohen. Besonders betroffen seien die Orte Taiz, Lahj und Hudaida. Viele Familien hätten in zwölf Jahren Konflikt bereits zum zweiten oder dritten Mal alles zurücklassen müssen. Mehr als 2000 Menschen hätten sich über das Meer bis nach Dschibuti gerettet, darunter viele Frauen und kleine Kinder.
Die Lage bleibe weiterhin instabil und unvorhersehbar. Gleichzeitig sei unklar, ob und wie lange die Huthi die neu eingenommenen Gebiete halten könnten. Laut dem Sprecher einer jemenitischen Miliz, die mit der Regierung verbündet ist, sind diese schweren Bombardierungen ausgesetzt. Die Offensive sei für die Huthi deshalb eine «Katastrophe» und werde ihr Ende im Jemen einläuten. «Es gibt jetzt die Gelegenheit, sie zu zermürben», so Asil al-Sakaladi von den sogenannten Riesen-Brigaden.
Carolin Teufelberger (cat) arbeitet seit 2024 für 20 Minuten als Redaktorin beim Ressort News, Wirtschaft & Videoreportagen.
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