Drohnen gegen Bücher – Wie der russische Krieg die ukrainische Verlagsbranche zerstört

Die Stille im ehemaligen Lagerhaus in Charkiw, im Osten der Ukraine, wird vom Rhythmus der Wassertropfen durchbrochen, die aus den herausgerissenen Rohrleitungen tropfen. Überall am Boden liegen Hunderte Bücher, ganze verkohlte Stapel.
«Wir befinden uns am Ort, an dem fast alle unsere Bücher waren», sagt Viktor Kruglow, Verleger und Geschäftsführer von Ranok, dem führenden ukrainischen Verlag für Kinder- und Schulbücher. Von hier aus wurden jedes Jahr Schulbücher für fast alle Primar- und Sekundarschulen der Ukraine vorbereitet und verschickt.
Der Buchverleger Kruglow zeigt sein zerstörtes Lager in Charkiw::
Etwa fünfzig Angestellte waren an der Arbeit, als am 1. August um elf Uhr zwei russische Kampfdrohnen einschlugen. Die Flammen brachten einen Teil des Gebäudes zum Einsturz. Acht Millionen Bücher wurden zerstört.
Die Hauptstadt des Buchs
«Charkiw ist wahrscheinlich die wichtigste Stadt, weil sie die sogenannte Hauptstadt des ukrainischen Druckwesens ist», erklärt Bohdana Layuk, stellvertretende Kulturministerin der Ukraine. «Seit der Sowjetzeit sind die wichtigsten Druckereien in Charkiw geblieben.»
Der Angriff im August war kein Einzelfall: Russland hat in den vergangenen Wochen Druckereien, Depots und Lagerhäuser im ganzen Land angegriffen. Mitte August zerstörte ein Raketenangriff den ältesten und grössten Buchmarkt Kiews, den Petriwka, und vernichtete fast vollständig ein Vertriebszentrum für Bücher direkt neben dem Markt.
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Bild 1 von 4. Das zerstörte Lagerhaus des Verlegers Viktor Kruglow in Charkiw. Bildquelle: Vincenzo Leone.
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Bild 2 von 4. Stapelweise verbrannte Bücher liegen auf dem Gelände. Bildquelle: Vincenzo Leone.
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Bild 3 von 4. Ein zerstörter Büchermarkt in Kiew. Bildquelle: Vincenzo Leone.
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Bild 4 von 4. Verkohlte Überreste von Büchern in Kiew. Bildquelle: Vincenzo Leone.
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«Hier hatten wir ein Büro, ein Lagerhaus und das Lager des Online-Shops», berichtet Anton Martynow, Gründer und Geschäftsführer des Verlags Laboratory. Er befindet sich in Kiew im Urlaub. Seit 2024 kämpft er in der Armee.
Nach Schätzungen des Kulturministeriums wurden in diesen Wochen insgesamt 13 Millionen Bücher durch russische Angriffe zerstört. Der wirtschaftliche Schaden wird auf etwa 26 Millionen Franken geschätzt.
«Die wirtschaftlichen Verluste sind sicherlich enorm», sagt Bohdana Layuk vom Kulturministerium. «Stellen Sie sich eine beliebige Industrie vor, die mindestens ein Drittel von sich selbst verliert. Es betrifft das Geld, das in neue Projekte, in Löhne, in neue Stellen und so weiter investiert werden kann.»
Wenn ein Verlag scheitert, verschwindet auch ein Stück Kultur des Landes. «Ich denke, das ist eine der strategischen Linien der Russen: alles zu zerstören, was die ukrainische Kultur aufbaut, und die ukrainische Kultur baut im Wesentlichen unseren Widerstand auf», sagt Buchverleger Martynow.
Ich denke, das ist eine der strategischen Linien der Russen: alles zu zerstören, was die ukrainische Kultur aufbaut.
In einer Buchhandlung in Kiew steht am Eingang ein Regal mit Büchern. «Hier sind die Verlage, die aufgrund einer russischen Rakete Schäden erlitten haben. Unterstützen Sie ukrainische Produkte!», steht auf einem mit Filzstift beschriebenen Schild.
«Die Reaktion der Öffentlichkeit ist sehr wichtig», betont Bohdana Layuk vom Kulturministerium. «Ich glaube, die Menschen reagieren so stark auf diese Situation, weil das Lesen eines Buchs etwas ist, das zum normalen Alltag gehört.» Auf Ukrainisch zu lesen, ist in einem Land, das von Russland überfallen wurde, auch eine Frage des Überlebens der eigenen Identität.
Bevor er wieder an die Front zurückkehrt, sagt der Buchverleger Martynow: «Die grösste Herausforderung wird jetzt sein, diesen schwierigen Winter zu überstehen, den wir erwarten, vielleicht ohne Strom, vielleicht mit sehr vielen Raketenangriffen. Durchzuhalten und weiterhin Bücher zu veröffentlichen.»
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