Sie berichtete live vom Brand – So erlebte eine junge Reporterin die Schweizerhalle-Katastrophe

Die Chemiekatastrophe in Schweizerhalle jährt sich zum 40. Mal. Die damals 19‑jährige Cathy Flaviano ist Zeitzeugin und für Radio Basilisk live vor Ort. Heute rekonstruiert sie, wie aus ersten Meldungen über einen angeblichen «Schwelbrand» eine der grössten Umweltkatastrophen der Schweiz wurde.
01.11.2026, 13:09
Zuletzt war Cathy Flaviano vor genau 40 Jahren hier. Gemeinsam mit dem SRF-Podcast «Geschichte» ist die ehemalige Radioreporterin nun an den Ort zurückgekehrt, an dem sich in der Nacht auf den 1. November 1986 die grösste Geschichte ihrer jungen Karriere abgespielt hat. Damals ist sie erst 19 Jahre alt und arbeitet bei Radio Basilisk.
Aus der Geburtstagsfeier wird ein Katastropheneinsatz
Das Basler Lokalradio feiert in jener Nacht seinen dritten Geburtstag. Eigentlich hätte sie Feierabend, möchte aber noch kurz mit der Nachtschicht anstossen. Kurz nach Mitternacht klingeln die Telefone in der Redaktion. Hörerinnen und Hörer melden ein Feuer in Schweizerhalle.
Flaviano fragt bei den Behörden nach. Dort ist die Rede von einem Schwelbrand. Flaviano wird misstrauisch. Hätten sich Hörer bei einem Schwelbrand tatsächlich gemeldet? Obwohl ihre Schicht längst vorbei ist, fährt sie Richtung Schweizerhalle, um sich selbst ein Bild zu machen.
«Ein Riesenbrand»
Schon von weitem sieht sie das riesige Feuer. Von einem Schwelbrand kann kaum die Rede sein: «Es war ein Riesenbrand.» Am Werkstor wird sie nicht aufs Gelände gelassen. Also sucht sie eine Telefonkabine. Handys gibt es noch nicht. Von dort berichtet sie live ins Radiostudio zurück.
Ihre Schilderungen gehören zu den ersten Augenzeugenberichten überhaupt. Sie beschreibt riesige Flammen und eine schwarze Rauchwolke über dem Brandherd. Für viele Menschen in der Region wird Radio Basilisk in dieser Nacht zur wichtigsten Informationsquelle. In der Redaktion läuft die Berichterstattung heiss, sogar Chefredaktor Urs Hobi kommt mitten in der Nacht ins Studio und hilft bei den Recherchen.
Niemand weiss, wie gefährlich die Lage ist
Während die Feuerwehr gegen das Feuer kämpft, wächst die Unsicherheit. Die Bevölkerung wird aufgefordert, Fenster und Türen geschlossen zu halten. Die Behörden wissen selbst nicht genau, welche Stoffe sich in der Rauchwolke befinden und wohin sie zieht.
Die Chemie-Katastrophe von Schweizerhalle
Anfang Bildergalerie
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Bild 1 von 4. Bei der Chemiefirma Sandoz geriet am 1. November 1986 eine Lagerhalle in Brand. Warum, ist bis heute nicht abschliessend geklärt. Bildquelle: Keystone / Silvio Mettler.
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Bild 2 von 4. In der zerstörten Lagerhalle befanden sich über 1000 Tonnen Insektizide und Pflanzenschutzmittel. Das rote, giftige Löschwasser gelang direkt in den Rhein. Bildquelle: Keystone / Gardin.
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Bild 3 von 4. Die Pestizide führten zu einer massiven Verschmutzung des Rheins. Die blutrote Farbe zog kilometerlang flussabwärts. Der Oberlauf des Rheins war danach biologisch nahezu tot. Bildquelle: Keystone / Michael Kupferschmidt.
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Bild 4 von 4. Mehr als 150'000 Aale starben im Rhein nach dem Unglück. Hier sammelt ein Mann tote Aale bei Iffezheim in Baden-Baden aus dem Fluss. Bildquelle: Keystone / Michael Kupferschmidt.
Ende der Bildergalerie
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Flaviano erlebt die widersprüchlichen Informationen aus nächster Nähe, als sie wenig später in das inzwischen kurzfristig eröffnete Pressezentrum im Industriegebiet fährt.
Dann betritt ein Feuerwehrmann den Raum. Der Brand ist inzwischen weitgehend unter Kontrolle. Der Mann nimmt seinen schweren Schutzhelm ab, schaut sich um und sagt: «Hier drin stinkt es.» Danach öffnet er die Fenster. Für Flaviano ist das ein Schlüsselmoment.
Gerade noch wird über mögliche Gefahren gesprochen. Gleichzeitig reisst ein Feuerwehrmann die Fenster auf, als wäre nichts. «Das ist der einzige Moment gewesen, in dem ich mir Gedanken um meine Gesundheit gemacht habe.»
Entwarnung am Morgen
Erst kurz nach sieben Uhr morgens kommt die Entwarnung. Die Rauchwolke sei unangenehm, aber für die Bevölkerung nicht gefährlich. Geblieben ist vor allem der Geruch.
Nach einer durchgearbeiteten Nacht gönnt Cathy Flaviano sich in einer Basler Confiserie einen Kaffee und ein Gipfeli. Als sie später zu ihrem Auto zurückkehrt, wartet dort bereits die nächste Überraschung: eine Parkbusse.
Für sie noch heute ein surrealer Moment: «Irgendjemand hatte tatsächlich noch das Bedürfnis nach Normalität und hat einfach seinen Job gemacht, als wäre nichts gewesen.»
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