Eine gut gemeinte Frage zu Gspänli setzt Kinder unter Druck

Die ersten Wochen im neuen Schuljahr sind vorbei. Vielleicht erzählt dein Kind inzwischen von Mitschülerinnen und Mitschülern, die es mag, wird zu Geburtstagspartys eingeladen oder verabredet sich nach der Schule zum Spielen. Vielleicht ist das aber auch nicht der Fall und bei dir wächst die Sorge: Ist mein Kind ein Aussenseiter?
Dabei lohnt es sich, die Situation zuerst genau zu beobachten. «Ein Kind mit einer einzigen engen Freundschaft kann sehr gut eingebunden sein», sagt Familienberaterin Daniela Baudin. Umgekehrt schützten auch viele Kontakte nicht automatisch vor Einsamkeit. Entscheidend sei deshalb weniger, wie sozial erfolgreich ein Kind von aussen wirke, sondern wie es seine Situation selbst erlebe.
Über die Expertin
Wenige Freundschaften sind nicht gleich ein Problem
Fällt auf, dass ein Kind kaum von Gspänli erzählt, ist die Sorge schnell da – und Eltern fragen sich, warum ihr Nachwuchs keine Freunde hat. Gerade Erwachsene hätten oft klare Vorstellungen davon, wie ein gut integriertes Kind sein sollte: Es wird eingeladen, verabredet sich und hat viele Freundinnen und Freunde. «Solche Bilder können, meist unbeabsichtigt, zusätzlichen Druck erzeugen», sagt Baudin. Nicht jedes Kind brauche gleich viele Kontakte oder wolle seine Freizeit ständig mit anderen verbringen.
Eltern sollten sich deshalb fragen:
- Fühlt sich mein Kind wohl?
- Gibt es jemanden, mit dem es gerne zusammen ist?
- Kann es in der Schule es selbst sein?
- Fühlt sich mein Kind häufig allein und würde eigentlich gerne dazugehören?
Denn auch für Kinder ist es nicht selbstverständlich, neue Freundschaften zu schliessen. Temperament, Sensibilität und das Bedürfnis nach Nähe und Rückzug unterscheiden sich. Gleichzeitig spiele die Zusammensetzung einer Klasse eine Rolle. «Dass ein Kind keinen Anschluss findet, sagt deshalb nicht automatisch etwas über seine sozialen Fähigkeiten aus», sagt die Familienberaterin. Aussagen wie «Du musst einfach selbstbewusster werden» seien entsprechend mit Vorsicht zu geniessen.
War es für dich als Kind leicht, Freunde zu finden?
«Warum hast du keine Freunde?» ist die falsche Frage
Was sollten Eltern tun, wenn sie den Eindruck haben, ihr Kind sei einsam? Baudin empfiehlt, zunächst die eigene Sorge von der Wahrnehmung des Kindes zu trennen. «Manchmal erleben Eltern ein Kind als einsam, während es selbst mit seiner Situation zufrieden ist.» Auch das Gegenteil könne vorkommen: Ein Kind wirke nach aussen gut integriert und fühle sich trotzdem allein.
Statt zu fragen: «Warum hast du eigentlich keine Freunde?», empfiehlt Baudin offene Fragen wie: «Wie ist es für dich in der Pause?», «Mit wem bist du dort gerne zusammen?» oder «Gibt es Situationen, in denen du dich allein fühlst?» Danach komme der schwierigere Teil: zuhören, ohne sofort zu bewerten oder Lösungen vorzuschlagen. «Bevor wir einem Kind helfen, sollten wir verstehen, was es selbst erlebt», sagt Baudin. Ein «Eigentlich bin ich gerne für mich» sei etwas ganz anderes als: «Ich möchte dazugehören, aber niemand lässt mich.»
So hilfst du deinem Kind, leichter Anschluss zu finden
Wünscht sich das Kind mehr Anschluss, können Eltern Gelegenheiten schaffen, ohne Freundschaften zu erzwingen. Baudin hat folgende Tipps:
- Kleine Treffen organisieren: Gerade bei jüngeren Kindern kann es helfen, zunächst nur ein einzelnes Kind aus der Klasse nach Hause einzuladen. «Eine Zweierkonstellation ist für manche einfacher als eine grosse Gruppe.»
- Gemeinsame Interessen nutzen: Sport, Musik, Tiere, Basteln oder Natur können den Kontakt erleichtern. Wichtig ist, sich daran zu orientieren, was das eigene Kind wirklich gerne macht.
- Keinen Druck aufbauen: Aus der Freundschaftssuche sollte kein Trainingsprogramm werden. Statt «Du musst jetzt hingehen und mit den anderen spielen» besser fragen: «Wenn du möchtest, können wir gemeinsam überlegen, was dir den Kontakt leichter machen könnte.»
Eltern können begleiten, aber nicht alles abnehmen
Soziale Fähigkeiten wie Kontaktaufnahme, Zuhören, das Ausdrücken eigener Wünsche, das Erkennen von Grenzen, das Finden von Kompromissen und das Aushalten kleinerer Konflikte müssen sich bei Kindern erst entwickeln. All das kann helfen, Freundschaften zu schliessen.
Solche Fähigkeiten entwickeln sich nicht nur durch Erklärungen, sondern durch Erfahrungen mit anderen Menschen, inklusive Missverständnissen, Zurückweisungen und Streit. Das ist nicht immer einfach. Eltern könnten dabei zwei Botschaften gleichzeitig vermitteln: «Du musst dich nicht verbiegen, damit andere dich mögen.» Und: «Du darfst lernen, Beziehungen aktiv zu gestalten.»
Wann Eltern genau hinschauen sollten
Zeigt ein Kind über längere Zeit deutlich, dass es einsam ist, dazugehören möchte oder ausgeschlossen wird, sollten Eltern genauer hinschauen. Dann könne ein Gespräch mit der Lehrperson oder anderen Bezugspersonen in der Schule sinnvoll sein. Denn nicht jede soziale Schwierigkeit müsse ein Kind allein lösen. Erwachsene könnten helfen, Situationen einzuordnen und gemeinsam nach Möglichkeiten zu suchen.
Das Ziel sollte laut Baudin ohnehin nicht sein, das eigene Kind möglichst beliebt zu machen. «Wir können unseren Kindern nicht versprechen, dass sie immer dazugehören werden.» Eltern könnten aber vermitteln, dass eine schwierige soziale Phase nichts über ihren Wert als Mensch aussage.
Carolina Lermann (ler) arbeitet seit Mai 2023 für 20 Minuten. Sie ist Redaktorin für Body & Soul im Lifestyle-Ressort und schreibt über Erziehung, Sport und Psychologie.
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