Weltpolizist auf Rückzug? USA räumen immer mehr Basen

- Iranische Angriffe machten viele der 13 US-Hauptbasen in der Golfregion «unbewohnbar» – ein Wiederaufbau gilt teils als zu kostspielig.
- Gleichzeitig zieht Washington Truppen freiwillig aus Syrien, dem Irak und möglicherweise Europa ab.
- Über 1,3 Millionen aktive US-Soldatinnen und Soldaten bleiben laut Klemens Fischer insgesamt im Einsatz – von einem globalen Rückzug könne daher trotzdem keine Rede sein.
Von einem Tag auf den anderen waren sie plötzlich weg: Am vergangenen Sonntag zog das US-Militär in einer hastigen Aktion alle zwölf B-1B-Lancer-Bomber von ihrer Basis in Fairford in Grossbritannien ab. US-Präsident Trump sprach von einer «direkten Bedrohung» durch den Iran. Sein Vize JD Vance relativierte und sprach vom «höchstmöglichen Mass an Vorsicht», Aussenminister Marco Rubio ging weiter und sagte, dass solche «Truppenverschiebungen nicht unüblich» seien.
Wann – und ob – die schweren Bomber wieder von ihrem aktuellen Rückzugsort in den USA nach Europa zurückkehren, ist unklar. Die Aktion passt in ein grösseres Muster: Die USA ziehen sich von immer mehr ihrer globalen Basen zurück. Das Ende einer Ära?
Freiwillig und weniger freiwillig
In das Phänomen spielen zwei unterschiedliche Geschehnisse herein: freiwillige und weniger freiwillige Rückzüge. Trumps «Bedrohungs»-Aussage zufolge dürfte der Abzug der Bomber aus Fairford zur unfreiwilligen Kategorie zählen. Ähnlich sieht es bei gewissen Basen in den Golfstaaten aus:
- In Kuwait töteten iranische Raketen sechs US-Soldaten bei einem Angriff auf Port Shuaiba. Ein dort ansässiges Einsatzzentrum der Armee wurde dabei zerstört. Drohnen und Raketen beschädigten zudem den Ali-Al-Salem-Flugplatz und Camp Buehring.
- In Katar traf der Iran das regionale Luftwaffenhauptquartier auf dem Al-Udeid-Flugplatz.
- In Bahrain beschädigte er das Hauptgebäude der Fünften Flotte, in Saudi-Arabien den Prince-Sultan-Luftplatz.
Viele der 13 US-Hauptbasen in der Region werden mittlerweile als «unbewohnbar» bezeichnet. Gemäss Pentagon-Insidern ist der Schaden teilweise so gross, dass ein Wiederaufbau als zu kostspielig angesehen wird, wie die «New York Times» berichtet. In einigen Fällen wurde allerdings ein gewisses Mass an Betrieb wieder aufgenommen.
In anderen Fällen haben Trump und sein «Kriegsminister» Pete Hegseth mehr Kontrolle über den Rückzug. So haben die US-Streitkräfte Anfang Jahr ihren geplanten Rückzug aus Syrien durchgeführt. Ähnlich sieht es im Irak aus: Die letzten US-Truppen verliessen das Land Ende September. Ankündigungen der US-Administration deuten darauf hin, dass sich dieser Trend fortsetzen könnte. Wie seine Vorgänger will auch Trump den militärischen Fokus von Europa wegverschieben und die Truppenstärke auf dem Kontinent reduzieren.
Ende des Weltpolizisten?
Die Rückzüge erschweren dem US-Militär die Einsätze im Nahen Osten. Statt von Grossbritannien müssen die B-1B-Bomber nun von den Vereinigten Staaten selbst oder von ihrer Basis auf Diego Garcia im Indischen Ozean aus starten. Dennoch sei nicht von einem Rückgang der US-Militärmacht zu sprechen, sagt Klemens Fischer, Experte für internationale Politik. «Die USA sprechen zu Recht nicht von einem Rückzug, sondern von einer strategischen Umverteilung.»
Der neue Fokus liege auf dem Pazifik. «Eine Aufstockung der Auslandskontingente ist offenbar nicht angedacht, dementsprechend schichtet man um.» Dazu komme der geografische Vorteil des pazifischen Schauplatzes, welcher auch die Logistik erleichtere. «Ein genereller Rückzug der US-Militärmacht würde dann vorliegen, wenn sowohl die Truppenstärke als auch die materielle Ausstattung zurückgefahren würden. Beides ist jedoch nicht der Fall.»
Die Rückzüge aus Syrien und dem Irak betreffen nur einen sehr geringen Anteil der insgesamt über 1,3 Millionen aktiven Soldatinnen und Soldaten der US-Armee. Auch die möglichen Abzüge aus den Golfstaaten könnten nicht als richtiger Rückzug gewertet werden, «da es sich um Einsatztruppen handelt, die für diesen Krieg stationiert sind». Welche Truppenkontingente nach einem zukünftigen Ende des Krieges in dieser Region verbleiben, sei noch nicht entschieden.
Gespannte Zuschauer
Die Bewegungen werden von Gegnern und Alliierten der USA dennoch genau beachtet. «Der Iran kann jedenfalls noch nicht aufatmen, geschweige denn durchatmen», so Fischer. «Solange der aktuelle Kriegszustand nicht gelöst ist, werden die USA Teheran gegenüber ihre Präsenz aufrechterhalten müssen.» Aus russischer Sicht sei eine Verlagerung von US-Militärpersonal weg von Europa grundsätzlich positiv. «Es ist aber immer noch ausreichend Truppenstärke in Europa vorhanden, um Russland in dessen gegenwärtigem Zustand standhalten zu können.»
Für China sei eine Verlagerung des US-Schwergewichts eine Herausforderung, die mit einer Verstärkung der chinesischen Abwehrfähigkeit beantwortet werden müsse. «Alle drei Staaten müssen sich realistischerweise damit abfinden, dass die Gegenschlagskapazität der USA derart hoch ist, dass sie schwer abgefedert werden könnte. Das Ausnützen einer vermeintlichen Schwäche der USA würde keinem der drei Staaten zu einem strategischen Vorteil verhelfen.»
Für Europa bedeute ein derartiger Abzug eine militärische Schwächung, da mit dem Abzug des Personals auch die von ihm ausgeübten Fähigkeiten abgezogen würden. Für Trump selbst hingegen könnte sich ein Truppenabzug aus Europa innenpolitisch auszahlen. «Damit könnte er zumindest teilweise ein Wahlversprechen einlösen. Ein Rückzug aus der Golfregion wäre vergleichsweise schwerer zu argumentieren.»
Zum Experten
Klemens Fischer, geboren 1964, ist Professor für Internationale Beziehungen und Geopolitik an der Universität zu Köln. Von 1993 bis 2022 war er Angehöriger der österreichischen EU-Botschaft in Brüssel. Fischer publiziert regelmässig zu europäischem und internationalem Recht, internationalen Beziehungen und Lobbying.
Jan Janssen (jjn) arbeitet seit 2023 für 20 Minuten. Zuerst im Ressort Zürich und seit 2025 im Ressort News.
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