Aus Tradition wird Polit-Tool – Wie die Freiheitstrychler ein Kulturobjekt politisierten

Kuhglocken und Treicheln gehören zum Kulturerbe der Schweiz. Ihr Klang kann idyllische Landschaften, Kühe auf der Weide und alpine Traditionen heraufbeschwören.
In den letzten Jahren hat insbesondere die Treichel jedoch eine andere Konnotation erhalten: Die sogenannten Freiheitstrychler haben das Glockenläuten an Demonstrationen gegen die Pandemiemassnahmen in eine Stimme des Protests verwandelt – und so einem Objekt aus der ländlichen Welt einen politischen Wert gegeben.
«Die Treichel ist weder konservativ noch progressiv», sagt der Ethnologe Konrad Kuhn, der als Experte für Volkskultur an den Universitäten Basel und Innsbruck lehrt. Bei lokalen Bräuchen, wie beim «Ubersitz» im Berner Haslital, wo Treichler zwischen Weihnachten und Neujahr die bösen Geister vertreiben, oder beim Chalandamarz im Engadin, mit dem der Winter verabschiedet wird: «In diesen Fällen haben die Umzüge nie eine politische Konnotation», so Kuhn.
Es sei also vor allem der Kontext, der ihre Bedeutung bestimmt: «Es gibt einen grossen Unterschied, ob die Treichel gespielt wird, um die Fussball-Nationalmannschaft anzufeuern, oder bei einer Demonstration.»
Der Ethnologe weist darauf hin, dass die Landwirtschaft zwar einen Teil ihrer wirtschaftlichen Bedeutung verloren hat, viele ihrer Objekte aber weiterhin einen starken identitätsstiftenden Wert haben.
«In der Schweiz versucht die SVP, ihre Verbindung zum landwirtschaftlichen Umfeld zu stärken, indem sie dessen Symbole politisch instrumentalisiert», fährt Kuhn fort und erinnert daran, dass eine Tradition im Gegensatz zu einer Handelsmarke nicht geschützt ist.
«Anfang der Neunzigerjahre, während der Kampagne gegen den Beitritt der Schweiz zum Europäischen Wirtschaftsraum, marschierte Christoph Blocher an der Spitze von Gruppen mit grossen Treicheln», sagt Kuhn.
«Der Klang einer Treichel ist über die Jahrhunderte gleichgeblieben. Was sich ändert, ist die Bedeutung, die wir mit diesem Läuten verbinden», sagt Kuhn. «Wichtig ist, diese Symbole nicht auf eine rein politische Lesart zu reduzieren.»
Treichel oder Glocke?
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Treicheln oder Schellen werden aus Metallblech geschmiedet. Sie sind dadurch in der Regel leichter als Glocken, die aus Legierungen aus Kupfer und Zinn gegossen werden. Glocken kommen vorwiegend bei festlichen Anlässen zum Einsatz und sind auf der Weide eher selten zu sehen.
Genau das sei während der Pandemie geschehen, als eine kulturelle Praxis verwendet wurde, um eine ganz bestimmte Position zu unterstützen. Eine Aneignung, die der Ethnologe als problematisch betrachtet: «Kulturelle Praktiken gehören allen und sollten offen und inklusiv bleiben. Wenn sie zu Instrumenten der Spaltung werden, ist das nicht nur ein politisches Problem. Wenn sie mit einer Protestbewegung in Verbindung gebracht wird, läuft eine Tradition Gefahr, an Interesse zu verlieren und mit der Zeit zu verschwinden.»
Der Kampfsport Schwingen, der sich in der Deutschschweiz grosser Beliebtheit erfreut, ging den umgekehrten Weg. «Früher war dieser Sport fast ausschliesslich jenen vorbehalten, die seit Generationen Schweizer Wurzeln hatten», sagt Kuhn.
«In den letzten Jahren hat er sich auch für Athleten mit Migrationsgeschichte geöffnet und an Attraktivität gewonnen.» Ein Prozess, von dem der Ethnologe hofft, dass er sich in der Welt der Treichler wiederholen kann, damit sie sich vom Etikett befreien können, das ihnen einige Gruppen angeheftet haben.
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