Bieler Gratiszeitung am Ende – 86-jähriger Zeitungsgründer: «Ich bin natürlich ein Dinosaurier»

Bieler Gratiszeitung am Ende 86-jähriger Zeitungsgründer: «Ich bin natürlich ein Dinosaurier»
Vor fast fünfzig Jahren sorgte Mario Cortesi mit seiner Gratiszeitung in Biel für Aufsehen. Nun ist Schluss. Ein Blick auf eine bewegte Geschichte.
Es ist früher Vormittag. Mario Cortesi hat bereits eine Filmkritik für die Gratiszeitung «Biel Bienne» fertig geschrieben. Am Nachmittag wartet die nächste Kinovorstellung für einen weiteren Text.
Sich zurückzulehnen, kommt für den 86-Jährigen nicht infrage. «Ich bin wahnsinnig unter Druck, damit alles rechtzeitig für unsere Filmseite bereit ist.»
Cortesi hat die Wochenzeitung 1978 zusammen mit anderen gegründet. Nun endet nach fast fünfzig Jahren die Geschichte von «Biel Bienne». Ende Jahr erscheint die letzte Ausgabe der zweisprachigen Zeitung.
Ein Gegenpol zum Bieler Traditionshaus
Damals war die Stadt Biel mit dem «Bieler Tagblatt» medial fest in der Hand des Gassmann-Verlags. «Andere Meinungen hatten keinen Platz. Mit unserer Zeitung wollten wir dieses Monopol brechen», so Mario Cortesi.
Die Idee von Cortesi und seinen Mitstreitern: eine kostenlose, konsequent zweisprachige Zeitung in allen Briefkästen. Links Deutsch, rechts Französisch. «Wir sind mit Mut und mit einem Ziel gestartet, aber ohne Geld.»
Die ersten fünf Jahre seien besonders hart gewesen: «Wir haben unsere Journalisten schlecht bezahlt. Wir mussten schauen, dass wir irgendwie durchkommen.»
Wir sind mit Mut und mit einem Ziel gestartet, aber ohne Geld.
Schliesslich setzte sich die zweisprachige Gratiszeitung durch und wurde zu einer festen Grösse in der Region Biel. Anfang der 90er-Jahre folgte gar die Versöhnung mit dem Traditionsverlag Gassmann. Zusammen bauten sie den TV-Sender «Telebielingue» und den Radiosender «Canal 3» auf.
Ein Film mit finanziellen Folgen
Nicht nur als Gründer, Journalist und Verleger hat sich Mario Cortesi einen Namen gemacht, sondern auch als Filmkritiker und Filmemacher. «Als ich als Elfjähriger die Sommerferien bei meiner Tante im italienischen Parma verbrachte, entdeckte ich das Kino. Ich schaute vier Filme pro Tag.»
In den 80er-Jahren drehte er einen Anti-Raucherfilm und gewann damit mehrere Preise. Die Tabakindustrie hingegen war nicht erfreut. Das hatte auch für «Biel Bienne» Folgen.
Dieser Film verärgerte die Tabakbranche
«Philip Morris hat ab 1980 keine Inserate mehr gekauft. Das war ein grosser finanzieller Verlust, denn wir waren auf das Geld angewiesen.» Bereut habe er den Film dennoch nicht. «Wir haben gesagt: Das machen wir, auch wenn wir Geld verlieren.»
Print bis ganz zum Schluss
Auch beim digitalen Wandel blieb Mario Cortesi konsequent. Er besitzt bis heute kein Handy. «Ich bin natürlich ein Dinosaurier.» Auch «Biel Bienne» wurde nie digital: «Für uns als Redaktion war stets klar: Wir sind Print und wir halten als Print durch. Wenn es nicht mehr geht, hören wir auf.»
Ich höre erst auf zu schreiben, wenn ich keine Worte mehr finde.
Nun ist also Schluss, wie Gassmann Media Ende September mitgeteilt hat. Wegbrechende Inserate, verändertes Leseverhalten und steigende Verteilkosten setzten der Zeitung zu. «Ich bin traurig, geht es nicht mehr weiter. ‹Biel Bienne› war mein Leben. Aber gleichzeitig bin ich auch glücklich, dass wir so lange durchgehalten haben», sagt Cortesi.
Was nach dem Ende seiner zweisprachigen Gratiszeitung kommt, weiss Mario Cortesi noch nicht. Klar ist nur: Er will weiterschreiben. «Ich höre erst auf zu schreiben, wenn ich keine Worte mehr finde.»
Regionaljournal Bern Freiburg Wallis, 5.10.2026, 17:30 Uhr ; germ, stes; thon;brus
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