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Thursday, October 22, 2026

1746 Menschen starben 1986 über Nacht, ihre Häuser blieben unversehrt

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Das Drama vom Nyos-See

1746 Menschen starben 1986 über Nacht, ihre Häuser blieben unversehrt

Keine zerstörten Häuser, keine Spuren eines Kampfes: In Kamerun starben im Jahr 1986 innerhalb einer Nacht 1746 Menschen und rund 3500 Nutztiere. Verantwortlich war eine unsichtbare Gefahr aus einem Kratersee. Bis heute ist nicht restlos geklärt, was die Katastrophe auslöste.

Publiziert: vor 16 Minuten

Es war der 21. August 1986, gegen 21.30 Uhr, als die Bewohner mehrerer Dörfer im Nordwesten Kameruns ein dumpfes Geräusch hörten. Es klang wie eine Explosion oder ein Erdrutsch. Die meisten Menschen waren bereits zu Hause und ahnten nicht, dass ihnen eine tödliche Gefahr drohte.

Am nächsten Morgen bot sich den Rettungskräften ein Bild des Grauens. Auf Wegen, vor Haustüren und in Betten lagen die Leichen von Hunderten Menschen. Neben ihnen waren Kühe, Ziegen, Hunde und Hühner verendet. Die Häuser waren unversehrt, das Geschirr stand noch auf den Tischen. Nichts deutete auf einen Kampf oder eine gewaltsame Zerstörung hin.

Insgesamt kamen 1746 Menschen und rund 3500 Nutztiere ums Leben. Weitere 845 Menschen mussten im Spital behandelt werden.

Der Überlebende Joseph Nkwain verlor während der Katastrophe das Bewusstsein und erwachte erst am nächsten Morgen. Sein Gesicht war wie gelähmt, er konnte nicht sprechen. Neben ihm lag seine Tochter, die die Nacht nicht überlebt hatte. Als er nach draussen ging, fand er in seiner Nachbarschaft kaum noch jemanden, der am Leben war.

Plötzlich färbte sich der See dunkelrot

Auch der Nyos-See selbst hatte sich verändert. Das zuvor blaue Wasser war plötzlich dunkelrot. Der Wasserspiegel war um etwa einen Meter gesunken. An den Ufern zeugten niedergewalzte Pflanzen davon, dass eine gewaltige Wasserbewegung stattgefunden hatte.

Zunächst vermuteten Fachleute unterschiedliche Ursachen, darunter einen Vulkanausbruch oder eine Vergiftung. Einzelne Überlebende berichteten von ungewöhnlichen Gerüchen, was die Suche nach einer Erklärung zusätzlich erschwerte.

Was löste die Katastrophe aus?

Der Nyos-See liegt im Krater eines erloschenen Vulkans. Aus dem Untergrund drang über Jahrzehnte Kohlendioxid in das Wasser. In den tiefen Schichten sammelte sich das Gas unter hohem Druck, während sich das Wasser kaum mit den oberen Schichten vermischte.

Am Abend des 21. August geriet dieses Gleichgewicht aus dem Lot. Was genau den Vorgang auslöste, ist bis heute nicht abschliessend geklärt. Als mögliche Auslöser gelten unter anderem ein Erdrutsch am Kraterrand, eine Abkühlung des Oberflächenwassers oder ein natürlicher Prozess im See.

Dann geschah etwas, das sich mit dem Öffnen einer geschüttelten Sprudelflasche vergleichen lässt: Der Druck sank, das gelöste Gas entwich schlagartig. Schätzungen zufolge wurden dabei zwischen 100'000 und 300'000 Tonnen Kohlendioxid freigesetzt.

Eine unsichtbare Gaswolke wurde zur Todesfalle

Die Gaswolke stieg zunächst auf und breitete sich anschliessend in Bodennähe aus. Weil Kohlendioxid schwerer ist als Luft, sammelte es sich in Senken und Tälern. Die Wolke zog über eine Strecke von rund 23 Kilometern und erreichte mehrere Siedlungen.

Dort verdrängte das Gas die atembare Luft. In hoher Konzentration führt Kohlendioxid rasch zu Bewusstlosigkeit und kann tödlich sein. Da es farb- und geruchlos ist, konnten die Betroffenen die Gefahr nicht zuverlässig erkennen.

Viele Menschen starben, ohne rechtzeitig reagieren zu können. Wer sich auf höher gelegenen Stellen oder in erhöhten Gebäudeteilen befand, hatte bessere Überlebenschancen.

Kann sich die Katastrophe wiederholen?

Der Nyos-See war nicht der erste Ort, an dem ein solches Unglück geschah. Bereits 1984 waren am Monoun-See in Kamerun 37 Menschen durch eine ähnliche Gasfreisetzung ums Leben gekommen. Erst die Katastrophe von Nyos machte das Ausmass dieser Gefahr weltweit deutlich.

Um eine erneute Ansammlung grosser Gasmengen zu verhindern, wurden ab 2001 Entgasungsrohre im Nyos-See installiert. Sie transportieren Wasser aus tieferen Schichten an die Oberfläche, sodass das Kohlendioxid kontrolliert entweichen kann. Später kamen weitere Rohre hinzu.

Ein weiterer See bereitet Fachleuten Sorgen: der Kivusee an der Grenze zwischen Ruanda und der Demokratischen Republik Kongo. Auch dort lagern grosse Mengen gelöster Gase im Wasser. Rund um den See leben Millionen Menschen.

Die Tragödie am Nyos-See zeigt, dass selbst eine scheinbar friedliche Landschaft eine tödliche Gefahr bergen kann. Und dass die Natur manchmal Katastrophen auslöst, ohne sichtbare Spuren der Zerstörung zu hinterlassen.

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