Zwischen Bauplan und Realität – Wie baut man ein Stadtzentrum? Chur sucht seit Jahren den Weg

Zwischen Bauplan und Realität Wie baut man ein Stadtzentrum? Chur sucht seit Jahren den Weg
Platz für 6500 Einwohnerinnen und Einwohner sowie Arbeitsplätze sind geplant. Doch das lebendige Quartier lässt auf sich warten.
Auf dem Weg von Zürich über den San Bernardino in den Süden fallen sie auf: zwei weisse Türme am Churer Stadtrand.
Sie sollten der Auftakt zu einem zweiten Stadtzentrum sein – mit belebten Plätzen und Strassencafés. Doch noch bestimmen rundherum Garagen und Industriebauten das Bild.
«Wie soll Chur West in 20 Jahren aussehen?» Darüber liess die Stadt 2013 erstmals die Bevölkerung mitdiskutieren. Die Pläne wurden gross: Vorgesehen waren Platz für bis zu 6500 Einwohnerinnen und Einwohner sowie Arbeitsplätze. Doch 13 Jahre später wohnen erst 170 Menschen auf dem Areal.
War die Vision zu gross? Die Churer Gemeinderätin und ehemalige Tourismusdirektorin Leonie Liesch meint rückblickend, man sei womöglich «zu visionär» gestartet.
Eigener Boden mit fremden Baurechten
«Da kann man nicht zaubern», sagt Simon Gredig, inzwischen der dritte zuständige Bauvorsteher seit dem Mitwirkungsprozess von 2013. Zwischen dem Willen zum Bauen und einem bewilligungsfähigen Projekt liege viel Arbeit – auch weil die Stadt nur begrenzt über den Boden verfügen kann.
Laut dem Masterplan von 2023 gehört ihr rund ein Viertel des Entwicklungsgebiets. Doch selbst diese Flächen sind grösstenteils im Baurecht vergeben: Andere dürfen sie über eine vertraglich vereinbarte Dauer bebauen und nutzen.
Will die Stadt diese Flächen vor Ablauf der Verträge neu entwickeln, muss sie sich mit den Baurechtsnehmern einigen. Ein städtischer Plan allein genügt nicht.
Allerdings fehlte lange auch eine gemeinsame Vorstellung. Der Masterplan hielt 2023 fest, die Entwicklung sei bisher «sehr punktuell und eher zufällig» erfolgt. Wie das Quartier als Ganzes aussehen sollte, war trotz des Arealplans von 2017 noch ungenügend geklärt.
Ein Ja zum Bahnhof reicht nicht
Auch politisch ergibt sich das neue Zentrum nicht von selbst. 2022 bewilligte die Bevölkerung einen Bahnhofsausbau. Zwei Jahre später lehnte sie einen Grundstücktausch allerdings deutlich ab. Damit hatte die Stadt unter anderem Land für den Bahnhofsplatz sichern und die Eigentumsverhältnisse vereinfachen wollen.
Zustimmung zur grossen Vision garantiert also keine Mehrheit für jeden einzelnen Schritt.
Nun soll der neue Bahnhof Ende Jahr eröffnen. Ein drittes Hochhaus ist im Bau. Für Stadtrat Simon Gredig sind das wichtige Schritte, aber noch kein fertiges Zentrum: «Man kann nicht sagen, ab heute ist es ein Stadtzentrum und gestern war's noch keins.»
Ein weitgehend autofreies Quartier
Dabei soll sich der Charakter des Gebiets grundlegend ändern. Abseits bestimmter Erschliessungsstrassen und mit Ausnahmen für nötige Lieferfahrten soll Chur West frei vom motorisierten Verkehr werden. Parkplätze sind grösstenteils unterirdisch vorgesehen. Ein begrünter «Westweg» soll das neue Zentrum mit der Altstadt verbinden.
Bis dahin braucht es weiter Geduld. Der Stadtrat hofft, in 10 bis 15 Jahren deutlich weiter zu sein. Dass die Entwicklung Jahrzehnte beansprucht, war allerdings absehbar: Schon 2017 rechnete der Kanton mit einem Planungshorizont von 25 Jahren.
Die Frage ist deshalb nicht nur, weshalb Chur West noch kein lebendiges Zentrum ist. Sondern auch, ob die einzelnen Schritte rasch genug gelingen.
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