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Saturday, October 3, 2026

Guggenheim trainiert wieder – und träumt gross

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«Du bist extrem stur.» Claudia Guggenheim, 54, sieht ihre Tochter an. Delia, 23, fängt an zu lachen. «Mama – das ist das Erste, was dir über mich einfällt?» Auch Claudia muss schmunzeln. Dann wird sie ernst. «Ja. Aber genau das ist es. Diese Sturheit, dieser Ehrgeiz, diese Lebensfreude – das ist es, was dir jetzt hilft.»

Die beiden sitzen im Wohnzimmer ihres Hauses in Zumikon ZH. Die Hunde Kyra und Lou liegen auf dem Boden, draussen ist es still. Drinnen auch. Nur das leise Rollen des Rollstuhls, wenn Delia sich bewegt. Vor einem Jahr war hier noch alles anders.

Der Unfall

Der 30. März 2025 ist ein sonniger Tag. Delia sitzt auf ihrem Rennvelo, unterwegs auf einer Trainingsrunde. Eigentlich wie immer, sie ist Extremsportlerin, sucht die Herausforderung. Guggenheim rannte 253 Kilometer durch die Sahara, einen Halb-Ironman, erreichte Platz 4 bei der Swimrun-WM. «Sport war mein Leben. Und meine Beine mein wichtigstes Werkzeug.»

Auf einer geraden Strecke, fünf Minuten von ihrem Zuhause entfernt, passierts. Ein Auto erfasst sie von hinten. Mit 80 km/h. Die Fahrerin ist abgelenkt und steht unter starkem Drogeneinfluss. Delia erinnert sich nicht an den Moment des Unfalls. Nur an den Körper, der nicht mehr reagiert. «Ich wusste sofort, dass ich querschnittgelähmt bin. Und mich überkam eine unendliche Müdigkeit. Wenn ich dieser nachgegeben hätte, wäre ich gestorben», erzählt Delia.

Mama Claudia taucht 15 Minuten später am Unfallort auf. Delia sagt noch am Boden liegend zu ihr: «Ich gehe auch an die Paralympics. Aber ich will leben.» Dieser Satz gibt Claudia Kraft. «Ich hörte, dass ihr Lebenswille da ist. Und das war das Wichtigste.» Als Guggenheim im Spital ist, funktioniert Mutter Claudia nur noch. «Ich habe Wäsche gefaltet, Dinge aufgeräumt – einfach, um nicht zu zerbrechen.» Sie sucht Halt im Tun, während ihre Tochter stundenlang operiert wird. «Innerlich ist alles kaputt», sagt sie. «Und gleichzeitig würdest du als Mutter alles geben, um den Platz mit deinem Kind zu tauschen. Wirklich alles.» Delia überlebt. Aber ihr Leben ist ein anderes.

Die Reha

Die ersten Wochen sind geprägt von Schmerzen, Hilflosigkeit und einem Körper, der nicht mehr gehorcht. «Es hat sich angefühlt, als wäre ich in meinem eigenen Körper gefangen», sagt sie. In der Reha beginnt dann langsam etwas Neues. Zuerst hängen Fotos von früher an den Wänden. Erinnerungen an ein Leben auf zwei Beinen. «Die haben mich irgendwann traurig gemacht», sagt Delia. «Also habe ich sie ersetzt.» Neu hingen dort Bilder von Rollstuhlsportlern. Catherine Debrunner, Manuela Schär, Marcel Hug begleiten sie symbolisch durch diese Zeit.

Heute, ein Jahr später, sagt Delia: «Grundsätzlich geht es mir gut. Oder immer besser.» Und doch sind da diese Momente. Der erste Winter im Rollstuhl. Der erste Zürich Marathon, den sie nur noch von aussen erlebt. «Es ist ein lachendes und ein weinendes Auge», sagt sie. «Ich lebe noch und darf dabei sein. Aber es ist nicht mehr wie früher.»

Der Alltag ist komplizierter geworden. Jeder Weg muss geplant werden, jede Schwelle kann zur Hürde werden. «Früher bin ich einfach losgelaufen», sagt sie. «Dieses Freiheitsgefühl fehlt mir.» Was geblieben ist: die Menschen um sie herum. «Wir haben oft gehört, dass man in solchen Situationen Freunde verliert», erklärt Delia. «Bei mir war es genau umgekehrt.» Claudia nickt. «Deine Freunde sind unglaublich», sagt sie zu ihrer Tochter. «Sie machen einfach. Ohne grosses Nachdenken.»

Eine Szene ist Delia besonders geblieben. Ein Ausflug ins Technorama. «Da war eine Rutsche. Ich dachte: Das geht jetzt halt nicht mehr», erzählt sie. Ein Freund sieht das anders. Hebt sie hoch, setzt sie hin. «Er hat einfach gesagt: Hä, natürlich kannst du rutschen, warum solltest du nicht?» Delia lacht, als sie davon erzählt. «In solchen Momenten merkst du, dass viele Grenzen nur im eigenen Kopf sind.»

Der Sport

Heute trainiert Delia auch wieder. Zwei- bis dreimal pro Woche fährt sie nach Nottwil, sitzt im Rennrollstuhl. «Du bist auf der Bahn, kommst kaum vorwärts – und dann fährt Marcel Hug einfach an dir vorbei. Siebenmal», sagt sie und lacht. «Es fühlt sich an, als würdest du neben Usain Bolt joggen! Aber es macht mir grosse Freude, denn der Sport ist wieder Teil meines Lebens.»

Erste Marathons hat sie bereits im Rollstuhl absolviert. Vielleicht seien sogar die Paralympics 2032 möglich. Wer weiss? Auch Claudia sieht ihre Tochter heute mit anderen Augen. Und sagt zu ihr: «Ich bin unglaublich stolz. Du gehst raus, du wagst Dinge, du verkriechst dich nicht.» Sie macht eine kurze Pause. «Du schenkst dir dein Leben selbst.»

Ganz verschwunden sind die schweren Gefühle aber nicht. Als sich der Unfall diesen Frühling zum ersten Mal jährt, wacht Claudia nachts auf. Um vier Uhr morgens. «Ich hatte eine Wut im Bauch auf die Fahrerin, wie ich sie noch nie in meinem Leben hatte», sagt sie. Sie steht auf, zieht die Laufschuhe an und rennt los. 20 Kilometer durch die Dunkelheit. «Danach wurde es besser.» Delia kann das nicht mehr. Sie erlebt diesen Tag ruhiger. «Es hat mich zum Nachdenken gebracht», sagt sie. «Es ist schon ein Jahr her – und gleichzeitig irgendwie auch erst ein Jahr. Aber ich bin froh, dass ich nie wirklich in ein grosses Loch gefallen bin.»

Der Prozess

Im Januar fand der Prozess gegen die Autofahrerin statt. Das Urteil: elf Monate bedingt. Delia sagt, es sei für sie zu milde gewesen. «Ich bin keine Juristin, aber ich finde es nicht wahnsinnig abschreckend für andere Autofahrer.» Wut empfinde sie keine. Oder fast keine. «Das würde mir nur Energie nehmen. Und es bringt meine Lauffähigkeit auch nicht zurück.»

Ihre Mutter stimmt zu: «Wir wollen keine Gedanken mehr an diese Person verschwenden. Ich wünsche Delia, dass sie genauso weitermacht. Dass sie so mutig bleibt. Ihre Grenzen verschiebt. Und gross träumt.» Liebevoll schaut sie zu ihrer Tochter. Delia lächelt. Und sagt: «Danke Mama. Das werde ich!»

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