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Sunday, October 25, 2026

«Ein Uniabschluss war nie eine Garantie für eine gute Stelle»

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  • In der Schweiz sind Tausende Hochschulabsolventen arbeitslos, darunter rund 18’500 mit Masterabschluss.
  • Laut Ökonom Rafael Lalive stellen Firmen wegen wirtschaftlicher Unsicherheit zurückhaltender ein, was Berufseinsteiger trifft.
  • Praktika können zum Problem werden, wenn sie reguläre Einstiegsstellen ersetzen und die Löhne unter Druck setzen.
  • Lalive sieht in künstlicher Intelligenz ein Risiko für den Berufseinstieg, hält einen Uniabschluss aber weiter für sinnvoll.

Tausende Hochschulabgängerinnen und -abgänger sind in der Schweiz arbeitslos – darunter rund 18’500 mit Masterabschluss. Arbeitsmarktexperte Rafael Lalive erklärt, warum der Berufseinstieg schwieriger geworden ist, weshalb Praktika zum Problem werden können und welche Rolle künstliche Intelligenz spielt.

Rafael Lalive, wir haben derzeit Tausende arbeitslose Akademikerinnen und Akademiker – ist das erst der Anfang?

Es ist durchaus möglich, dass die Arbeitslosigkeit unter Akademikern weiter steigt. Eine grosse Arbeitslosenwelle halte ich derzeit allerdings nicht für das wahrscheinlichste Szenario. Die Nachfrage nach gut ausgebildeten Arbeitskräften bleibt bestehen, könnte sich aber in einigen Berufsfeldern deutlich abschwächen.

Eine grosse Arbeitslosenwelle unter Akademikern hält Lalive derzeit für unwahrscheinlich, langfristige Probleme in einzelnen Berufsfeldern schliesst er aber nicht aus. (Symbolbild)

Eine grosse Arbeitslosenwelle unter Akademikern hält Lalive derzeit für unwahrscheinlich, langfristige Probleme in einzelnen Berufsfeldern schliesst er aber nicht aus. (Symbolbild)20min/Vivian Waldvogel

Vor wenigen Jahren herrschte Fachkräftemangel. Jetzt finden Uniabgänger keinen Job. Was ist passiert?

Nach der Corona-Pandemie suchten viele Unternehmen dringend Personal. Heute herrscht in der Schweiz und in Europa mehr wirtschaftliche Unsicherheit. Unternehmen stellen zurückhaltender ein. Das trifft besonders junge Menschen mit wenig Berufserfahrung. Sie müssen beim Berufseinstieg mehr Kompromisse eingehen. Arbeitgeber wählen einen aus, nicht mehr umgekehrt.

Ist der Fachkräftemangel also vorbei?

Nicht überall. Es gibt weiterhin Berufe, in denen Personal fehlt. Der Mangel konzentriert sich aber stärker auf bestimmte Bereiche, etwa auf den Gesundheitsbereich. Gleichzeitig gibt es Berufsfelder, in denen viele junge Akademiker arbeiten möchten, aber nicht genügend Stellen vorhanden sind.

Das ist der Experte

Rafael Lalive ist Professor für Volkswirtschaftslehre an der Universität Lausanne. Er forscht unter anderem zu Arbeitsmarktfragen und beschäftigt sich mit Beschäftigung, Arbeitslosigkeit und den Auswirkungen wirtschaftlicher Veränderungen auf Arbeitnehmende.

Müssen Uniabgänger also ein Praktikum nach dem anderen absolvieren, um eine Festanstellung zu finden?

Praktika können den Berufseinstieg erleichtern, weil sie Erfahrung vermitteln und Kontakte schaffen. In einem angespannten Arbeitsmarkt müssen Absolventen aber möglicherweise mehrere Praktika absolvieren, bevor sie eine Festanstellung finden. Besonders problematisch wird es, wenn Unternehmen reguläre Einstiegsstellen durch Praktika ersetzen. Denn wenn sich viele Bewerber auf wenige Stellen bewerben, geraten auch die Löhne unter Druck.

Welche Rolle spielt künstliche Intelligenz?

KI verändert die Nachfrage nach bestimmten Tätigkeiten. Gerade Aufgaben, die bisher häufig von jungen Akademikern übernommen wurden, lassen sich zunehmend automatisieren. Das könnte den Berufseinstieg dauerhaft erschweren. Gleichzeitig entstehen durch neue Technologien neue Aufgaben. Noch wissen wir nicht, welcher Effekt überwiegen wird.

Wenn Uniabgänger keine Jobs finden, verliert ein Hochschulabschluss an Wert?

Ein Hochschulabschluss war nie eine Garantie für eine gute Stelle. Er bleibt aber im Durchschnitt eine wertvolle Investition. Absolventen haben weiterhin bessere Beschäftigungs- und Einkommensaussichten als Personen ohne tertiären Abschluss. Die Unterschiede zwischen Studienrichtungen und Berufsfeldern könnten jedoch zunehmen. Auch ein Masterabschluss schützt nicht davor, dass bestimmte Qualifikationen weniger gefragt sind.

Bilden die Universitäten am Arbeitsmarkt vorbei aus?

Universitäten müssen die Entwicklungen auf dem Arbeitsmarkt ernst nehmen. Wenn Absolventen bestimmter Studienrichtungen zunehmend Schwierigkeiten beim Berufseinstieg haben, sollten die Hochschulen reagieren. Sie dürfen sich aber nicht nur an den kurzfristigen Bedürfnissen der Unternehmen orientieren. Ein Studium bereitet auf ein Berufsleben von mehreren Jahrzehnten vor. Deshalb sind fundierte Fachkenntnisse und übertragbare Kompetenzen mindestens so wichtig wie unmittelbar anwendbares Wissen. Allerdings könnten Universitäten praktische Erfahrungen und den Austausch mit der Arbeitswelt stärker fördern.

Wie können sich Studierende auf den Berufseinstieg vorbereiten?

Sie sollten sich frühzeitig mit möglichen Berufsfeldern auseinandersetzen und bereits während des Studiums praktische Erfahrungen sammeln. Ebenso wichtig ist es, neue Technologien, insbesondere KI, aktiv kennenzulernen. Wer versteht, wie sich diese Werkzeuge produktiv einsetzen lassen, verbessert seine Chancen.

Hat die Schweiz langfristig zu viele Akademiker?

Ein generelles Überangebot an Akademikern ist derzeit nicht absehbar. Die Schweizer Wirtschaft wird auch künftig gut ausgebildete Fachkräfte benötigen. Allerdings könnte es in einzelnen Studienrichtungen und Berufen zu einem dauerhaften Ungleichgewicht zwischen Angebot und Nachfrage kommen. Besonders aufmerksam sollten wir beobachten, ob Unternehmen durch den Einsatz von KI weniger Berufseinsteiger benötigen. Sollte sich dieser Trend bestätigen, müssten Hochschulen und Arbeitsmarktpolitik darauf reagieren.

Lynn Sachs

Lynn Sachs (sac) arbeitet seit 2020 für 20 Minuten. Sie ist stellvertretende Leiterin des Ressorts News.

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