Parlamentsdienste – Ohne sie läuft nichts: Die heimlichen Helden im Bundeshaus

Wer ans Bundeshaus in Bern denkt, hat sofort vertraute Bilder vor Augen: Bundesrätinnen am Rednerpult, Politiker in den Wandelhallen oder hitzige Debatten im Nationalratssaal. Im Zentrum des Interesses stehen stets jene, die Politik machen.
«Wir hätten hier das reinste Chaos»
Während im National- und Ständerat debattiert, verhandelt und abgestimmt wird, sorgen im Hintergrund die Parlamentsdienste dafür, dass der parlamentarische Betrieb funktioniert. Sie organisieren, koordinieren und dokumentieren die Arbeit der eidgenössischen Räte. Sie schaffen damit die Voraussetzungen für einen funktionierenden Parlamentsbetrieb.
Mona mittendrin Im Bundeshaus – die stillen Kräfte hinter der Schweizer Politik
Dokus & Reportagen Laufzeit 37 Minuten.
«Ohne Parlamentsdienste hätten wir hier das reinste Chaos», sagt Nationalrätin Jacqueline Badran. Was die Zürcher Sozialdemokratin pointiert formuliert, beschreibt SVP-Bundesrat Albert Rösti als organisatorische Notwendigkeit. Der politische Betrieb im Bundeshaus sei eine «Riesenmaschinerie». Hinter jeder Session, jeder Kommissionssitzung und jeder Abstimmung steht ein grosser organisatorischer Aufwand.
Genau diese Aufgabe übernehmen die Parlamentsdienste. Rund 320 Mitarbeitende sorgen dafür, dass Geschäfte fristgerecht behandelt werden, Kommissionen arbeiten können und politische Entscheide ihren Weg durch den komplexen parlamentarischen Prozess finden.
Hinter den Türen der Macht
Ein grosser Teil der politischen Arbeit findet fernab der TV-Kameras hinter verschlossenen Türen statt. Denn bevor im National- oder Ständerat über ein Geschäft debattiert wird, landet es in der Regel in einer Kommission. Auch hier sind die Parlamentsdienste eine unverzichtbare Stütze des politischen Betriebs.
Man bekommt alles mit. Das macht es extrem spannend.
Die Mitarbeitenden der Kommissionssekretariate bereiten Sitzungen vor, erstellen Unterlagen und begleiten die Mitglieder fachlich durch oft komplexe Geschäfte. Sie sorgen dafür, dass parlamentarische Abläufe eingehalten werden und politische Entscheide fundiert vorbereitet sind.
Mara Schaffner absolviert ein einjähriges Hochschulpraktikum bei den Parlamentsdiensten und arbeitet im Kommissionssekretariat. Dadurch erhält sie einen Einblick in politische Prozesse, die der Öffentlichkeit meist verborgen bleiben.
«Man bekommt alles mit, oder zumindest fast alles. Das macht es natürlich extrem spannend, besonders wenn man am Abend nach Hause kommt, die Nachrichten hört und merkt ‹Ah ja, darüber haben wir heute gesprochen›. Das ist schon cool.»
Die Kommissionen seien ein zentraler Ort der politischen Meinungsbildung. «Man sucht dort nach einem Kompromiss, zu dem am Schluss alle zustimmen können», sagt Schaffner. Gerade weil die Beratungen nicht öffentlich stattfinden, entstehe Raum für vertiefte Diskussionen und politische Annäherungen.
Das Gedächtnis des Parlaments
Was in den Kommissionen vorbereitet und später in den Räten diskutiert wird, soll auch für kommende Generationen nachvollziehbar bleiben. Dafür sorgt ein weiterer Bereich der Parlamentsdienste: das amtliche Bulletin.
Seit mehr als 130 Jahren dokumentiert es die Debatten des Schweizer Parlaments. Jede Wortmeldung im National- und Ständerat wird festgehalten, überprüft und archiviert. Was heute selbstverständlich wirkt, ist eine anspruchsvolle Aufgabe. Zwar unterstützen inzwischen automatische Transkriptionssysteme und künstliche Intelligenz die Arbeit. Die Verantwortung für die korrekte Wiedergabe der Debatten liegt jedoch weiterhin bei den Redaktorinnen und Redaktoren.
«Wir dürfen ja nicht umschreiben», sagt Redaktorin Lea Dahinden. Ziel sei es, Aussagen so präzise wie möglich wiederzugeben, ohne deren Sinn zu verändern. Gerade bei spontanen Wortmeldungen oder verschachtelten Formulierungen sei dies oft anspruchsvoller, als es auf den ersten Blick erscheine.
Die Arbeit verlangt zudem politische Neutralität. Dahinden dokumentiert Aussagen unabhängig davon, ob sie ihre persönliche Meinung teilt oder nicht. «Es ist schwierig bei 246 National- und Ständeräten, dass alle das Gleiche gut finden wie ich. Das ist zwangsläufig so, aber das stört mich auch nicht.»
Herausforderung Mehrsprachigkeit
Diese politische Neutralität prägt die Parlamentsdienste insgesamt. Sie begleiten den parlamentarischen Prozess, ohne selbst Teil der politischen Auseinandersetzung zu sein. Neutralität und Professionalität sind auch in einem weiteren Bereich gefragt: bei den Dolmetschdiensten.
Wir sind immer froh, wenn jemand frei spricht und Pausen macht.
Denn die Schweiz debattiert mehrsprachig. Im Nationalrat sprechen Parlamentarierinnen und Parlamentarier in der Regel in ihrer Muttersprache. Damit alle den Diskussionen folgen können, übersetzen Dolmetscherinnen und Dolmetscher die Voten in Echtzeit.
Während der Debatten sitzen sie in ihren Kabinen über dem Nationalratssaal. Von dort aus verfolgen sie jedes Wort und übertragen die Voten ins Deutsche, Italienische oder Französische. Die Anforderungen sind hoch. Politische Fachbegriffe, spontane Wortmeldungen und komplexe Sachverhalte müssen innert Sekunden korrekt übertragen werden.
Gleichzeitig dürfen Inhalt und Ton einer Aussage nicht verfälscht werden. «Wir sind immer froh, wenn jemand frei spricht und Pausen macht. Dann können wir mitdenken», sagt Ursula Schneider, Leiterin Bereich Dolmetschen. «Wenn jemand einen vorgefertigten Text einfach schnell vorliest, ist er viel schneller und wir müssen uns dann richtig ranhalten.»
Dienstleister der Demokratie
Die Parlamentsdienste übernehmen noch weit mehr Aufgaben. Sie organisieren den Empfang ausländischer Delegationen, koordinieren offizielle Anlässe, betreuen Besuchergruppen und sorgen dafür, dass die Infrastruktur des Bundeshauses funktioniert.
Die Bandbreite der Tätigkeiten zeigt: Die Parlamentsdienste sind weit mehr als eine administrative Unterstützungsstelle. Sie bilden das organisatorische Rückgrat des Schweizer Parlaments.
Dennoch bleiben ihre Mitarbeitenden meist unsichtbar. Während im Bundeshaus politische Entscheide gefällt werden und die Aufmerksamkeit den gewählten Volksvertreterinnen und Volksvertretern gilt, arbeiten sie hinter den Kulissen. Ihr Auftrag ist es nicht, Politik zu machen, sondern die Voraussetzungen dafür zu schaffen, dass Politik gemacht werden kann.
«Wir sind im Hintergrund», sagt Philipp Baeriswyl, Leiter Einheit Protokoll und Reisen. «Wir sollten nicht im Vordergrund sein.» Gerade das mache für ihn den Reiz der Aufgabe aus. «Ich bin wirklich Dienstleister.»
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