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Saturday, September 26, 2026

«Als würden deine Augen rausgedrückt»: Migräne quält Antonia

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Knapp 18 Prozent der erwachsenen Frauen leiden in der Schweiz unter Migräne, bei den Männern sind es etwa sechs Prozent. Die meisten können während einer Attacke nicht mehr arbeiten und müssen sich krankmelden. Doch nicht immer gibt es dafür Verständnis. Zwei Betroffene schildern, wie sie mit den Schmerzen leben.

Hattest du schon mal eine Migräneattacke?

«Mit jedem Herzschlag fühlt es sich an, als würden deine Augen gewaltsam aus den Augenhöhlen gedrückt»

«Stell dir vor, du hast den ganzen Tag einen schweren Rucksack getragen. Du legst ihn ab und spürst, wie deine Schultern, dein Nacken und dein Hinterkopf ziehen. Deine Schläfen, Augen, Stirn, ja selbst der Kiefer pulsieren. Mit jedem Herzschlag fühlt es sich an, als würden deine Augen gewaltsam aus den Augenhöhlen gedrückt. Punkte tanzen vor deinen Augen, du siehst verschwommen. Dir ist schwindelig und übel, dein Magen ist flau, du frierst.» Für Antonia (25) fühlt sich Migräne genau so an.

Während einer Attacke werde Alltägliches unerträglich. «Ich kann mich kaum bewegen, weil jede Erschütterung den Schmerz verstärkt. Auf Bildschirme schauen geht kaum, selbst die niedrigste Helligkeit brennt in den Augen. Ich bin so überreizt, dass selbst enge Kleidung, Schmuck oder das Ticken eines Sekundenzeigers mich überfordern.»

Die Migräne beeinflusst auch ihr Studium und ihre Freizeit. Antonia müsse häufig Pläne absagen, manchmal nehme sie trotzdem unter starken Schmerzen an Veranstaltungen teil. «Gerade im Studium raubt mir die Migräne manchmal mehrere Tage und macht meinen ganzen Lernplan zunichte.» Spontane Pläne wie Motorradfahren, Sport oder Essen gehen müsse sie neu bewerten. «Bin ich den Reizen gewachsen? Ertrage ich es körperlich? Die Antwort lautet fast immer nein.»

Ich kann mich kaum bewegen, weil jede Erschütterung den Schmerz verstärkt.

Antonia (25)

Besonders nerven Antonia Reaktionen von Menschen, die Migräne mit gewöhnlichen Kopfschmerzen vergleichen. «Ich habe auch Kopfschmerzen» oder «Hast du genug getrunken?» seien Sätze, die sie immer wieder höre. «Wenn ein Migräneanfall durch Wasser gestoppt werden könnte, hätte ich alle Gewässer dieser Erde ausgetrunken. Migräne ist kein simpler Kopfschmerz, den man einfach weg erklären kann.»

Aus Angst, als unzuverlässig wahrgenommen zu werden oder Migräne als Ausrede ausgelegt zu bekommen, habe Antonia ihre Beschwerden schon verheimlicht. «Oft bringt es nicht viel, mitzuteilen, dass man Schmerzen hat. Bis auf einen mitleidigen Blick und die Frage, ob man genug getrunken habe, muss man sich dem Schmerz trotzdem stellen.»

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«Migräne übernimmt in diesem Moment mein ganzes Leben»

Für Tristan (34) fühlt sich eine starke Migräneattacke an, «als hätte mich ein Lastwagen überfahren». Vor seiner aktuellen Medikation hatte er bis zu 15 Migränetage pro Monat – jeden zweiten Tag. Heute habe er fast keine Migränetage mehr. Verschwunden sei die Belastung trotzdem nicht.

«Jeden Morgen ist mein erster Gedanke beim Aufwachen: Habe ich Migräne oder nicht?» Oft merke er innerhalb von Sekunden, ob eine Attacke da sei oder sich anbahne. «Der Tag startet nicht neutral. Er startet mit einer Art innerem Check und mit der Angst vor Schmerz.»

Suchst du eine Anlaufstelle für Migräne-Betroffene?

Auf der Informationsplattform migraine-hub.ch findest du Beiträge rund um Migräne – etwa zu Grundlagen, Mythen und Fakten, Migräne bei Männern oder im Arbeitsalltag.

Die Kampagne wurde gemeinsam mit Betroffenen sowie auf Migräne spezialisierten Neurologinnen und Neurologen entwickelt. Die Inhalte wurden von der Schweizerischen Kopfwehgesellschaft und dem Kopfwehzentrum Hirslanden fachlich geprüft.

Wenn die Migräne stark sei, könne er praktisch nichts mehr machen. «Ich bin zwar körperlich da, aber eigentlich nicht wirklich anwesend.» Bewegung sei schlimm, Liegen ebenfalls. Ihm werde übel, häufig müsse er erbrechen, Essen und Trinken fielen schwer. Wenn die Medikation nicht helfe, könne eine Attacke zwei oder drei Tage dauern. «Migräne ist für mich nicht einfach starker Kopfschmerz. Sie übernimmt in diesem Moment mein ganzes Leben.»

Arbeiten, Autofahren, Sport oder soziale Kontakte seien dann kaum möglich. «Ich kann nicht richtig Zeit mit meiner Familie verbringen. Ich bin keine Hilfe zu Hause.» Manchmal schaffe er es trotzdem, weiterzufunktionieren. «Aber das heisst nicht, dass es mir gut geht.»

Jeden Morgen ist mein erster Gedanke beim Aufwachen: Habe ich Migräne oder nicht?

Tristan (34)

Vor seiner aktuellen Medikation musste Tristan seinen Alltag häufig umstellen. «Dann muss sich oft nicht nur mein Tag ändern, sondern der Tag der ganzen Familie.» Arbeit und private Pläne fielen aus, Sport wurde gestrichen. Mit der Zeit habe er begonnen, sich dafür zu schämen oder schuldig zu fühlen. «Ich bin nicht fröhlich, nicht sozial, nicht präsent. Dadurch entsteht eine Schwere, die auch meine Frau und meine Kinder mittragen.»

Auch deshalb spielt Tristan oft herunter, wie stark ihn die Migräne tatsächlich beeinträchtigt. «Gerade wenn etwas regelmässig vorkommt, möchte man nicht ständig erklären müssen, warum es einem wieder nicht gut geht.» Er wolle nicht als unzuverlässig oder weniger belastbar wahrgenommen werden. «Vielleicht mache ich deshalb vieles mit mir selbst aus. Man kämpft nicht nur mit dem Schmerz, sondern irgendwann auch mit der Erschöpfung, immer wieder nach einer Lösung zu suchen und trotzdem weiterzumachen.»

«Die Vorstellung, gegen Migräne könne man nichts machen, hält sich hartnäckig»

Frau Dr. Brunn, was unterscheidet Migräne von normalen Kopfschmerzen?

Migräne ist eine neurologische Erkrankung mit anfallsartigen, meistens sehr starken Kopfschmerzen. Sie unterscheidet sich von normalen Kopfschmerzen nicht nur durch die Intensität, sondern auch durch Begleiterscheinungen wie Übelkeit, Erbrechen, Licht-, Geruchs- und Lärmempfindlichkeit sowie Sehstörungen oder Schwindel. Die Kopfschmerzen sind oft nur die Spitze des Eisbergs.

Welche Symptome überraschen Menschen besonders?

Der Einfluss der Migräne auf Stimmung, Konzentration und Gedächtnis ist vielen nicht bewusst. Auch Symptome einer Aura wie Sehstörungen, Sprech- und Sprachstörungen oder Gefühlsstörungen werden häufig nicht mit Migräne in Verbindung gebracht und können für Betroffene sehr beängstigend sein.

Wieso leiden Frauen häufiger unter Migräne als Männer?

Frauen sind zwei- bis dreimal häufiger betroffen. Hauptursache sind die unterschiedlichen Hormonausschüttungen. Besonders Östrogen kann Häufigkeit und Intensität der Migräne beeinflussen, etwa während des Menstruationszyklus, in der Schwangerschaft oder in der Menopause. Bei Männern ist der Einfluss von Hormonen auf Migräne noch wenig untersucht.

Welche Mythen über Migräne begegnen Ihnen häufig?

Ein Mythos ist, Migräne sei eine reine Frauenkrankheit. Auch Männer und Kinder können betroffen sein. Ein weiterer ist, Migräne sei eine psychische Erkrankung. Das ist nicht der Fall. Stress oder emotionale Belastungen können Attacken auslösen, sind aber nicht die Ursache. Auch die Vorstellung, gegen Migräne könne man ohnehin nichts machen, hält sich hartnäckig. Dabei gibt es heute verschiedene medikamentöse und nicht medikamentöse Behandlungsmöglichkeiten.

Wann sollte man mit Kopfschmerzen ärztliche Hilfe suchen?

Wenn anhaltende oder wiederkehrende Kopfschmerzen die Lebensqualität beeinträchtigen oder regelmässig Schmerzmittel nötig sind. Eine Abklärung ist auch wichtig, wenn sich bekannte Kopfschmerzen plötzlich verändern oder neurologische Begleitsymptome wie Lähmungserscheinungen auftreten.

Welche Behandlungsmöglichkeiten gibt es?

Man unterscheidet zwischen Akutbehandlung und vorbeugender Therapie. Zur Vorbeugung können unter anderem ausreichend Bewegung, ein regelmässiger Schlafrhythmus, Physiotherapie, Entspannungsübungen, nicht invasive Neurostimulation und Medikamente wie CGRP-Antikörper oder Gepante eingesetzt werden. Für die Akutbehandlung stehen unter anderem Schmerzmittel, Triptane, Gepante und bei Bedarf Medikamente gegen Übelkeit zur Verfügung.

Was sind deine Erfahrungen mit Migräne?

Carolina Lermann

Carolina Lermann (ler) arbeitet seit Mai 2023 für 20 Minuten. Sie ist Redaktorin für Body & Soul im Lifestyle-Ressort und schreibt über Erziehung, Sport und Psychologie.

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