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Friday, October 9, 2026

Vom Verschwinden des Eises – Gletscherfotograf Daniel Schwartz: «Das sind dramatische Zahlen»

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Ob in den Alpen oder im Himalaya: Weltweit schrumpfen die Gletscher oder lösen sich ganz auf. Der in Solothurn lebende Fotograf Daniel Schwartz dokumentiert seit Jahren das Verschwinden dieser gewaltigen Eismassen. Dabei legen seine Schwarz-Weiss-Aufnahmen nicht nur ihren Substanzverlust offen, sondern verweisen auch auf eine versehrte Natur.

Schwarzweiss-Fotografie einer Berglandschaft mit Gletschern und Wolken.
Legende: Der Pastoruri-Gletscher in Peru schmolz zwischen 1980 und 2019 mit einer Geschwindigkeit von rund 23 Metern pro Jahr zurück, so das unabhängige Nachrichtenportal Salud con lupa. (Aufnahme vom 13.01.2016) Daniel Schwartz/VII, ProLitteris, Zürich, VG Bild-Kunst

Seit der Jahrtausendwende sind in der Schweiz über 40 Prozent des Gletschervolumens verloren gegangen. «Das sind dramatische Zahlen», sagt Schwartz: «Sie zeigen ein Problem, das man Jahrzehnte lang nicht wahrnehmen wollte.»

Gletscherchronik

Der Fotograf, der oft zusammen mit Geologen in der ganzen Welt unterwegs ist, kritisiert die politischen Reaktionen nach diesem Hitzesommer. Er verspüre Verzweiflung, «wenn ein Umweltminister in seiner Hilflosigkeit sagt, er habe sich nicht vorstellen können, dass es einmal so heiss wird.»

Schwartz dokumentiert ausgefranste Gletscherzungen, Risse und Furchen im Eis, Murgänge und Geröll, das vom Berg ins Tal stürzt. Dabei geht er mit seiner Analogkamera immer wieder nahe dran. Den Birchgletscher oberhalb von Blatten hat er 2025 aus einem Helikopter fotografiert – einen Tag vor dem Bergsturz.

Eisbrocken wie gestrandete Wale

Die Dokumentationen dienen der Wissenschaft, sollen aber darüber hinausgehen: «Ich möchte nicht nur Evidenz herstellen, sondern die Darstellung von Gletschern ästhetisch erweitern.» Dies geschieht etwa dann, wenn Schwartz eine seiner Aufnahmen in Beziehung setzt zu einem Gemälde der gleichen Berglandschaft aus einem früheren Jahrhundert.

Überraschende Formen kristallisieren sich auch aus den Steinhalden und Schuttkegeln heraus, wenn der Fotograf abgebrochene Eisbrocken festhält, die wie gestrandete Wale in der Landschaft liegen. Die Bilder machen deutlich, wie der auftauende Permafrost, der durch die Klimaerwärmung verursacht wird, ganze Gletscher-Landschaften umpflügt.

Ein politisches Signal ohne Wirkung

Schwartz rückt den Gletscher als Metapher für verwundete Kreaturen in einer versehrten Welt ins Bild. Seine Aufnahmen können als Warnsignale gelesen werden und zum Handeln animieren. Daran glaubt er selbst allerdings nicht: «Meine Fotografie hat politisch nichts bewirkt, wie auch die Kriegsfotografie nichts bewirkt. Es gibt grosse Widerstände von denen, die über diese Themen entscheiden, gegenüber denen, die die Verhältnisse vor Ort kennen.»

Darauf weist auch die Sturzflut von Nepal im vergangenen August hin. Die ETH-Gletscherforscherin Mylène Jacquemart hielt dazu fest, dass es sehr wahrscheinlich Anzeichen für Bewegungen gegeben habe, wenn man vor Ort genau hingeschaut hätte.

Schwartz will weiter vor Ort arbeiten, demnächst auf dem Gornergletscher im Monte-Rosa-Massiv. Er geht davon aus, dass aus jenen Schmelzbächen, die er 2014 fotografiert hatte, mittlerweile «richtige Canyons» geworden sind. Dort soll ein Stausee für die Stromproduktion angelegt werden. Das Projekt ist jedoch umstritten – gerade auch, weil es dem Gletscher an seine Substanz geht.

Daniel Schwartz: «Unterwegs zu den Gletschern der Welt». Galiani, 2026.

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